Juliana hatte gerade ihr Abitur in der Tasche. Die Zusage für ihren Studienplatz hatte sie auch. Jetzt war sie auf der Suche nach einem Zimmer in einer WG.

 

Endlich, endlich zu Hause weg. Endlich Freiheit. Endlich machen können was man will. Als Jüngste von 3 Geschwistern hatte man es nicht einfach. Zumindest nicht, wenn die Geschwister die älteren Brüder sind.

 

Aber jetzt begann ihr Leben. Sozialarbeiterin wollte sie werden. Helfen wollte sie.

 

Nachdem sie sich etliche WG angesehen hatte, meinte sie, die für sie passende gefunden zu haben.

Es war eine gemischte WG und sie verstand sich auf Anhieb gut mit ihren zukünftigen Mitbewohnern. Eine Woche später konnte sie einziehen. Es war eine grosse Wohnung in einem Altbau, bestehend aus einem gemeinsamen Aufenthaltsraum und 6 weiteren Zimmern, einer großen Küche, 2 WC und einem separatem Bad.

 

Ihre Mitbewohner waren 3 Junge Männer, Michael der Jura studierte, Martin der Lehrer werden wollte und Gregorius. Gregorius kam aus Griechenland und studierte Betriebswirtschaft. Die beiden jungen Frauen waren Angelika, die wie sie Sozialarbeiterin werden wollte und Beate, die eine Ausbildung zur Hebamme machte. Beate war die älteste von Ihnen und diejenige, die die WG gegründet hatte.

 

Juliana fühlte sich wohl in ihrer WG, in der für sie neuen Stadt. Sie genoss ihr Leben. Ging regelmäßig in ihre Vorlesungen, arbeitete nebenbei als Kellnerin. Ach war das schön, jung zu sein.

 

Einen Abend feierten sie in dem Lokal, in dem Juliana arbeitete, den Geburtstag von Martin wurde 21 Jahre. Zum damaligen Zeitpunkt ein Grund zum feiern, war er doch endlich volljährig. Es wurde viel getrunken an dem Abend und Gregorius machte zudem noch einen zugedroehnten Eindruck. Juliana hatte mittlerweile mitbekommen, dass er auf Drogen war. Er tat ihr Leid, war er doch sonst ein ganz netter Kerl. Immer lustig und fröhlich.

 

Juliana ging an diesem Abend früher nach Hause, sie hatte am nächsten früh eine wichtige Vorlesung die sie nicht versäumen durfte. Zu Hause angekommen, putzte sie Zähne und ging direkt ins Bett.

 

Türen wurden in der WG keine abgeschlossen. Die Zimmer der anderen wurden nur auf Einladung oder nach anklopfen betreten, das war ungeschriebenes Gesetz. Wer sollte ihr auch etwas tun.

 

Sie war grade eingeschlafen, da wurde sie unsanft geweckt. Gregorius hielt ihr den Mund zu, drohte ihr, wenn sie schreiben würde, bringe er sie um und vergewaltigte sie. Juliana weinte, wusste nicht was sie machen sollte, fühlte sich so schmutzig und ließ sich ein Bad ein. Nach und nach kamen die anderen nach Hause. Juliana saß mit verheultem Gesicht in der Küche, auf die besorgten Fragen der anderen erzählte sie ihnen alles.

 

Sie beschlossen, keine Polizei zu informieren, waren sich jedoch einig, dass Gregorius die WG verlassen musste, am Besten sofort. So geschah es auch. Und alle waren der Meinung, am Besten Juliana vergesse das Ganze. Das war ihr allerdings nicht möglich. Als sie ihre Tage hätte haben sollen bekam sie diese nicht. Sie wartete noch einmal 4 Wochen, wieder nichts. Mittlerweile war ihr Morgens oft übel. Sie ging zum Arzt und erfuhr, sie ist schwanger.

