Du wirst Holz hacken müssen, oder du wirst erfrieren… eine Einsicht derer er sich nicht mehr erwehren konnte beim Anblick des kümmerlichen, im Erlöschen begriffenen Restes an Glut im Ofen. Die eigene Faulheit ekelte ihn an und doch überließ er ihr das Kommando, ließ sie herrschen und seinen Tagesablauf bestimmen: den Körper befüllen, den Körper entleeren, schlafen… selbst die Hygiene war auf ein Mindestmaß beschränkt, gerade so viel dass sein eigener Gestank ihm nicht unerträglich wurde. Er rappelte sich hoch, zog den Mantel über, griff nach dem Korb, nahm das Beil vom Haken und schlurfte zum Schuppen.

Dieser elende Winter wollte kein Ende nehmen. Es war bereits Mitte März und noch immer lagen die Temperaturen auch tagsüber unter Null. Die Tür vom Schuppen klemmte. Er würde sie richten, irgendwann, im Frühling, wenn mit der Wärme auch sein Lebenswille zurück kam… vielleicht.

Das Beil sauste ins Holz, zerteilte es in portionsgroße Stücke, genau so viele, dass der Korb gefüllt war. Er hackte immer nur gerade so viel, wie in diesen Korb passte. Wusste er denn, ob er den nächsten überhaupt noch brauchte, ob ihm in der Zwischenzeit nicht vielleicht der Himmel aufs Dach fiel und ihn mitsamt seinem umsonst gehackten Holz unter sich begrub? Gerade wollte er die klemmende Tür hinter sich zu ziehen, als er dieses Husten hörte. Es kam aus der Ecke, in der er seine Vorräte aufbewahrte und verhieß nichts Gutes.

Der Mistkerl hatte sich an seinem Eigentum vergriffen. "Komm raus oder ich schwöre bei Gott, ich spalte deinen verdammten Schädel!"
Das Beil fest in der erhobenen Hand stand er da… regungslos… wartend. Wieder dieses Husten. Er versetzte der Kiste vor ihm einen Tritt.
"Hast du verstanden was ich sage? Ich meine es ernst… du spielst mit deinem Leben!"
"Schon gut Alter, beruhige dich…"
Hinter dem Regal mit den Konserven tauchte ein Kopf auf. "Ich komm raus, ok. aber tu mir den Gefallen und leg das Beil weg."
Höchstens 30 war er, hielt mit beiden Händen einen Rucksack gegen seinen schmächtigen Körper gepresst.
"Ich habe Geld… ich bezahl‘ dich, wenn du mich ein paar Tage bei dir unterkommen lässt."
"Das könnte dir so passen. Sieht das hier etwa aus wie ein Hotel? Hau ab und lass dich nie wieder blicken!" Das Beil immer noch in der erhobenen Hand deutete er ihm mit dem Kopf an zu verschwinden, sah ihm nach wie er geduckt an ihm vorbeihuschte, zog die Tür hinter ihnen zu und verriegelte sie.

"Auf was wartest du… hau endlich ab oder…"
er fuchtelte drohend mit dem Beil vor dem Gesicht des Jungen herum.
"Scheiße, dann erschlag mich halt, hab' ich endlich meine Ruhe… mir egal. Komm schon, schlag zu… bring es hinter dich!"
Er sackte in sich zusammen, kauerte am Boden wie ein geprügelter Hund und hustete... klang echt nicht gut dieser Husten.
"Ist wohl jemand hinter dir her… was?"
Das Häufchen Elend zu seinen Füßen hob den Kopf und nickte. Sein Blick war glasig, sah aus als hätte er Fieber.
"Eine Nacht… morgen verschwindest du. Ich kann dich hier nicht gebrauchen, hab genug mit mir selbst zu tun."

