Im Jahre 1284 wollte man die Ratten um jeden Preis loswerden weil sie das Korn aus den reichen Lagern fraßen. Heute haben die Hamelner den Ratten gleich mehrere Denkmäler gestiftet. Neben den zwei Rattenfängerbrunnen sitzt eine große goldene Ratte oben auf der Fußgängerbrücke über der Weser. Genau genommen begegnen uns die Ratten oder der Rattenfänger auf jedem Schritt beim Gang durch die historische Stadt und sogar in einem Glasfenster der Marktkirche. Die Ratten haben sich durch die weltweit bekannte Sage um den Rattenfänger für Hameln als goldener Glücksfall erwiesen. Selbst in China ist der Rattenfänger als "Yin shu ren", der „Mann, der die Ratten fängt“ bekannt. So machen die Hamelner denn auch alles um die Ratten zu fördern, zumindest als Symbol, oder die aus leckerem Marzipan, oder die aus Waffelteig. Derzeit stehen noch einige kunstvolle Riesenratten aus dem sommerlichen Street-Art-Projekt im Internet zur Versteigerung. Der Erlös daraus soll das nächste Rattendenkmal, eine riesige Monumentalskulptur mitten in der Weser finanzieren.
Wir sind die 130 km mit dem Fahrrad auf dem Weser-Radweg von Hannoversch-Münden, der Heimatstadt des sagenhaften Doktor Eisenbart her gekommen. Der Weser-Radweg ist einer der schönsten Radwanderwege Europas. Wir strampelten an Hänsel und Gretels Stadt Höxter, an Aschenputtels Burg in Polle und an der Heimat Münchhausens Bodenwerder vorbei. Nun in Hameln freuen wir uns nach so vielen hübschen kleinen Fachwerkstädtle und Dörfern, den stillen begleitenden Jurakalkfelsen des Wesergebirges und Flusseinsamkeit wieder auf richtiges Stadtleben. Wer will, kann sich ja das Gepäck voraus transportieren lassen. Wir sind jetzt erstmal froh unser Rad samt Gepäck für einen Euro sicher im Parkhaus „Rattenfängerhalle“ direkt an der Weser in Hameln einstellen zu können.
Unbeschwert treten wir, nur zwei von jährlich fast 4 Millionen Besuchern, in die Altstadt ein wie in eine gute Stube. Der erste Eindruck überzeugt sofort von dem Anspruch eine der schönsten Städte Deutschlands sein zu wollen. Nur in Italien gibt es mehr Renaissance Bauwerke an einem Ort als hier in Hameln. Aber das ganze Weserbergland orientierte sich ja selbst in seiner Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert an der Renaissance und prägte die regionstypische so genannte „Weserrenaissance“ als ganze Architekturlandschaft aus. Hameln ist nur eine Perle an der „Straße der Weserrenaissance“. Hamelns Bürger konnten sich durch die verkehrsgünstige Lage ihrer Stadt, die einstmals sogar Hansestadt war, augenscheinlich doch einigen Reichtum ansammeln, was sich an den vielen reichen Bürgerhäusern zeigt. Aber nicht nur die einzelnen, oft von bedeutenden Baumeistern gestalteten Gebäude begeistern. Die äußerst behutsame Gesamtsanierung bietet die lebendige gute Stube von Heute. Hameln ist nicht „tot saniert“ wie so manch andere historische sehr saubere aber leere Stadt. Hameln lebt, und wer hierher kommt, lebt mit den Hamelnern und freut sich an der gemütlichen Gastronomie und an Angeboten der Kurzweil und Kultur.