 

Wieder saß sie weinend in der WG. Abtreibungen waren noch strafbar. Sie hätte auch nicht gewusst, wie sie jemanden finden koente, der eine Abtreibung durchfuehren wuerde und außerdem hatte sie auch kein Geld. Die anderen trösteten sie, sagten, das kriegen wir schon hin, mach dir mal keine Sorgen. Wir haben alle unterschiedliche Vorlesungszeiten und können uns bei der Betreuung des Kindes abwechseln. Die Zeit verging, Juliana rauchte viel zu viel, nervös und unglücklich wie sie war. Sie verdrängte ihre Schwangerschaft, ging auch nicht wieder zum Arzt, Beate schimpfte mit ihr.

 

Die Zeit verging und eines Morgens hatte sie fürchterliche Krämpfe, sie weckte Beate. Beate nahm ihre Uhr und meinte, dann schauen wir mal, wie oft diese Krämpfe kommen, ich denke es sind die Wehen und dann ab ins Krankenhaus. Gesagt getan. Beate brachte sie ins Krankenhaus, 3 Stunden später war ihr kleiner Sohn geboren. Viel zu klein, viel zu leicht und musst erst einmal in den Brutkasten.

 

Als sie mit ihrem Sohn entlassen wurde, hatte sie sich damit abgefunden, Mutter zu sein und wenn sie das kleine Wesen im Arm hielt, vergaß sie, wie er gezeugt worden war. Sie liebte ihren Sohn. Sie brachte das Semester zu Ende, stellte fest, sie schafft die Doppelbelastung Studium und Kind nicht. Zudem konnte sie ja auch nicht mehr arbeiten. Es fehlte an Geld. So nahm sie eines Tages ihr Kind und fuhr zu den Eltern, die bis dahin nicht wussten, dass sie Großeltern geworden waren. Umso groesser erst das Staunen und dann das Entsetzen, als sie erfuhren, wie ihre Tochter Mutter geworden war.

 

Sie nahmen Juliana zu Hause mit dem Kind auf. Juliana machte eine Ausbildung zur Buchhalterin, die Eltern versorgten ihr Kind. Nachdem sie mit ihrer Ausbildung fertig war und von ihrer Ausbildungsfirma auch übernommen worden war, nahm sie für sich und ihren Sohn eine kleine Wohnung. Den Traum, doch noch zu studieren hatte sie aufgegeben.

 

Ihr Sohn wuchs und gedieh, sie liebte ihn über alles. Sie lernte einen Mann kennen, mit dem sie zusammen zog und der für ihren Sohn der Vater war.

 

16 Jahre später ging die Beziehung auseinander, ihr Lebensgefährte bekam eine Dozentenstelle in München, sie wollte nicht nach München, sondern in ihrer Heimat bleiben, sie wollte auch ihren Sohn nicht aus seinem Schul- und Freundeskreis herausreißen, so trennten sie sich freundschaftlich. Er kümmerte sich auch noch von München aus um den Jungen, als wenn es tatsächlich sein eigener wäre.

 

Ihr Sohn wurde 18, machte den Führerschein und sein Pflegevater schenkte ihm ein kleines Auto, jetzt konnte er ihn öfters besuchen. Die groesste Freude, die er Juliana machte, war, als er sich fuer das Studium der Sozialpaedagogik enschied, obwohl sie das niemals von ihm verlangt hatte.

 

3 Jahre später zog er mit seiner Freundin zusammen. Juliana lernte einen Mann kennen und zur Überraschung ihres Sohnes heiratete sie.

 

Heute ist ihr Sohn 32 Jahre, das Schlimmste für sie wäre, wenn er, wie er manches mal anspricht, wirklich auswandern würde. Sie kommt mit seiner Freundin wunderbar aus. Sie, ihr Mann, ihr Sohn und die Freundin treffen sich oft, fahren 1 bis 2 x im Jahr gemeinsam in Urlaub.

Der einzige Wehmutstropfen für Juliana ist, sie wäre so gerne Oma, doch den Wunsch haben die Beiden noch nicht vor, ihr zu erfüllen.

 

Text: N.F. (August 2010)