Er musste das Feuer neu anfachen, der kleine Mistkerl brachte ihm nur Ärger.
"Setz dich endlich", raunte er ihn an, machte eine Dose Bohnen warm, füllte zwei Teller und schob ihm einen davon hin. Der Junge aß hastig, hielt dabei weiterhin seinen Rucksack umklammert.
"Kannst ihn ruhig abstellen, ich brauch dein Drecksgeld nicht."
Zwischen zwei Löffeln Bohnen ein erneuter Hustenanfall; fehlte nur noch, dass er ihm auf den Tisch spuckte.
"Wie tief ist eigentlich die Scheiße in der du steckst?" Ohne zu antworten schob der Junge den noch halb vollen Teller von sich, wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und starrte ihn an.
"Was ist, ich hab dich was gefragt."
"Tief… ich fürchte sehr tief."
Er warf den Rucksack auf den Tisch. "Darf ich dein Bad benutzen?"
Der Alte deutete mit dem Daumen hinter sich. "Kannst es nicht verfehlen."
Er hörte ihn husten, es klang als würde er sich die Seele aus dem Leib kotzen, öffnete den Rucksack und kippte ihn aus: ein paar schmutzige Kleidungsstücke und 5 dicke Bündel mit Hunderteuroscheinen… oh ja, dem kleinen Mistkerl musste die Scheiße bis zu Hals stehen.

Der Junge stand zitternd in der Tür, die dünnen Arme um den ausgemergelten Körper geschlungen, als müsse er sich selbst davor bewahren auseinanderzufallen. Ein dünnes rotes Rinnsal lief ihm aus der Nase, sammelte sich am Kinn zu einem dicken roten Tropfen, der im Zweisekundentakt auf das schwarze T-Shirt fiel, um dort nahezu unsichtbar zu werden.
"Kannst dich auf das Bett legen." Der Alte nahm ein Handtuch vom Haken und warf es ihm zu. "Aber wisch dir vorher die Nase!"
Er schwankte zum Bett und ließ sich einfach fallen, rollte sich zusammen und vergrub sein Gesicht in dem Handtuch. Nach ein paar Minuten setzte er sich wieder.
"Der Überfall auf die Tankstelle letzte Woche, das war ich… aber das mit der Frau, das wollte ich nicht, das musst du mir glauben. Was spielt sie auch die Heldin… ist doch nicht ihre Tanke, sie jobbt dort für einen Witz von einem Stundenlohn, ich weiß das…" er hustete wieder und spuckte Blut in das Handtuch.
"Sie hat es überlebt. Sie haben ihren Kopf wieder zusammengeflickt, ich hab’s in den Nachrichten gehört. Du bist also kein Mörder, falls dich das beruhigt."
"Gott sei Dank."
Der Junge wirkte ehrlich erleichtert und sank zurück auf das Kissen.

Er war mittlerweile weiß wie die Wand, schwitzte, hustete und schien sein Leben in dieses Handtuch tropfen zu wollen. Der Alte stand auf.
"Ich hole jetzt einen Arzt."
"Nein!" der Junge schrie fast "ich flehe dich an, lass mich nicht alleine."
"Du siehst echt nicht gut aus Junge und ich bin absolut nicht scharf darauf, dass du hier abnippelst."
"Bitte Alter… die werden mich wieder wegsperren und das würde ich auch nicht überleben. Gib mir ein paar Tage, ich komm schon wieder auf die Beine und wenn nicht… ich hab dieses Scheißleben so satt, ich bin es leid immer nur Mist zu bauen…" und dann sprudelte alles aus ihm heraus: seine Kindheit im Heim, seine Karriere als Kleindealer, seine ersten sechs Monate im Knast, seine schwangere Freundin, seine kriminelle Kariere, sein zweiter Aufenthalt im Knast… "Mein Kind ist inzwischen fast sieben Jahre alt und ich weiß noch nicht einmal ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich hab ihr duzende Briefe geschrieben, sie sind alle ungeöffnet zurück gekommen."
Der Alte gab ihm ein frisches Handtuch und legte eine Decke über ihn. "Versuch ein wenig zu schlafen."
Der Junge griff nach seiner Hand und drückte sie… "danke!"
"Schon gut."
Er legte noch einmal Holz nach, setzte sich in einen Sessel und döste ein.