Ende Oktober ist der Pferdemarkt voller Buden und Stände. Bald herrscht das abendliche Treiben des Hamelner „Herbst- und Bauernmarkts’. Schinken und leckere Würste hängen uns vor den glänzenden Augen. Historisch gekleidete Männer und Frauen backen duftende Brote. Der Rauch aus den Räucherschränken vermischt mit Forellen- und Aalgeschmack lockt uns um die Ecke. Genauso originell wie die großen Räucherschränke ist der „Räuchermann“, als hätte er selbst einige Zeit im Räucherschrank gehangen. Glühwein an der anderen Ecke. Scherenschleifer, Glockengießer und Glasbläser lassen sich bei ihrer interessanten Arbeit zuschauen. Die Menschen sind freundlich gesprächig hier, leidenschaftlich ihre Waren anbietend mit Freude in den Augen. Das steckt uns an und wir bleiben lange in einem der kleinen beheizten Zelte bei Jungschweinschinken vom Spieß und würzigem Alt und planen noch schwerfällig die nächste Tagesetappe.
Aber dazu ist es dann nicht gekommen, weil es uns so gut in Hameln gefallen hat und weil das Hotelbett direkt an der stillen Weser doch wirklich gut war. Außerdem haben wir uns an der schönen Stadt noch lange nicht satt gesehen und wir sind gespannt auf einen ganzen Erlebnistag in Hameln und meine Frau hat noch etwas Schönes in einem Schaufenster gesehen. Hier kann man tatsächlich schön einkaufen, ist Hameln doch das Zentrum des reizvollen Weserberglandes mit einem ansehnlichen Angebot an Geschäften und dem Markt.
Der Spaziergang durch die Altstadt führt in einer Art Zeitreise über unterschiedlichste Baustile durch Jahrhunderte. Es dominiert natürlich die schon genannte Weserrenaissance in Holz und Stein wie zum Beispiel am „Rattenfängerhaus“, am „Dempterhaus“ oder am prachtvollen „Leisthaus“. Typische Kennzeichen dieses Baustils sind die reich gegliederten Fassaden der Bürgerhäuser mit Voluten, Pyramiden, Obelisken, Kerbschnitt-Steinen, Schmuckleisten mit Inschriften und Wappen, Masken und Neidköpfen und den eigenartigen „Utluchten“, das sind ebenerdig vorgebaute große Prachterker.
Während wir mit echter Bewunderung den Flair und das Ambiente herausragender Bauten und Plätze einatmen, ist er plötzlich da. Der Rattenfänger mit rotem Wams, gelben Schnabelschuhen und natürlich mit Flöte. Das Weserbergland ist zwar wegen der vielen Märchen und Sagen als Märchenland bekannt, aber dieser Rattenfänger hier, der ist echt. Touristen scharen sich um den bunten Mann und folgen ihm wie zu alter Zeit die Ratten. Es ist eine offizielle Stadtführung an der Jedermann teilnehmen kann. Wir hören aus dem Hintergrund mit spitzen Ohren von der Gründung des Benediktinerklosters Hameln im Jahr 851 und von der Stadtgründung um das Jahr 1200. Im 17. Jahrhundert begann der Ausbau Hamelns zur stärksten Festung des Fürstentums Hannover. Die Festung wurde "Gibraltar des Nordens" genannt, was Napoleon I. nicht daran hinderte sie 1808 zu schleifen.
Wir sind der Pfeife des Rattenfängers nicht gefolgt und einfach weiter geschlendert, an Schaufenstern vorbei und an schönen Gasthäusern, aus denen es schon gefährlich duftet. Vom berühmten „Hochzeitshaus“ mit seinem Glockenspiel und Figurenlauf (natürlich die Ratten mit ihrem Meister) sehen wir am Tag nicht mehr als gestern in der Nacht, denn das um 1600 erbaute Gebäude ist außen verpackt und wird innen derzeit behutsam vollständig entkernt. Im Frühjahr 2005 wird es wieder öffnen, als Zentrum der „Erlebniswelt Renaissance“, um das sich die weiteren Standorte positionieren: Schloss Bückeburg, die Martinikirche in Stadthagen, Schloss Hämelschenburg, Rinteln, Schloss Bevern und Höxter. Dies ist ein als Netzwerk angelegtes europäisches Projekt in der Weserregion, das seine Besucher ab Mai 2005 die Zeit der Renaissance in seiner Gesamtheit authentisch erfahren lassen wird. Das „Hochzeitshaus“ in Hameln wird als Science-Center eine Schlüsselstellung im Erleben jener Zeitepoche einnehmen. Das muss man sich unbedingt vormerken, denn der Besucher soll an allen Stationen sich selbst steuernd Teil der Renaissance werden, die er hautnah erlebt! Eine beeindruckende, appetitanregende Vorschau, wie dann Kultur in moderner Form einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird, ermöglicht bereits jetzt die Website www.erlebniswelt-renaissance.de
Auf der Plattform vor dem Hochzeitshaus wird dann ab Mai auch wieder das moderne Musical „Rats“ und die alten Rattenfänger-Freilichtspiele aufgeführt. Die weltweit begehrten Aufführungen werden die Zuschauer einmal mehr in frühere Jahrhunderte und in eine sagenhafte Märchenwelt versetzen wie bereits seit fast 50 Jahren.
