"Seitdem ich wieder Vollzeit arbeite, bleibt für den Haushalt weniger Zeit, auch wenn mein Mann und unsere fünf Kinder nach Kräften mithelfen. Zeit für Einkäufe, wichtige Erledigungen und den Hausputz habe ich vor allem am Samstag; der Sonntag ist für die Familie reserviert.
Vor einigen Wochen war wieder so ein Samstag, an dem ich mir viel vorgenommen hatte. Vieles, was ich während der Woche nicht geschafft hatte, wollte ich an diesem Vormittag erledigen. Ich stand früh auf, um alles zu schaffen. Statt zu frühstücken, trank ich einfach einen Kaffee im Stehen. Um zehn Uhr hatte ich bereits alle Einkäufe erledigt und wollte mit dem Putzen beginnen. "Mama wirbelt schon wieder", - zogen mich meine Kinder auf und lachten.
Dann klingelte das Telefon. Es war meine Schwiegermutter. Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie alleine in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. In der vergangenen Zeit hatte wir uns nur wenig um sie gekümmert. "Kannst du kommen und mir die Haare frisieren?", fragte sie mich geradeheraus. Das paßte mir gar nicht. Ich dachte an die lange Liste von Aufgaben, die ich noch zu erledigen hatte. Danach wollte ich wenigstens ein wenig Zeit mit meiner Familie verbringen. Außerdem, so dachte ich, könne sie ja meine Schwägerin fragen. Schließlich ist sie ausgebildete Friseurin.
Dennoch zögerte ich, meiner Schwiegermutter den Wunsch einfach abzuschlagen. Vermutlich ging es ihr auch garnicht so sehr um ihre Frisur. Ich vermutete, dass sie einsam war und mit jemandem reden wollte. Deshalb war ich unsicher, was ich tun sollte.
Bei solchen Gelegenheiten fällt mir oft ein Satz aus dem Evangelium ein, der mir hilft, einen Entscheidung zu treffen. Auch an jenem Morgen war das so: "Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab." Ich verstand, dass der Besuch bei der Schwiegermutter wichtiger war als die Hausarbeiten. "In 30 Minuten bin ich bei dir", sagte ich ihr.
Tatsächlich blieben an dem Samstag einige Dinge, die ich mir vorgenommen hatte, unerledigt liegen. Aber als ich merkte, wie sich die alte Frau über meinen Besuch freute, wusste ich, dass ich richtig entschieden hatte." M.B.