Nach einer Weile hustete der Junge ihn wieder wach. Er glühte und murmelte unverständliches Zeug, jedes Husten war inzwischen von einem Schwall Blut begleitet. Die Angst dass er sterben könnte wich der Gewissheit.
"Bist du ganz sicher, dass ich keinen Arzt holen soll?"
"Absolut…" der Junge sprach leise aber klar
"ich muss dich noch um etwas bitten" wieder griff er nach der Hand des Alten "zwischen meinen Sachen findest du die Adresse meiner Freundin… bring ihr das Geld und sag ihr dass es mir leid tut. Sag ihr, dass ich ihr nie weh tun wollte und… und dass ich sie liebe, ja, sag ihr dass ich sie liebe. Tust du das für mich?"
Der Alte zögerte, konnte den flehenden Blick des Jungen kaum ertragen "Ich verspreche es."
Dankbarkeit trat an die Stelle des Flehens, er schloss die Augen und schlief wieder ein ohne die Hand des Alten loszulassen und so blieb er bei ihm sitzen, ein vor dem Leben geflüchteter alter Mann am Bett eines sterbenden Jungen.

Plötzlich, es war etwa eine Stunde vergangen, drückte der Junge die Hand des Alten mit einer Kraft, die der ihm nicht mehr zugetraut hätte, krallte seine Fingernägel in dessen Handrücken. "Scheiße Alter… es stimmt wirklich… du kannst dir gar nicht vorstellen wie hell dieses Licht ist… ich habe noch nie so ein helles Licht gesehen…" mit einem langen tiefen Ausatmen verließ die Kraft seine Hand.

Am nächsten Tag versuchte er mit der Spitzhacke ein Loch in den gefrorenen Boden zu hauen, aber der Frost war stur und dem Alten fehlte die Kraft, also wickelte er die Leiche des Jungen in eine Plane, schleifte sie hinter den Schuppen und schichtete Holzscheite darüber; er würde ihn begraben, sobald es taute.

Seit fast drei Jahren hatte er sich nicht mehr weiter von seiner Behausung entfernt, als bis zum nächste Dorf und nun musste er in diese verfluchte Großstadt fahren um dort eine ihm völlig fremde Frau zu finden… alles in ihm sträubte sich dagegen, aber er war ein Mann der zu seinem Wort stand und so zählte er 1000 Euro von dem Geld ab - eine angemessene Entschädigung dafür, dass er gezwungen war noch einmal in eine Welt zurückzukehren, die er nie wieder hatte betreten wollen und sei es auch nur für einen Tag – packte den Rest zurück in den Rucksack und machte sich auf den Weg.

"Einfach oder mit Rückfahrt?"
Die Frage der jungen Frau hinter der Glasscheibe ließ ihn für eine Sekunde einen Gedanken denken den er sofort wieder verwarf.
"Mit Rückfahrt!"
Er steckte das Wechselgeld ein, kaufte sich eine Zeitschrift und eine Schachtel Zigaretten, stand dann rauchend am Bahnsteig und wartete auf den Zug. Er hatte seit Jahren nicht mehr geraucht, wusste im Grunde nicht warum er es jetzt tat und tat es trotzdem. Die Fahrt dauerte fast vier Stunden, die meiste Zeit davon verschlief er.

Die Stadt hatte sich nicht verändert: der gleiche Gestank, die gleiche Hektik, der gleiche gehetzte Ausdruck in den Gesichtern der Menschen. Er nahm sich ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse. Es war eine typische Vorstadtsiedlung mit mehreren, fast identischen Wohnblocks zwischen kleinen Grünflächen und großen Parkplätzen. Eine lange Reihe von Klingelknöpfen, daneben kleine Namensschilder, an denen er mit dem Zeigefinger entlangfuhr, als eine alte Frau mit einem viel zu fetten kleinen Hund auf dem Arm die Tür öffnete.
"Wen suchen sie denn? Sie müssen wissen, ich lebe schon seit über 20 Jahren hier und kenne so gut wie jeden. Bin damals mit meinen Mann gleich nach… "
er unterbrach den Redeschwall indem er ihr den Namen nannte, der auf dem Briefumschlag stand. Sie durchforstete ihre Erinnerung während die Finger mechanisch den fetten Hund kraulten, den Blick auf einen imaginären Punkt oberhalb der Tür gerichtet. Als sie fündig wurde hellten sich ihre Gesichtszüge kurz auf, um sich gleich darauf wieder zu verdunkeln.
"Ach mein Gott ja, das arme Ding… ich erinnere mich als ob es gestern gewesen wäre: hübsch war sie, die Silke und immer freundlich und hilfsbereit…"
"Ist sie weggezogen?"
"Aber nein, wo denken sie hin… umgebracht hat sie sich, kein Mensch wusste damals warum. Muss nun an die acht Jahre her sein, eher länger. Sind sie etwa ein Verwandter?" "Nein… danke für die Auskunft." Er ließ die Frau einfach stehen und ging Richtung Bahnhof, konnte nicht fassen dass alles umsonst gewesen sein sollte, dass er sein Versprechen nicht halten konnte.