Als wir dann am Nachmittag noch die Portmühle und die in Deutschland einzige alte Schleuse mit Kurve(!) anschauen und mit einem Insel-Spaziergang verbunden haben, wurden wir mit dem Blick auf die Weser, wo zu seiner Zeit der Rattenfänger die Ratten ersäuft hatte, schließlich an unser eigentliches Unternehmen erinnert. Wir wollten doch den Weserradweg bis zur Mündung in Bremerhaven abradeln. Aber da liegen auch die schönen weißen Schiffe der „Flotte Weser“ am Ufer, und wir waren ja doch schon so neidisch auf die Kanuten, die uns so oft auf der Weser flussabwärts ohne viel zu paddeln begleitet haben. Wir entschließen uns, einmal dem Müßiggang hingegeben, zu einer Ausflugsfahrt mit dem Dampfer. Aber das ist erst morgen, Abfahrt um 10°° Uhr. Heute haben wir in dieser sehr angenehmen Stadt noch Zeit für zum Beispiel Kultur. Zu später Stunde konsumieren wir ein Jazz-Club-Konzert im Hefehof, ein schönes Backstein-Fabrikgebäude mit Industriemuseum und Erlebniswelt in Form von Einzelhandel, Gastronomie und Kleinkunst-Bühne.
Heute Morgen freuen wir uns schon beim Frühstück auf die herbstliche Landschaft des Weserberglands einmal gemütlich vom Wasser aus gesehen. Wir nehmen die Fahrt flussaufwärts nach Bodenwerder, obwohl wir mit dem Rad dort schon vorbei gefahren sind. Das kleine, schnuckelige Städtchen kann man beim Landgang noch mal anschauen und einen Kaffee trinken. Während der schwere Schiffsdiesel durch die Planken schon unsere Füße kitzelt, sehen wir im Fahrplan auch die Möglichkeit nur eine Fahrt zu machen und mit der Dampflokomotive (Baujahr 1942) der Museumseisenbahn zurück zu fahren. Auch könnte man als interessante Variante auf dem Schiff sein Fahrrad mitnehmen.
Schon haben wir abgelegt und nehmen beschauliche Fahrt auf. Alsbald gleitet das Schiff an der historischen Windmühle im 1.000 jährigen Tündern vorbei. Die schicke Mühle ist noch nicht aus den Augen, und wir erinnern uns an den fröhlichen Abstecher vor zwei Tagen in das Emmertal, wo nach 3 km das prachtvolle Schloss Hämelschenburg liegt. Diese großartige Dreiflügelanlage im Stil der Weserrenaissance bewohnt seit dem 16. Jahrhundert immer noch die Familie Klencke, die ihr Kleinod aber auch gerne besichtigen lässt. Unterhalb des großen Landschaftsparks gibt es an der alten Wassermühle an der Emmer ein Kunstatelier, eine Seifensiederin mit schönstem duftenden Angebot und einen Kleinbetrieb, der herrliches Holzspielzeug und anderen Tand herstellt. Dort sind unsere Radtaschen unter unseren freudigen Gesichtern dicker geworden.
