Ich halte in der Bewegung inne, fühl mich getroffen in Mark und Bein und schau mir den Menschen an, der zu dieser Stimme gehört ,die solch harte Worte sagt.
Jung ist sie, vielleicht 5 Jahre jünger als ich . 5 Jahre nur ,doch es liegen Welten zwischen uns. Vielleicht ist sie ja innen so ,wie sie Außen ist.
Straff. Straff die Haare nach hinten gefasst. Lach und sorgenfaltenfrei und schmallippig gepresst.
Wenn man ein Herz presst, wird man dann schmallippig, automatisch?
Ich frag sie das nicht, bei ihrer Straffheit würde sie das nur als Aggression meinerseits werten. Dabei ist es nur aufrichtiges Interesse, woher diese Überheblichkeit kommt, einer Mutter zu sagen, sie solle ihr Kind allein lassen.
Mir fällt nicht wirklich etwas ein, was ich ihr sagen kann, um den Funken eines Verstehens wach zu schlagen.
Ich schau sie an und frage sie, wann ich hätte gehen sollen....
als mein Kind auf der Intensiv lag und ich ihm versprochen hatte, ich bin da wenn du aufwachst
oder
als er dann wach war, und jeder kleine Husten einen Schmerz durch seinen Körper jagte, das sein Puls auf über 200 stieg.
Hätte ich gehen sollen,
als sie den kleinen Körper das erstemal in der Gipsschale drehten und die Panik in seiner Stimme mir das Herz zerriss
oder
hätte ich mich da abwenden sollen
als sie die Schmerzmittel absetzten, und die Entzugserscheinungen ihn Spinnen sehen ließen, die aus den Ecken kamen und über sein Bett krochen.
Da hätte ich ihn allein lassen sollen?
Oder erst da,
als er anfing sein Lungenvolumen zu stärken, und er mit stolzgeschwellter Brust jedem zeigte, und mir als Allerersten, wie mordmäßig er pusten kann
oder sollte ich jetzt gehen,
jetzt da er hier liegt, auf die Spritze einer Ärztin wartet, die ihn emotionslos betrachtet und mir in seinem Beisein sagt, ich solle ihn nicht verwöhnen -
als ob bloße Liebe irgendetwas mit Verwöhnen zu tun hätte.

Antworten bekam ich keine.