Auch das Bahnhofsviertel hatte sich nicht verändert: die gleichen Stundenhotels, die gleichen Lokale in denen man all das kaufen konnte, was es nicht zu kaufen gab und Stripclubs, vor denen schmierige Türsteher um das Interesse der Passanten buhlten.
"Treten sie ein der Herr… machen sie sich ein paar schöne Stunden und vergessen sie den Rest der Welt!"
Vergessen… was für eine verlockende Idee.
Er trat ein, setzte sich an die Bar und bestellte einen doppelten Wodka. Irgendwie kamen ihm die Augen des Barmanns bekannt vor, als dieser das Glas vor ihn hinstellte... genau so lange, bis eine üppige Blondine neben ihm auftauchte.
"Hallo Süßer, ich würde dir gerne ein wenig Gesellschaft leisten, wenn du mir einen Drink spendierst."
Das gleiche schummrige Licht, die gleichen Sprüche; manche Dinge änderten sich nie.
Den rechten Ellenbogen auf die Bar gestützt beugte sie sich vor, wobei ihre Brüste aus dem viel zu engen Top zu kippen drohten.
"Bestell was du willst und spar dir dein Gesülze… wie viel verlangst du?"
"Na na, da hat es aber jemand eilig… 500, dafür lass ich dich einen Blick in den Himmel werfen."
Er wusste, dass er den Preis um etliches hätte drücken können, aber ihm war nicht danach.
"Ok... lass uns gehen."
Freudiges Erstaunen überzuckerte ihr Lächeln als sie sich bei ihm unterhakte und ihn Richtung Treppe dirigierte. Im Zimmer angekommen säuselte sie gurrend in sein Ohr:
"lass uns zuerst das geschäftliche regeln Süßer, dann gehöre ich ganz dir."
Er griff in den Rucksack, fischte 5 Scheine heraus und legte sie auf den kleinen Beistelltisch neben dem Bett. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, hatte sie bereits damit begonnen sich auszuziehen. Er legte sich aufs Bett und sah ihr zu. Dass sie ihm die Hose öffnete und sich an seiner Erektion zu schaffen machte, war das letzte woran er sich erinnerte, bevor er mit höllischen Kopfschmerzen in einem dunklen Raum erwachte.

Der Versuch sich aufzusetzen löste sogleich heftiges Erbrechen aus. Er robbte ein Stück zur Seite, um dem säuerlichen Gestank seiner eigenen Kotze zu entkommen, als er Schritte hörte. Gleich darauf blinzelte er gegen das aufflackernde Licht einer Neonröhre und sah dabei verschwommen zwei muskelbepackte Typen mit rasierten Schädeln auf sich zu kommen.
"Nico hat gesagt du sollst ihn loswerden, also worauf wartest du?"
Nico... Nico...? Irgendwas bewegte dieser Name in seinem Kopf, aber die Übelkeit ließ kein klares Bild entstehen. Das Gesicht des Barmanns tauchte wieder in seinem Gedächtnis auf und verschwand, als er diese schwarzen Stiefel mit den mattierten Messingspitzen sah, die nun genau vor seinem Gesicht standen... warum nur konnte er sich nicht erinnern?

Etwas Schweres sauste mit einer solchen Wucht auf ihn nieder, dass der Schmerz wie eine riesige Welle über ihm zusammenschlug. Es wurde dunkel um ihn herum und in diese Dunkelheit schlich sich die Erkenntnis, dass dies das Ende war. Kein weißes Licht… der kleine Mistkerl, der ihm das alles eingebrockt hatte, hatte ihn auch noch belogen. Du hättest ihn davonjagen sollen… du hättest ihn einfach davonjagen sollen... war sein letzter Gedanke bevor er endgültig in der Dunkelheit versank...

 

© Sophie Hell