Susi war ein kleines, blondes Mädchen mit großen blauen Augen. Sie war still und verträumt. So stand es auch in ihrem ersten Zeugnis. „Susi ist zu still, beteiligt sich kaum am Unterricht und schaut lieber aus dem Fenster und träumt“.

 

Susi hatte keine Freunde in der Schule, sie saß alleine in ihrer Bank. Ganz am Anfang der Schulzeit, da saß Alice neben ihr. Sie verstanden sich gut. Mit Alice durfte sie auch spielen, die Großmutter hatte nichts gegen Alice und ihre Eltern einzuwenden. Doch dann zog Alice mit den Eltern nach Hamburg. Das zarte Pflänzchen der Freundschaft wurde mit den Wurzeln herausgerissen.

 

Eine Weile trauerte Susi um die Freundin, doch das änderte ja nichts. Die anderen mieden sie, sprachen in Gruppen über diese doofe Susi, die bei allem nicht mitmachte, höchstens mal beim Seilspringen.

 

Susi war nur eine mittelmäßige Schülerin, in Deutsch war sie gut, in Geschichte auch, Rechnen? Addieren, multiplizieren, subtrahieren, dividieren war kein Problem, Brüche gingen auch noch, dann aber bei gemischten Brüchen hörte es auf und als sie gar Wurzel ziehen sollte, war es vorbei, das ging nicht in ihren Kopf.

 

Erdkunde fand sie langweilig, was interessierte sie, wie die Hauptstädte der Länder hießen, Karten abmalen aus dem Atlas fand sie doof, überhaupt Erdkunde war langweilig. Viel lieber hätte sie erfahren wie die Menschen dort wohnten und lebten.

 

Wenn sie las, dann war sie in diesen Ländern, lebte das Leben der Hauptfigur, lebte das Leben dort. Das wäre Erdkunde für sie gewesen.

 

Heimatkunde, da sah es anders aus. Heimatkunde gefiel ihr. Sagen und Legenden aus Köln und dann mit dem Lehrer zu diesen Ecken gehen, wo diese sich abspielten. Die Geschichte der Richmodis von Anducht die an der Pest gestorben war, aber nicht wirklich, nur scheintot in der Familiengruft beigesetzt wurde und dort erwachte, nicht wissend was passiert war, nach Hause geht und in ihren Leichentuch vor der Haustüre steht und um Einlass bittet. Ihr Gatte, der das nicht glauben konnte rief, ehe meine Frau lebend vor der Tür steht, gehen meine beiden Schimmel die Treppe im Turm hoch. So geschah es. Zur Erinnerung daran ließ er am Turm zwei Pferdeköpfe anbringen. Die kann man heute noch dort sehen.

 

Solche Geschichten, da hörte Susi konzentriert zu und da sie ein gutes Gedächtnis hatte, konnte sie auch beim Abfragen die richtigen Antworten geben.

 

Einmal in Deutsch, da war ihr ihr gutes Gedächtnis ein Verhängnis. Nacherzählungen sollten sie schreiben. Susi hatte die Geschichte schon mehrfach gelesen. Da sie ja alles las, was sie in die Finger bekam, hatte sie auch schon ihr Lesebuch von vorne bis hinten und von hinten bis vorne gelesen. Sie schrieb also diese Geschichte fast wortwörtlich auf. Der Lehrer unterstellte ihr, sie habe abgeschrieben, verbotener weise das Buch unterm Pult gehabt und sie musste nachsitzen. Susi verstand die Welt nicht, sie hatte nicht abgeschrieben, warum glaubte denn der Lehrer ihr nicht. Sie machte doch nie etwas verbotenes, traute sich das gar nicht.

 

Also saß sie nach dem Unterricht in der Klasse. Sie nahm ihr Lesebuch, der Lehrer sagte, auf Seite 21, lies die Geschichte und dann gibst du mir das Buch und schreibst. Susi tat wie ihr gesagt war. Sie las die Geschichte, die sie ja längst kannte. Gab das Buch ab. Der Lehrer sah sie erstaunt an, fragte: „willst du sie nicht noch einmal lesen“, Susi antworte „nein“. Setzte sich in ihre Bank, nahm das Heft und schrieb auch diese Geschichte wieder fast wortwörtlich. Als sie fertig war, gab sie das Heft ab. Der Lehrer las die Nacherzählung mit erstaunen. Sagte dann, in Ordnung, du hast dir die 1 verdient. Keine Entschuldigung dafür, sie zu Unrecht beschuldigt zu haben.

 

Aufsätze schrieb sie ebenfalls gerne, konnte sie doch ihre Fantasie einbringen. In Aufsatz hatte sie nur Noten wie sehr gut und gut, gut war eher selten.

