Und das ist kein Zufall, denn dort dockte in grauer Vorzeit jene Pipeline an, die es jedem von uns ermöglichte, abzusaugen, was wir zum Werden brauchten. Was hält man nun davon, dass der Nabel aus medizinischer Sicht eigentlich eine Narbe ist? Er bildet das sichtbare Geburtsmal, das so schön mit der Legende von der Vertreibung aus dem Paradies korrespondiert. Denn nichts anderes ist das Geborenwerden. Plötzlich muss man selber atmen, man muss nach Futter schreien, man muss überhaupt schreien. Und oft genug stellt man seine Eltern damit vor die schier unlösbare Aufgabe zu ergründen, was wohl jetzt grade wieder die Ursache oder der Zweck des Konzertes sein könnte. Wahrlich, ich sage euch, das Leben außerhalb des Paradieses ist nicht einfach. Von Geburt an besteht es aus der Suche nach der eigenen Mitte und dem Balanceakt, mit ihrer Hilfe sich sowohl von anderen abzugrenzen als auch, sie anderen nahe zu bringen. Die Biologie hat uns dazu eine vollständige Marketing-Abteilung mitgegeben: Begabungen, Verhalten, Mimik, Gestik, Aussehen, Geruch …
Man geht immer, immer barfuß durch das Leben,
über Sand, Getreidestoppeln oder Moos,
über Leichen, heißen Koks und im Bestreben,
jeder Schritt sei elegant und virtuos.
Das ganze Marketing, der gesamte PR-Aufwand nutzen jedoch überhaupt nichts, hat man selbst keine Vorstellung davon, wo man denn "bemittet" sein könnte. Also besucht man Selbsterfahrungskurse, lässt sich mittels Potenzialanalysen auseinander nehmen, um sich über autogenes Training oder Yoga wieder zusammenzuflicken. Oder man sucht sein Ich, indem man bis zur Ohnmachtsgrenze trainiert, weil man mutmaßt, es könne unter einer überschüssigen Fettschicht verschüttet liegen. Irgendwo muss es doch sein! Immerhin spürt man es ja vor allem dann, wenn es mal wieder heißt: "Nehmen Sie das nicht persönlich." Wie verhasst sind mir diese blödsinnigen Floskeln, mit deren Hilfe eine Legion stromlinienförmiger Personal-Manager, Projekt- und Abteilungsleiter den Rest eines vielleicht noch vorhandenen Gewissens beruhigt und sich damit die Supervision erspart.
Verlage haben inzwischen entdeckt, dass es noch einen anderen Weg gibt, die eigene Mitte zu finden. Auf dem Büchermarkt wimmelt es von Autobiografien. An Volkshochschulen, bei Fernlehrinstituten und Bildungswerken gibt es Schreibwerkstätten und Schulungen für autobiografisches Schreiben. So mancher anerkannte Schriftsteller hat einschlägige Kurse als Nebenerwerb für sich erschlossen. Mehr oder weniger nützliche Anleitungen in Buchform sind auf dem Markt.
Ich habe mir ein solches Buch gekauft, denn auch ich suche nach jener Balance, die man nicht durch das Konsumieren einer gewissen Diät-Margarine erlangt, nach jenem Punkt in mir, mit dem ich mich auf eine Kegelspitze platziere, ohne dabei abzustürzen und mir blaue Flecke oder Beulen zuzuziehen. Und auch ich suche schreibend. Immer wieder, denn dieser Punkt benimmt sich grade wie die Magnetpole der Erde - er wandert. Es erschien mir ratsam, mich kundig zu machen. Ich begann zu lesen. Ich las davon, dass man seine Geschichte nicht mit dem Geburtsdatum beginnt, mit der fatalen Folge, dass allenfalls noch die am gleichen Tag Geborenen die nächsten 4990 Zeichen überstehen. Inklusive der Leerzeichen. Ich las von großen und kleinen Schreibskizzen, von Assoziationsfeuerwerken. Ich war begeistert. Es war sehr erbaulich. Aus einem anderen Fachbuch verinnerlichte ich, dass der Plot nicht nur gut, sondern überhaupt erst einmal vorhanden sein müsse, dass Figuren Schatten werfen und die Geschichten einen eindeutigen Klang haben sollten.
Und plötzlich entdeckte ich meine Mitte. Ich war nicht schlecht überrascht, wollte ich mir doch soeben noch die Ausrüstung zusammenstellen für jene Expedition, die mich an meinen inneren Pol führen sollte. Das Vorhaben, ein autobiografisch motiviertes Buch zu verfassen, war meine Mitte. Ich brauchte nicht weiter zu suchen, denn alles, was ich mir aus den Fachbüchern angelesen hatte, war eigentlich schon vorher da. Ich war mir dessen bloß nicht bewusst. Alle Skizzen, Notizen und Szenen, die inzwischen ein paar Hundert Seiten umfassende Materialsammlung, all das verkörperte meine ureigene Mitte.
Ich lernte, dass Schreiben also nicht den Weg zu diesem ominösen Mittelpunkt darstellt, sondern bereits aus ihm heraus geschieht. Eine solche Erkenntnis beschert einem eine völlig neue Ortsbestimmung. Und von da an war alles ganz anders. Die gelegentliche Schreibblockade verursachte nicht mehr den Zweifel an der grundsätzlichen Fähigkeit. Sie wurde zu einer schöpferischen Pause, die anzunehmen mir nun deutlich leichter fiel. Eine vom eigentlichen Thema abzweigende, urplötzlich auftretende Idee verursachte nicht mehr den Reflex, mir aus Sorge um meine Konzentrationsfähigkeit Ginseng zu beschaffen. Vielmehr formulierte ich sie aus, um sie parat zu haben, falls ich sie mal irgendwo gebrauchen könne. Ich gewöhnte mir an, alles zu beschreiben, was mir in welcher Form auch immer begegnete und meine Aufmerksamkeit erregte. Fingerübungen. Bausteine. Die ganze Welt wurde zu Wörtern, die Suche nach der treffendsten Formulierung, nach der anschaulichsten Metapher zu einer beinahe meditativen Übung, der Blick durch die Augen künftiger Leser zum täglichen Training. Fremd-, Herkunfts-, Synonymwörterbuch und der Duden bevölkerten den Arbeitstisch, denn derlei Nachschlagewerke sind Schätze, die ich gerne in Reichweite weiß und mit meinen Händen fühlen will. Kurzum: Mit solcher Intensität kann einem nur das eigene Ich entgegen treten.
Wenn ich heute eine Hand auf meinen Bauch lege, irgendwo zwischen Nabel und Sonnengeflecht, sage ich mir guten Morgen, da bist du ja. Ich war schon immer da. Und dann schreibe ich.
Von der Mitte aus
Während mancher - vielleicht auch manche - seine Körpermitte etwas tiefer definiert, bildet für mich der Bauchnabel meine Mitte. Es ist etwa die Stelle, auf die man als Geste intuitiv die Hand legt, wenn man sich über das so genannte Bauchgefühl unterhält.
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