Verona, eine Frau um die 50, lebte schon lange allein, die kleinen, recht häufigen  Affären  nicht gerechnet. Nie hatte sie eine längere Beziehung gehabt. Eines Tages, sich im Spiegel betrachtend, meinte sie, dass es an Zeit wäre, ihre Lebensform zu verändern. Sie wollte heiraten und damit ihre Lebenssituation endlich finanziell verbessern. Aber wo war ein wohlhabender  Mann zu finden?

Sie kannte keinen. Aber eine Internetbekanntschaft könnte es bringen!

Man musste sich nur ins rechte Licht und mit einem geeigneten Foto in Szene setzen und sie hatte ja doch auch einige Trümpfe zu bieten.

Sie lebte im Ausland und zwar in der schönen Karibik und auch ihr Häuschen konnte sie ins Spiel bringen. Der Heiratsanwärter jedenfalls sollte ein Deutscher sein und viel Geld mitbringen.

Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel,  zog den etwas dicken Bauch ein und versuchte, ihrem  Gesicht einen reizvollen Ausdruck zu geben. Nun sie hatte zumindest Temperament und viel Erfahrung mit Männern.

Bald erschien  ihr Profil in allen kostenfreien  Partnerbörsen des Internets. Das  schmeichelhafte Foto würde die Herren schon anlocken und dann konnte sie auswählen und mit viel Elan und großen Ansprüchen begann die Suche:

Geld musste er haben, gesund sein, gut aussehen.

Es  verirrten sich die ersten  Anwärter auf ihr Profil und es begann eine hoffnungsvolle Korrespondenz doch leider wollte sie anfangs niemand persönlich kennen lernen.

War sie zu ehrlich gewesen? Man  musste wohl dicker auftragen und vieles einfach behaupten, z.B. Ehrlichkeit, Warmherzigkeit und andere gängige Vorzüge. Das brachte prompt Erfolg und ein  passender Fisch ging ins Netz.

Der Mann hatte in Deutschland Eigentum, machte oft Reisen, musste also viel Geld haben, schlussfolgerte sie. Der  sollte jetzt eine Reise zu ihr machen. War er erstmal hier, würde sie ihn schon zu fesseln wissen.

Der Tag kam heran. Sie stand erwartungsvoll auf dem Flughafen, ein Foto des Anwärters  in der Handtasche. Und da kam er! Groß, Stoppelfrisur , gute Körperhaltung.

Sah ja ganz gut aus, der Junge! Sie lächelte viel versprechend und ging strahlend auf ihn zu. Dann  fuhren sie zu ihrem Häuschen. Dort wurde gegessen, ein wenig Konservation gemacht und schon  war es  Abend. Wein sorgte für die richtige lockere Stimmung und schließlich kam der Augenblick der Annäherung.

 Aber was war das? Sie prallte zurück. „Den kann ich nicht küssen“, schoß es ihr durch den Kopf, auch wenn er noch so reich ist. Der riecht ja aus dem Mund wie ein Teufelsdrachen! „Aber  Geld stinkt ja nicht“, dachte sie dann, sich selbst beschwichtigend, und bat ihn mit zuckersüßer Stimme, die Zähne zu putzen.

Das tat er. Doch auch beim nächsten Versuch konnte der Pfefferminzgeruch den abstoßenden Gestank  nicht überdecken.

So wurde es eine kühle Nacht und am anderen Tag sah sich der Mann nach einer anderen Unterkunft um.

Verona war frustriert. Sie hatte doch vorher alle Möglichkeiten gedanklich durchgespielt, aber so was hatte sie nicht für möglich gehalten. Was für eine  Enttäuschung!

Danach  wurde ein neuer Anwärter gefunden.

Wieder stand sie herausgeputzt am Flughafen, um ihn abzuholen. Sie würde ihn an seiner Glatze erkennen.

Der besaß ein Haus in Deutschland. Wenn er das verkaufen würde, hätte er genug Geld für eine gemeinsame Zukunft mit ihr, wusste sie.

Zuhause betrachtete sie ihre Eroberung dann genauer. Er war aufgekratzt, erzählte von Deutschland, von seinem  Flug. Aber immer wenn er sprach, bildeten sich in seinen Mundwinkeln eine weiß-schaumige Speichelansammlungen und als er lachte, sah sie, wie sich zwischen seinen Zähnen lange Schleimfäden zogen. Sie war von Ekel gepackt. Mit dem Hinweis, er müsse jetzt nach der langen Reise schlafen gehen,  zog sie sich zurück und grübelte, wie sie ihn am nächsten Tag schnellstens  wieder loswerden konnte.

Zweimal Pech. Nun beim  dritten Mal würde es gewiß klappen.

Sie fand wieder einen Reisewilligen. Der war um etliches jünger als sie und gewiß auch durch ihren schönen Wohnort angelockt worden. Er verdiente als selbständiger Handwerker gutes Geld, wie er schrieb Aber gern würde er in der Karibik leben wollen mit einer Traumfrau wie Verona.

Er hatte schönes volles Haar und Verona war diesmal sehr aufgeregt, denn dieser Mann gefiel ihr auf Anhieb. Sie wollte deshalb besonders klug vorgehen und ihn ein wenig hinhalten. Er sollte erstmal etwas vom Land sehen und es musste ein romantischer Augenblick abgewartet werden.  Dann  würde  sie alle Künste aufbieten, um diesen Mann an sich zu binden.

