Ein Ostermärchen
Vom guten König und der armen Maid


Es war einmal ein junger (nun ja, er war noch kein Greis) König zu Bergeheym mit Namen Horst. Der lebte in seinem goldenen Schloss und schaute jeden Morgen vom höchsten Turm hinab auf sein Reich. Er war ein guter König, sein Volk liebte ihn. Er hatte eigentlich alles (zehn Kutschen, zehn Hofnarren, zehn Ochsen, zehn Pferde und zehn Farbfernseher), doch ach, er war nicht glücklich. Sein Herz war so schwer, dass er einen eigenen Diener brauchte, um es zu tragen.

Da begab es sich am 17. Tag im 12. Monat, dass im Nachbarreich Friesenheym eine junge Maid (nun ja, sie war noch keine Greisin) gar schröcklich von der Langeweile geplagt war. Auch ihr Herz war trübe, und so setzte sie sich eines Abends in ihr kleines, armseliges Kämmerlein und schrieb eine Briefpost an ihn, während sie den Gesängen des Barden Bryan Adamus lauschte. Die Taube flog los und brachte die Mail ... das Brieflein zum König, der sich gar sehr freute und fragte, wer denn diese Maid wohl sei, die ihm da schrieb aus dem kleinen Friesenheym.

Also schickte er die Taube mit einer Antwort zurück. Die Jungfer errötete vor inniger Freude und antwortete wieder, und er dann auch wieder, ganze drei Stunden lang. (Die arme Taube musste gar sehr viele Flüge machen, aber zu der Zeit kannten sie noch keine Vogelgrippe, und es machte ihnen nichts aus.) Am Ende des Tages waren ihre Herzen nicht mehr schwer, sondern leicht und füreinander entflammt. Der König fühlte sich wie neugeboren. Er ging in den Reichswald, um einige Bäume auszureißen. Sie besuchte den Weihnachtsmarkt in Gymnichshausen und schaute jedem stattlichem Recken hinterher, der eine Krone trug, in der Hoffnung, es sei ihr König. Am anderen Tag schrieb sie dem Liebsten: „Das kann ja noch heiter werden ... aber es ist wunderschön!“ Der König las es mit wonniger Freude und ließ sogleich der Jungfer, sie trug übrigens den wunderschönen Namen Ruth, durch den Kurier des Zaren einen großen Strauß roter Gänseblümchen bringen. Die schöne Maid jauchzte vor Herzensfreude und Glück, und wieder flatterten die Tauben von ihrer kleinen Hütte zum Schloss und zurück, bis die beiden Verliebten beschlossen, sich an der Brücke am Erftbach zwischen Bergeheym und Friesenheym zu treffen, in einem kleinen Dorf namens Kerrepen.

Sie waren beide aufgeregt und es kam, wie es kommen musste. Sie fielen sich in die Arme und herzten und küssten sich. Ganz sittsam und streng, so wie es der Brauch war. Sie schwebten im siebenten Himmel, aber schon streckte die böse Fee Helgalinde die Hand zornig nach ihnen aus. Die Fee war die Gemahlin des König und hatte eine der Tauben abgefangen. Sie machte ihm eine gar furchtbare Szene, und als er seiner holden Maid davon berichtete, wurde diese sehr traurig und mutlos. Denn sie wollt nicht schuld sein am Zorn oder Unglück der Königin. Wieder wurde das Herz ihr schwer, und auch seins bröckelte, als sie sich wieder an der alten Brücke trafen und er sah, dass ihre Liebe getrübt war.

Dennoch wollte er nicht von ihr lassen und schickte ihr jeden Morgen eine dicke Taube mit Post. Aber sie antwortete nicht mehr. Er schickte ihr auch sprechende Papageien, damit sie seine Stimme höre und er die ihre (ihre Kindeskinder würden es einmal ganz unromantisch „Telefon“ nennen), aber bald trafen die Papageien sie gar nicht mehr an, oder sie hatte Besuch von ihrer Familie oder ihren Freunden, die ihr guten Trost spendeten. Der König war verzweifelt, denn sein Herz schlug noch immer für sie im Dreivierteltakt. Was sollte er tun? Er befragte den Zauberspiegel, und der sagte ihm: „Mein König, Ihr müsst der Jungfer Zeit lassen und ihr nicht auf die Nerven fallen. Wenn ihre Gefühle für Euch ebenfalls noch nicht ganz erloschen sind, werdet Ihr eines Tags wieder von ihr hören. Übt Euch in Geduld. Ach, und wo ich gerade dabei bin: Ich habe noch eine Nachricht von ihr an Euch.“ – „Eine Nachricht?“, fragte der König. „Nun sprich!“ – „Sie lässt euch zwei Dinge sagen, mein König.“ – „Spieglein, sprich!“, rief er voller Ungeduld. – „Sie sagt, es gibt keinen Zufall.“ – „Hmmm“, brummte der König, „Das denke ich auch. Es war also kein Zufall, dass wir an jenem Abend des 17. im 12. Monat Kunde voneinander erhielten. Und die zweite Nachricht?“ – „Es ist so!“ – Ja, dachte er, das sagte sie immer ...

