Jeden Morgen das gleiche: die Gemeinschaftsküche sieht aus wie nach einem Bombeneinschlag in Tateinheit mit einem ausgiebigen Gelage. Benutzte Kaffeetassen und Gläser, dreckige Teller und versifftes Besteck halten die Spüle besetzt. Irgendwie sieht es aus, als hätten sie die ganze Nacht durch gemacht. Jetzt steht und liegt alles erschöpft und erstarrt durcheinander – wünsche eine schöne Orgie gehabt zu haben.

 

Klarer Fall: Von ihren Benutzern zu spät entsorgt, um noch einen gemütlichen Platz in der Spülmaschine zu ergattern. Selbst spülen? Auf keinen Fall, wozu hat man (oder frau) denn studiert. Außerdem war dazu sowieso keine Zeit. Und das wichtigste überhaupt: es hat ja keiner gesehen. 

 

Manchmal stelle ich mir vor, wie unser allzeit so korrekter Personalchef abends mit seiner Tasse in der Hand die Küche betritt und nach einen vorsichten Blick auf den verwaisten Flur … So also sieht es jeden Morgen aus.

 

Und wie jeden Morgen seit jenem Tag ignoriere ich das Chaos und fühle mich nicht mehr verantwortlich, es zu beseitigen. Nun gut, anfangs konnte ich nicht anders, gelegentlich stand ja auch meine Tasse dabei, die ich nach getaner Arbeit auf dem Weg nach Hause dort kurz abgeladen hatte. Was bleib mir also übrig? Gezwungenermaßen räumte ich das saubere Geschirr und das entsiffte Besteck aus der Spülmaschine und die neue Ladung hinein. Von Mal zu Mal schwoll mein Hals dabei mehr an. Es waren immer die selben, die es sich einfach machten. Mit der abendlichen Entsorgung meine ich. Morgens zu vorgerückter Stunde waren sie aber nie gesehen, sie kamen fröhlich pfeifend den Gang entlang, wenn alles aufgeräumt und gereinigt war. 

 

Dann – an jenem Tag – kam mir eine Idee, wie ich der hinterhältigen Falle - diesem Gefühl der kollektiven Haftung für die Folgen der ganzen Abteilung -  entkommen konnte. Es war ja nur ein unglückliches Zusammenspiel von gelegentlicher Teilnahme am allabendlichen Werteverfall und meiner Unfähigkeit, den mir zustehenden Anteil an der Verantwortung einfach zu ignorieren. Manchmal ist es eben auch nicht gut, wenn die eigenen Eltern Moral- und Wertevorstellungen einfach erfolgreich weitergeben :-) 

 

Von jenem Tag an spüle ich jeden Abend meine Tasse eigenhändig und im Bewusstsein, dem Teufelskreis entronnen zu sein. Am nächsten Morgen kann ich dann einen abschätzigen Blick auf das angesammelte Stillleben werfen und einen mitleidigen Gedanken an das arme Schwein verschwenden, das diesmal die Nerven verliert…. 

 

Dann setze ich im ganzen Durcheinander einen schönen starken Kaffee auf und mache mir so meine Gedanken. Warum ist es mit der geteilten Verantwortung so schwer? Warum mutieren ansonsten höfliche und aufmerksame Kollegen zu Soziopathen, wenn es darum geht, eine neue Kanne Kaffee aufzusetzen, wenn sie gerade die letzte Tasse ergattert haben? Lieber entwickeln sie ein Gespür dafür, wie viel Kaffee der Kanne noch zu entlocken ist, bevor das verräterische Röcheln einsetzt. Ein winziger Rest muss bleiben, schließlich ist man (oder frau) sich ja der Verantwortung für das Wohlergehen der Kollegen bewusst…

 

 

P.S.: Jede Übereinstimmung mit lebenden oder toten Personen, existierenden oder vormals existierenden Firmen ist durchaus beabsichtigt und überaus menschlich :-)