Ein Mensch, vor seines Lebens Ende,
hofft auf der Liebe letzte Wende.
Nachdem er, wie in jungen Jahren,
der Liebe Kraft genug erfahren,
will er, dass ist sein innig Streben,
nochmals der Liebe Lust erleben.
Obgleich der Mensch mit letzter Kraft
den Weg zur Apotheke schafft,
ruft er beschwingt mit frischem Mut:
“ich will Viagra, mir geht es gut.“

Amanda kommt ihm in den Sinn,
gleichwohl lenkt er die Schritte hin,
zum Weibe, dass er oft sich nahm,
schon lang‘ bevor die Rente kam.
Hochbeglückt, mit heit’ren Sinnen,
stakt der Alte nun von hinnen,
beflügelt von der Hoffnung Kraft,
glaubt er, dass er den Weg noch schafft,
zu dieser alten Witwe Block,
die da wohnt in sechsten Stock.
Viagra schenkt dem Mann die Kraft,
dass er im Lauf die Treppe schafft.
Er stürmt die Stufen, drei auch vier,
nun steht er keuchend vor der Tür.
Und hechelnd ruft er: „Ich bin der Hein,
ich hab‘ Viagra, lass mich ein.“
Er strahlt vor Glück, schau her die Latte,
ein Ding wie ich sie niemals hatte,
in guten wie in schlechten Tagen.
Mach auf die Tür, wir wollen’s wagen,
bevor Viagras Kraft zerronnen,
die mir der Treppe Lauf genommen.

Frau Block, sie lächelt, seufzt ganz stumm,
so viel geht ihr im Kopf herum.
Sie denkt an all das Glück zu zweit,
der Tage Stunden, ach wie weit,
dass Heini voller Manneskraft,
ihr Glück und Seligkeit verschafft.

Doch auf des Lebens Gabentisch,
das Glück wirkt oft sehr trügerisch,
das muss der Hein nun auch erfahren,
und seines Alters Last ertragen.
Zum Höhepunkt ist’s nicht gekommen,
das Herz hat’s Heini krumm genommen.

Nachdem Viagras Kraft vorbei,
schnauft er nun selig: „Einerlei -
Muss nun das Leben ich beenden,
so lass ich’s halt dabei bewenden.
Das Leben war stets gut zu mir,
verdammt, nun schlägt sie zu, die Tür.“
Ein Seufzer, rinnt von welker Lippe –
dann nimmt der Tod ihn auf die Schippe.

A M E N
©© Raimund Welack - Juni 2000