 

Auf dem Schulhof war sie meistens alleine. Sie saß auf dem Mäuerchen mit ihrem mitgebrachten Buch und las. Oft wurde sie gehänselt. Nie machte sie bei Streichen mit. Nachlaufen war nicht ihr Ding, sie lief nicht gerne und war nicht schnell genug, ähnlich ging es ihr bei Ballspielen. Überhaupt Sport, Sport war so gar nicht ihre Welt. Sie sprang nie weit genug, lief nie schnell genug und beim Prellball hatte sie immer eine Heidenangst getroffen zu werden. Bei Ballspielen wollte sie nie jemand in seiner Mannschaft haben. Sie war diejenige die übrig blieb und einer Mannschaft praktisch zufiel. Die Mitspieler waren nie begeistert, Susi in ihre Mannschaft zu bekommen. Nur schwimmen, schwimmen machte ihr Spaß. Schwimmen konnte sie gut.

 

Ihre Großmutter meldete sie im Schwimmverein an. Doch da war sie nicht lange. So gut sie auch schwamm, sie konnte eines nicht. Sie konnte keinen Kopfsprung, konnte sich nie überwinden mit dem Kopf zuerst ins Wasser zu springen. Sie versuchte es, sie bemühte sich. Der Trainer redete auf sie ein. Sie solle es aus aus dem Sitzen heraus probieren. Auf den Rand setzen und dann immer weiter mit vorgestreckten Armen nach vorne beugen, immer weiter bis sie fast von selbst ins Wasser fiel. Es ging nicht, sie hatte panische Angst, sie konnte es nicht. Das war dann das Ende im Schwimmverein.

 

Und dann war da noch ihr Paradies. Der Garten. Jedes Wochenende bei schönem Wetter packte der Großvater einen Korb mit Lebensmitteln und Getränken und dann gingen sie zum Neumarkt. Dort fuhr die Linie 3 ab, mit der fuhren sie nach Bickendorf, dort hatte der Großvater seinen Garten. Am Eisstand auf dem Neumarkt bekam sie für 10 Pfennig ihr heißgeliebtes Zitroneneis, andere Sorten mochte sie nicht. Sie blieben immer über Nacht im Garten. Der Großvater arbeitete still vor sich hin und sie saß draußen unter dem Pflaumenbaum mit einem Buch oder war beim Nachbarn, der hatte ein Schwimmbecken im Garten gebaut, das durfte sie benutzen. Außerdem war da Rolf der Schäferhund. Rolf der niemanden an sich ran ließ jedoch sein Herz Susi geschenkt hatte. Wenn er merkte, Susi ist da, dann gab er keine Ruhe, dann musste sie zu ihm rüber kommen, dann ging sie mit ihm spazieren. Er folgte ihr aufs Wort. Rolf war ihr Freund, überhaupt alle Hunde waren ihre Freunde, aber Rolf war eben ein ganz besonderer Freund.

 

Dann gab es noch die anderen Nachbarn, ein älteres Ehepaar, dass selbst nie Kinder hatte. Die Susi mochten, weil sie ein so ruhiges, freundliches Kind war. Als der Nachbar raus fand, wie gerne Susi las, brachte er ihr jede Woche ein Buch mit. Am Anfang Karl May, sie verschlang diese Bücher, litt mit Old Schatterhand und Winnetou, weinte heiße Tränen beim Tod von Winnetou. Kämpfte mit Kara ben Nemsis und Hadschi Halef Omar.

 

Sie liebte diese Wochenenden mit dem Großvater im Garten, überhaupt liebte sie ihren Opa heiß und innig und er sie.

 

Und dann geschah das Unfassbare, sie war 9 Jahre, da starb der Großvater, verließ sie, ging in den Himmel ohne sie. In der Anfangszeit stahl sie sich oft von zu Hause fort, ging zum Friedhof, zum Grab ihre Großvaters, erzählte ihm ihre Kümmernisse.

Mittlerweile lebte sie nicht mehr bei der Großmutter sondern bei der Mutter. Als diese dann einmal zur Strafe Susi nicht mitnahm auf den Friedhof, weil Susi wieder im Haushalt irgend etwas nicht richtig gemacht hatte, weigerte sich Susi in Zukunft überhaupt mit ihr auf den Friedhof zu gehen. Sie wollte der Mutter keine Handhabe geben, sie damit zu bestrafen. Sie ging lieber gar nicht mehr, sie konnte auch in Gedanken mit ihrem Großvater reden.

 

Ja und ihr Paradies? Am Anfang fuhr sie noch mit der Großmutter hin, doch es war nicht mehr so, wie mit ihrem Großvater, aber immerhin konnte sie unter ihrem Pflaumenbaum ungestört lesen oder zu ihrem Freund Rolf gehen. Doch dann heiratete die Mutter wieder und nun fuhren sie alle gemeinsam zum Garten.

 

Ihr Paradies gab es nicht mehr, man hatte es ihr weg genommen. Susi mag bis heute keine Gärten mehr. Sie hatte es immer abgelehnt, sich einen eigenen Garten zuzulegen. Sie sagt, Gartenarbeit ist nichts für mich, damit kann ich nichts anfangen.

 

 

Auch Friedhöfe meidet sie, wenn sie kann.

 

 

Text: Nika Nachtwind

Bildquellenangabe: Angelina Ströbel / pixelio.de