Es waren 2 Kinder - Hänsel und Gretel -, die bisher von ihren Eltern umhegt und umpflegt wurden. Sie waren es nicht gewohnt, sich bei der Hausarbeit zu beteiligen. Warum auch? Papa brachte das Geld nach Hause und Mama führte den Haushalt.

 

 

Und dann kam die Katastrophe: Mama wurde krank und Papa verlor seine Arbeit.

 

"Ich habe für euch nichts mehr zu essen", sagte er ihnen, "ihr müsst euch selbst darum kümmern".

 

So zogen sie in die Welt, besser gesagt: in den Wald.

 

Sie kamen an eine Hütte, aus der es herrlich duftete. Es roch verlockend nach Braten und Rotkohl. Den Kindern, die schon einige Tage lang nichts gegessen hatten, floss das Wasser im Munde zusammen. Auf dem Tisch vor der Hütte lag ein frisch gebackenes Brot. Hemmungslos und ohne danach zu fragen, ob sie das dürfen, verschlangen sie es.

 

"Schmeckt es euch?"

 

Eine Greisin, die dort lebte, stand in der Türe und beobachtete das Treiben. Sie setzte sich zu den Kindern und liess sich deren Geschichte erzählen.

 

"Wir haben noch mehr Hunger, hast du noch was für uns?"

 

"Aber sicher... wenn ihr mir danach bei verschiedenen Arbeiten helft."

 

Die Alte bemerkte in den nächsten Tagen, dass die Kinder vom Arbeiten keine Ahnung hatten. Dem Mädchen zeigte sie, wie man kocht und bäckt, und dem Jungen, wie man Holz hackt und einen Stall ausmistet. Das Mädchen hatte Spass an der Sache, aber dem Jungen gefiel das nicht. Er hatte seinen Vater nie bei der Arbeit gesehen, sondern immer nur beobachtet, dass er Geld nach Hause brachte und sich dann ausruhte. Und so machte es Junior auch: Arbeiten war nichts für ihn, aber essen wollte er. Und das nahm er sich dann auch.

 

Eines Tages platzte der Alten der Kragen: Als sie Hänsel statt beim Holz Hacken schlafend im Heu vorfand, schloss sie ihn kurzerhand im Stall ein.

 

"Du musst nicht arbeiten. Aber wenn du von meinem Essen haben willst, solltest du dafür auch etwas tun", sprach sie und schob ihm einen Kanten trockenes Brot durch die Ritzen.

 

Nach 3 Tagen hatte er das Holz gehackt. Er hatte beobachtet, wie seine Schwester Schlachten und das Halten eines Gemüsebeetes gelernt hatte. Sie hatte auch Nähen gelernt. Und als er sich an diesem Abend an den Esstisch setzen durfte, fand er eine neue Hose auf seinem Stuhl. Die war ihm zwar etwas weit - durch seine unfreiwillige Hungerkur hatte er abgenommen -, aber sie war gut gearbeitet. Und da fiel ihm auf, dass seine Schwester sich verändert hatte: Früher wirkte sie wie eine Puppe und war recht launisch. Jetzt wirkte sie fröhlich, selbstbewusst und irgendwie stark.

 

Er liess sich das durch den Kopf gehen und änderte sein Verhalten. Von der Alten lernte er, wie man Möbel reparierte, schadhafte Stellen im Dach ausbesserte und etliches mehr. Sie lebte ja schon einige Jahre so und hatte viel gelernt.

 

Die Alte hatte den Wandel der beiden Kinder mitbekommen und so manches Mal an deren Eltern gedacht.

 

"Lieber Hänsel, liebe Gretel", begann sie eines Morgens beim Frühstück, "ich danke euch für die Zeit bei mir, aber das ist die letzte Mahlzeit hier für euch, weil ich denke, dass es jetzt Zeit wird, wieder nach Hause zu gehen. Ihr habt von mir keine Schätze bekommen, aber ihr seid jetzt fähig, euch um euch zu kümmern. Grüsst mir eure Eltern" und zeigte ihnen die Richtung ihres Elternhauses, was in den letzten Wochen hin und wieder einen "Zustandsbericht" über ihre Kinder erhalten hatte.

 

 Und wenn ...

 

 

 

 

 

 

 

 

... die Gebrüder Grimm nicht eine Hexe aus ihr gemacht hätten, würde man heute dieses Märchen anders verstehen.