Da waren mal zwei, die sich gut verstanden. Da waren mal zwei, die miteinander lachen konnten. Da waren mal zwei, die sich gegenseitig nicht ehrlich waren …

Da war ein Mann, der ein Profil sah und sich in diesem verbiss.

Da war eine Frau, die sich nach Liebe sehnte, und wieder einmal feststellen musste, alles läuft nur über Sex. Sexanimation über entsprechende Fotos, die doch so selbstverständlich gegenseitig ausgetauscht werden, was sie für sich unterband, Sex über das Telefon, was sie ablehnte, Sex via Cam, den sie nicht  wollte … und sie fühlte, dass sie einfach zu etwas abgestempelt wurde, was nicht mal ansatzweise ihrer Lebensphilosophie entsprach … was sie regelrecht verabscheute.

Gut, sagte sie sich, er will es so haben, also bekommt er eine Frau, die über allem erhaben ist. Er bekommt zwar nicht die eingeforderten auf die Sexschiene ausgerichteten Begebenheiten, aber wer sich so darstellt, solch ein Mann bekommt auch nicht ihr Herz …

Ein Wagnis, worin sie sich selbst überschätzte. Sie stand nicht über allem, aber die Neugier trieb sie, zu wissen, ob wirklich das Gros des Nets nichts anderes im Sinn hat, als sich unverbindliche Affären an Land zu ziehen …

So spielte sie eine Rolle, derer sie nicht mal ansatzweise gerecht werden konnte. Sie hatte ihre Träume, ja, sie wollte probieren, aber alles mit einem Mann, welcher an ihrer Seele interessiert war, nicht nur an ihrem Körper.

Oh ja, er lebte doch so erwartungslos und gleichzeitig wurde sie dazu degradiert, mit vielen Männern ein Verhältnis zu haben, denn sie gab sich über den Dingen stehend … Eine Frau, die sich nimmt, was ihr vor die Flinte läuft …

Je mehr sie versuchte, sich so zu geben, wie sie fühlte, je mehr verhärtete sich die Situation.

Es eskalierte regelrecht, weil er glaubte, sie hätte mindestens zwei andere Männer, denn man(n) glaubt gerne alles, was einem so gerade in den Kram passt. Beleidigungen seinerseits waren die Folge, und sie fragte sich von Tag zu Tag mehr, wofür sie überhaupt noch mit ihm telefonieren sollte. Sie hatte ihren Stempel auf der Stirn, den er ihr aufgesetzt hatte. Kein Respekt seinerseits, dass manches auch mal einer wundersamen Wandlung unterliegen könnte. Sie war aufgrund ihrer Äußerlichkeit eben zum unverbindlichen Sex geboren, ein Herz haben solche Frauen nicht …

Ihre Freundinnen belächelten diese Erfahrung und sagten: Wer sich auf dieses Net einlässt, muss gewisse Spielregeln einhalten, und sieh es einfach als einen Spaß, den du dreimal hattest … top oder flopp und gut ist … Was er kann, kannst du schon mindestens dreimal …

Unterstellungen waren jetzt an der Tagesordnung, es gab keinen Konsens mehr. Es traf sie härter, als sie sich selbst eingestehen wollte …

Immer wieder wollte sie sich aus dieser Enge befreien, wollte in ihr eigenes Leben zurück. Beruflicher wie privater Stress kam hinzu; der Druck nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie fühlte kein Vertrauen, und ihr eigenes sank ebenfalls in den Keller.

„Mensch, lass dich doch nicht so an der Nase herumführen. Aber wenn du es nicht wahr haben willst, dann mach doch einfach den Test …“ meinten ihre Freundinnen.

„Du, er ist schon seit bestimmt zwei Stunden on! Ich sage dir, der hat sich nur einen Spaß mit dir gemacht.“

„Hey, ich sehe das auch so. Teste ihn und gib ihn zum Abschuss frei …“, so waren die Kommentare ihrer Freundinnen.

Nun ja, es heißt ja nichts, wenn jemand mal lange on ist, er kann ja auch einfach nur mal vergessen haben, sich abzumelden …

„Bist du bescheuert? Jetzt nimm ihn doch nicht noch in Schutz, du bist jetzt eh nur noch Warteschleife, mehr ist da nicht mehr zu erwarten. Du wirst ihm zu kompliziert. Männer mögen so etwas nicht, jedenfalls Internetmänner nicht …“

„Nun schau endlich, dass du die Bestätigung bekommst, denn die wirst du bekommen … da wetten wir einen Discoabend drauf …“

Er war on, wieder nicht on, wieder on … Laut ihrer Freundinnen bewegte er sich seit Stunden im Net. Auf ihre letzte Mail hatte er aber immer noch nicht geantwortet …

Sie wusste nicht mal, wie man das jetzt so richtig anstellt, sich als Fake auszugeben. Anleitung bekam sie über das Telefon, und so nutzte sie ein Profil, was sie sich mit ihren Freundinnen teilte. Jede hatte einen Zugriff darauf, jede nutzte es so, wie sie es brauchte.

Sie schrieb die erste Mail an ihn. Es verging kaum Zeit und die Antwort lag im Postfach. Sie las dieselben Worte, die er ihr auch geschrieben hatte. Sie antworte darauf zeitnah und schon kam die nächste Antwort. Und wieder schnürte es ihr die Kehle zu, denn schon gab er seine Mailadresse bekannt.

Ihre Freundinnen rieten ihr weiter zu machen, aber ihr reichte es, denn sie war nicht diejenige, die gewillt war, noch mehr zu erfahren, da es ihr auf der anderen Seite in ihrem Innersten widerstrebte … Der Schock ließ sie wütend werden, sie löste es auf im Namen ihrer Freundin, ganz so, wie ihre Freundinnen es immer mal wieder selbst unternahmen.

Sie saß vor dem PC und ihr wurde schlecht. So ist das eben, wenn ein Mann immer wieder versucht, seine eigenen Unzulänglichkeiten auf eine Frau zu übertragen.

Sie ist sich ihrer eigenen Schuld durchaus bewusst; auf der Suche nach sich selbst und der Akzeptanz für einen für sie lebenswerten Weg stolperte sie über ihre eigenen Gefühle. Vor allem aber stolperte sie über sich selbst …

Alles war von vorneherein auf Selbstbetrug aufgebaut … Die Strafe folgte auf dem Fuße … Aber heute weiß sie, wo sie hingehört, was ihr Lebensweg ist und kann dem Leben wieder entgegen lächeln … Manchmal sind Erfahrungen auch heilsam …

Sarah