Wahrnehmungsfallen

„Ich beurteile Menschen völlig wertfrei und objektiv“ oder: „Meine Freunde und Familie schätzen meine objektive Beurteilung.“ Immer wieder gehörte Aussagen von lebenserfahrenen Menschen.
Doch es bleibt eine Selbsttäuschung, egal, wie man es dreht und wendet. Was die Menschen bei einem allenfalls schätzen und anerkennen können, ist das Bemühen um Objektivität. Das ehrliche Bemühen eines Menschen, möglichst viele Fakten, Beobachtungen und Eindrücke ein zu beziehen. Doch eine objektive Beurteilung gibt es nicht.

Die „Objektivitätsfalle“

Es ist fatal. Aber sobald Menschen andere Menschen beurteilen, kann es kein objektives Urteil ergeben. Denn jeder Mensch hat eigene Lebenserfahrungen, individuell und graduell eigene Werte, Normen und Maßstäbe. Sie sind die – auch eigene Sicherheit gebende- Grundlage unserer Beurteilung. Es sind mehr oder minder flexible Raster und Schablonen, die wir unbewusst anwenden und in eine Beurteilung einfließen lassen. Lässt man zwei gleichgeschlechtliche und etwa gleich alte Personen einen ganzen Tag einen anderen Menschen beobachten, so werden sie doch am Ende zu unterschiedlichen Beurteilungen der Person, des Verhaltens und der Handlungen kommen. Und oft nicht nur graduell.
Sicher, man kann Beurteilungen objektiver machen, in dem man die Anzahl und Zusammenstellung der Beurteilenden erhöht. Doch 100% -tige Objektivität der Beurteilung gewährleistet es auch nicht. Zu dem ist es im normalen Alltag nicht praktikabel. Hier ist man nur selbst verantwortlich. Und diese Verantwortung ist nicht teilbar und nicht delegierbar.

Die „Wahrnehmungsfalle“

Die meisten Menschen glauben, dass sie ihre Umwelt recht klar und objektiv sehen. Viele zeigen sich bestenfalls amüsiert, wenn sie mit anderen möglichen Sichtweisen und Einschätzungen konfrontiert werden.
Doch unsere Wahrnehmungen sind keine fotografisch objektiven Protokolle dessen, was wir in oder durch unsere Umwelt erleben. Sie sind Fehlern, Störungen und Attributionen (Beifügungen, die einem etwas stimmig machen) unterworfen.
Wahrnehmungen unterliegen immer den berühmten drei S… .


Sie sind immer
? Subjektiv
? Selektiv
? Situativ
Nichts liefert ein lebendigeres Beispiel, als die Verschiedenheit der Aussagen von 4 – 5 Unfallzeugen zu ein und demselben Unfall.
Eigentlich sind diese Wahrnehmungsfilter eine von der Natur eingerichtete Schutzfunktion. Würden wir alles in unserer Umgebung wahrnehmen und verarbeiten müssen, würde wir durch die Reizüberflutung sprichwörtlich „in den Wahnsinn getrieben“.
Aber unsere Wahrnehmungsfilter hindern uns auch da ganzheitlich wahr zu nehmen und zu bewerten, wo es angebracht wäre.

Was unsere Wahrnehmung und Beurteilung beeinflusst

? eigene Sozialisation
? eigene Lebenserfahrungen
? eigene Werte, Normen u. Maßstäbe
? eigene Einstellung
? typische Wahrnehmungsfallen ( „die drei S…“)
? Vorinformationen
? Geschlecht und Lebensalter(Beurteilung)
? Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen

Auswirkungen im Leben

So oft hört man die meist berechtigte Klage:“Ich bekomme keine Anerkennung für das, was ich tue. Sei es im Beruf oder in der Familie, im Freundeskreis oder in der Partnerschaft. Es wird zu wenig gelobt, es gibt zu selten erkennbare Anerkennung.
Stellt man Führungskräften oder Mitarbeitern die Frage :“Wie oft in ihrem gesamten Berufsleben (als „Führender“ oder „Geführter“) wurden Sie zu Anerkennungsgesprächen gebeten, und wie oft zu Kritikgesprächen?“, ist die Tendenz eindeutig. Die Zahl der Kritikgespräche überwiegt.

Und im Privaten sieht es ebenso aus.
Wie oft wurde früher am Zeugnistag darüber gesprochen, wo und warum sich welche Note im Vergleich zum letzten Zeugnis verschlechtert hatte. Weit weniger Worte zu den erreichten Verbesserungen, und gar kein Wort, zu dem, was man gehalten hat. Obwohl es vielleicht sehr viel Engagement und Mühe gekostet hat, auch in diesem Jahr die „Drei“ vom letzten Jahr zu halten.

Wie oft sagen wir der Partnerin/dem Partner, wie gut es tut, dass sie/er sich konstant und gut um bestimmte Dinge kümmert. Es ist zur selbstverständlichen Normalität degeneriert und keines Wortes mehr wert.

Vor einiger Zeit war ich bei einem Freund zur Hauseinweihung eingeladen. Er hat mit unendlich viel Eigenarbeit ein wunderschönes Haus gebaut.
Alle Gäste standen mit einem Getränk im Wohnzimmer, als mein Freund mit seinem von außerhalb angereisten Vater nach einer „Führung“ durch sein Haus dazu kam und ihn fragte: „Na Vati, wie findest Du mein Haus?
Antwort des Vaters: „Hübsch, aber die Blenden an den Lichtschaltern hast Du vergessen.“

Ist dieses Missverhältnis also gar nicht Ausdruck der tatsächlichen Verhältnisse, sondern Beleg für eine weit
verbreitete Wahrnehmungsverzerrung und -bewertung?

Das viele Positive, die durch Engagement erreichten Erfolge werden zur Selbstverständlichkeit. Der Focus geht ausschließlich auf die gelegentlichen Pannen. Wir nehmen gar nicht mehr bewusst wahr, dass Menschen konstant über Jahre 100% Engagement oder mehr erbringen. Dabei kostet es nicht unangemessen viel Zeit, einem Menschen zu sagen, wie sehr man es schätzt, dass sie/er über Jahre Aufgaben konstant erledigt.
Dem Einzelnen signalisiert es: Meine Leistung wird wahrgenommen. Das ist Motivation pur, ohne Lobhudelei, ohne jemand überzogen und unglaubwürdig auf ein Podest zu heben.

Nur man muss es auch bewusst wahrnehmen und bewerten.
Und gegenüber den eigenen Wahrnehmungen und Beurteilungen eine konstruktiv-kritische Distanz entwickeln. Behutsam und hinterfragend sein heißt: „Gibt es auch noch andere mögliche Sichtweisen oder Einschätzungen, als meine
(spontane, erste)eigene Sichtweise?“
Selten ist die eigene Wahrnehmung und/oder Beurteilung die einzig mögliche.

Der „Teufel steckt, wie so oft im Detail“. Nicht nur in der eigenen Wahrnehmung, sondern auch in den Erinnerungs- und Gedächtnisstufen unseres Gehirns.

Wahrnehmen und urteilen bedeutet zu wissen: nicht alles ist so, wie ich es sehe. Es gibt zu viele, normale, menschliche Wahrnehmungs- und Beurteilungsfallen. Wichtig ist die eigene kritische Distanz!

Text: Rainer Nocht