Der gute König tat also, wie ihm vom Spiegel geheißen, und übte sich in Geduld. Ab und zu ging er hinunter ins Dorf in die Schänke „Akropolis“ an der Straße der Linden und trank einige Becher Met mit seinem alten Freund Scholz, dem Schmied. Und ach, sein Freund trauerte ebenfalls um seine große Liebe, die er verloren zu haben glaubte, die schöne Bäckerin Sabrina aus dem tiefen Süden, einem Land namens Italia. So trösteten sie einander und weinten stille gemeinsam.

Und in ihrer kleinen, armseligen Hütte saß derweil die Jungfer Ruth, die viel Ärger mit ihrer Meisterin hatte und kaum noch Zeit, und dachte immer wieder zurück an ihn und die wenigen schönen Tage, die ihnen das Schicksal geschenkt hatte. Wenn sie sich nicht wieder in ihren begehbaren Schränken verirrte, sah sie manchmal sein Bildnis an und seufzte gar tief. Das fühlte er in seinem Schloss und wagte es wieder, ihr die eine oder andere Taube zu schicken. Und wenn er Glück hatte, bekam er auch Antwort. Jetzt wusste er: tief in ihrem Herzen mochte sie ihn doch noch. Er machte sich Vorwürfe, weil er seinen Gefühlen für sie zu früh und zu viel freien Lauf gelassen hatte. Aber sie hatten beide noch Zeit, das Frühjahr kam, und wer wollte schon sagen, was der Sommer brachte oder erst das nächste Jahr ...?

Er raufte sich wieder mit seiner Königin zusammen. Die Maid vernahm es mit großer Erleichterung. Sie schickten sich immer noch Tauben, wenn auch nicht so oft, und als der edle König ein weiteres Jahr älter wurde, sandte sie ihm sogar einen sprechenden Papagei, so mutig war sie noch nie gewesen, denn es könnte ja sein, dass die Königin auch ihn abfing. Aber das tat sie nicht, und der König war voll des Glückes. Er wusste jetzt, dass in ihrer beider Herzen noch immer ein kleines Feuer war. Sie konnten zusammen nicht kommen, denn er wollte seine Königin nicht kränken, und sie wollte nicht abermals schuld daran sein, wenn es so käme. Aber sie konnten auch ohneeinander nicht sein. So er dachte viel an sie und sie an ihn. Beide wussten, dass der Andere da war, und dass irgendwann vielleicht ein gütiges Schicksal es fügen würde, dass ihre geheimen Träume vielleicht doch noch einmal wahr werden würden. Bis dahin wollten sie Freunde sein und weiter träumen, sich ihre Bilder ansehen, ab und an eine Taube schicken. Er wollte ganz einfach, dass sie immer wusste: Er hatte sie immer noch ganz doll lieb!
Einmal schickte er ihr sogar seine Hofkapelle City, um sie mit dem gar lieblichen Liedchen vom Fenster zu erfreuen.

Und damit klappen wir unser goldenes Buch erst einmal zu bis vielleicht zum nächsten Ostermärchen. Der König und die Maid ... sie bleiben einander herzlich zugetan und wer weiß: wenn sie nicht gestorben sind, leben sie vielleicht auch noch heute. Er in seinem stolzen Schloss zu Bergheym, und sie in der winzigen Kammer in Friesenheym, mit ihren begehbaren Schränken und ihrer lieblichen Tochter Kai und den 32 Katzen und natürlich ihren Tauben.

Ach ja, und immer noch geht der König, wenn ihm danach ist, ins „Akropolis“ an der Straße der Linden und erzählt sich mit Scholz, dem Schmied. Und dann freut es ihn mächtig zu hören, dass sein Freund seine feurige Bäckersfrau aus dem fernen Italia nun doch noch hat gewinnen können. Und dann denkt er, wo einmal das gütige Schicksal waltete, könnte es dies doch auch noch einmal tun. Nicht jetzt, nicht heute und wohl auch noch nicht morgen, denn noch dürfen sie zusammen nicht kommen.

Aber immer wieder, wenn sich der 17. Tag monatet, denkt er an jenen Abend des Zaubers und die schöne Maid Ruth aus Friesenheym, und dann schlägt sein Herz schneller und er hört wieder ihre liebliche Stimme und ihre Worte:

„Es gibt keinen Zufall ...“

Und dann stellt er sich vor den Zauberspiegel und fragt: „Spieglein, sag mir, hat sie mich denn wirklich auch noch immer ein klein bisschen lieb?“

„Ich habe jetzt Feierabend“, sagt dann der Spiegel. „Aber wenn sie es tut, wird sie dir sicher noch einmal eine Taube senden und es dir sagen, damit du lachen und vor Freude einen deiner Ochsen verspeisen kannst!“

Wie gesagt: Wenn sie nicht gestorben sind ...