Inzwischen hat das Motorschiff einige Flusskilometer gemacht. Da ist er ja, der Biergarten am Grohnder Fährhaus, wo wir noch vor kurzem die Sonne, die goldenen Farben des Herbstes und andere Dinge genossen haben. Hier sind wir mit der „Gierseilfähre“ die nur von der Strömung angetrieben wird, für einen Euro mit den Fahrrädern übergesetzt. Ja, der Weserradweg bietet eine Menge für die Sinne. Anmutiges Mittelgebirge wechselt mit fruchtbaren Auen. Man fährt durch das stillere Deutschland, durch touristisch unverbrauchte Gegenden, die ursprünglich, gastlich und romantisch geblieben sind. Aber die Weser und die Landschaft ist auch vom Schiff aus wunderschön romantisch, das jetzt schon auf das herrlich zwischen den Hügeln des Naturparks Solling-Vogler liegende Bodenwerder zufährt.
„Ich will Ihnen, meine Herren, mit Geschwätz keine Langeweile machen, viel weniger Sie mit Abenteuern unterhalten ...“, sprach der große Fabulierer aus Bodenwerder. Es ist aber kein Märchen, Hieronymus Karl Friedrich Freiherr von Münchhausen lebte 1720 bis 1797 hier als Gutsherr in Bodenwerder. In der mittelalterlichen kleinen Fachwerkstadt mit Wehrtürmen und 1000jähriger Klosterkirche legen sein Geburtshaus (heute Rathaus) und ein Münchhausenmuseum Zeugnis von seiner tatsächlichen Existenz ab. Mit Münchhausenspielen und einem Wettbewerb für widersinnige, humorvolle und aufschneiderische Übertreibungen und Lügengeschichten (ich würde wahrscheinlich meinen Ruf als Journalist ruinieren), halten die Bodenwerder das Andenken an ihren berühmten Vorfahr aufrecht. Die Museumsführer, so scheint uns, sind echte Nachfahren im Sinne großartigen Fabulierens. Den Rest gibt uns noch der Brunnen: Der Baron sitzt auf seinem halben Pferd das gerade aus dem Brunnen säuft und hinten rinnt das Wasser ungenutzt wieder heraus. Aber er hat es ja später wieder zusammennähen lassen. (Geschichte aus dem Türkenkrieg)
Wir verbringen noch eine kleine Wartezeit auf einer der schönsten Weserpromenaden, bevor wir das Schiff besteigen. Klar, dass sich hier Angler und Wassersportler jeder Art wohlfühlen. Hier könnten wir doch nächstes Jahr ein Kanu mieten oder mit dem Holzfloß fahren, und dann aber auf jeden Fall Mitte August, wenn die Weser beim Lichterfest „brennt“. (Das größte musikalische Höhenfeuerwerk Norddeutschlands). Im August ist dann mit 55 km gesperrten Straßen auch das „Felgenfest“ im Wesertal mit Angeboten musikalischer und artistischer Unterhaltung. Wir könnten ja dann auch auf dem Weserbergland-Wanderweg von Hannovers Münden die 210 km bis nach Minden an der Porta Westfalica wandern und an den besten Orten so wie hier erholsame Station machen.
Auf der Rückfahrt nach Hameln schmieden wir Pläne, die restliche Weser bis zur Mündung in Bremerhaven im nächsten Sommer mit dem Fahrrad aber zum Teil auch mit dem Schiff abzufahren. Es zeichnet sich ja schon deutlich ab, dass wir mit unserer sinnlichen Bummelei dieses Jahr nicht mehr weit kommen. Aber man soll es sich doch auch mal richtig gut gehen lassen, oder? Der Weserradweg ist eben auch alles andere als ein „schneller“ Reiseweg. Man sollte sich Zeit nehmen für die fachwerkbunten Städtchen und Dörfer, die Burgen und Schlösser, Märchen- und Sagengestalten und die kulinarischen Genüsse sowieso.