Dieser Augenblick kam. Es fanden sich die Münder und es wurden heiße Küsse getauscht. Seine starken Hände tasteten nach ihren Brüsten und sie umschlang ihn leidenschaftlich. Sie begannen sich von den Kleidungsstücken zu befreien und sie streichelte mit zarten Händen über seinen breiten Rücken. Da kam der Schock. Ihre Finger  ertasteten einen  Rücken voller Beulen, blieben an Schorf und Pickeln hängen, eine Kraterlandschaft zum Fürchten.

„Was hast Du da?“ fragte sie und löste sich abrupt aus der Umarmung. „Nichts schlimmes, das habe ich oft. Es kommt und geht.“

„Dann ist es besser, dass auch Du gehst,“  antwortete sie. „So etwas ertrage ich nicht!“

So trennte sie sich auch von diesem, anfangs so viel versprechenden Anwärter und ihr blieb nichts weiter übrig, als weiter zu suchen.

Bald gab es eine neue Hoffnung. Im Vorfeld hatte sie den wohlhabenden Herrn nach allen möglichen Krankheiten und Defekten befragt. Diesmal schien alles in Ordnung zu sein. Am Flughafen konnte sie ihr Glück kaum fassen. Das war mit Abstand der best aussehendste Mann, der je bei ihr angekommen war.

Der ist es! jubelte sie innerlich.

Während der  Fahrt vom Flughafen schien er ihr noch etwas beklommen zu sein. Aber Verona glaubte nicht, dass das an ihrem Erscheinungsbild liegen könne. Sie hatte  ihr Haar doch frisch blondieren lassen und ein besonders freizügiges Kleid angezogen.

Sie betraten das Häuschen. Ihr fiel auf, dass er sich überrascht um sah.

Dann seine  Frage: “wo soll ich hier schlafen?“ Sie zeigte ihm das Kämmerchen. Dabei mussten sie durch einen kleinen Flur, der mit allerlei  Ungeordnetem  voll gestopft war. Es roch dumpfig-schimmelig. „Wo gibt es hier das nächste Hotel?“ wollte  er wissen , nahm seinen Koffer, ging an Verona vorbei  und verließ für immer das Haus.

„So ein anspruchsvoller Schnösel“, dachte Verona. Sie war nie eine sehr ordentliche Hausfrau gewesen, aber bis jetzt hatten das doch niemand gestört?

„Ich gebe nicht auf. Ich werde weiter suchen“. Damit setzte sie sich erneut an ihren Computer und sichtete die Posteingänge.

 Halt, da war doch jemand Geeignetes: 60 Jahre alt, vital, unternehmungslustig, gut situiert. Ohne langes Zögern lud sie ihn zu einem baldigen Besuch zu sich ein.

Er kam. Doch als er auf sie zukam, stellte sie entsetzt fest, dass er fürchterlich hinkte.  Das hätte er doch schreiben müssen! Vielleicht ein plötzlicher Unfall und er wollte die Reise trotzdem antreten?

Ach, arme Verona, da wurde sie wieder enttäuscht! Der Kandidat hatte eine Beinprothese und schnallte, zu Hause angekommen,  sein Ersatzbein ab, machte es sich auf ihrem Sofa bequem und bat, ihm dies und jenes zu reichen. Seine Behinderung sei ja sicher kein Problem. Sie hätte ja ein Auto und so wäre man doch zu zweit mobil. Aber um bei der Wärme eine Entzündung zu vermeiden, würde er das Ersatzbein oft ablegen müssen  und dann würde sie ihm sicher gerne zur Hand gehen.

Verona hielt mühsam Tränen der Wut zurück und die Worte, die sie ihm an den Kopf warf, möchte ich hier lieber nicht wiederholen.

Das war nun ihr fünfter Versuch gewesen.

Gab es denn nur Behinderte und Ekelerreger?

 Sie startete dennoch den  nächsten Versuch.

Diesmal schien es endlich der Richtige sein: heiße Nächte, schöne Tagesausflüge. Jeder hat mal Glück? Aber nicht Verona, denn als sie abends ausgingen und sie wieder mal richtig trinken wollte, sollte er in der Nacht das Auto fahren. Da gestand er ihr, dass er nachtblind war.

Verona hatte fest damit gerechnet, dass sie endlich ihre Zurückhaltung beim Alkoholkonsum aufgeben könne und der neue Partner sie immer fahren würde. Was nutzte ihr jemand, der so ein Handicap hatte?

Nein, nicht solche Kompromisse und sein Geld saß auch nicht locker genug! Also trennte sie sich von ihm und die Suche ging weiter.

So  lernte sie  noch Duzende von Männern kennen.

Manchmal blieb es bei heißen Nächten und der Mann war danach wieder verschollen. Mal fiel dem Liebhaber plötzlich ein, dass seine Enkel in Deutschland ohne ihn nicht leben könnten und er verschwand klanglos aus ihrem Leben. Ein andermal nahm einer sie für eine Woche mit in ein Hotel und erzählte ihr von seinen ernsten Absichten. Dann  reiste er heimlich  ab, ohne die Rechnung zu begleichen. Ein Hoffnungsträger wollte mit ihr ein Geschäft aufbauen. Am Ende waren Beide pleite und trennten sich und so ging es fort und Jahre vergingen.

Zugegeben, Verona ist ein besonders tragischer Fall.

Sie sucht und sucht, wählt, verwirft und hofft.

Es durchaus möglich, dass auch Du ihr eines Tages in einer Partnerbörse begegnest.

Gut wenn man weiß, womit  man in Partnerbörsen so rechnen kann.

 

Und hier noch ein  neuer Anzeigentext für Verona von Heidi vorgeschlagen:
"Suche vermögenden, schlanken, toleranten, ordentlichen Antialkoholiker..

Das Gegenteil davon bin ich selber!"