Ich war mit Mariele verabredet zu einem Stadtbummel.Ich hätte wissen müssen, dass das schief geht. Dabei mag ich Mariele, doch es gibt Punkte, da trennen uns Welten. Mariele mag genau wie ich das Besondere. Nur haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem Besonderen. Bei Mariele fängt es mit dem Namen an. Sie legt großen Wert darauf, dass er mit der gleichen Betonung ausgesprochen wird wie Gabriele. Bitte gern.
Mariele kam zu spät. Atemlos hetzte sie um die Ecke. Der Haushalt hatte sie einfach nicht losgelassen. Sie kann und will nur dann gehen, wenn alles wie geleckt ist. Aufgeregt erzählte sie mir, dass ihr die Flasche mit Möbelpolitur ausgekippt sei und sich die Überdosierung auf dem Tisch verteilt hat. Warum nur konnte ich diese Katastrophe nicht würdigen?
Mariele schaute auf die Uhr. In drei Stunden müsse sie daheim sein, schließlich braucht der Gatte sein Abendessen. "Er ist doch schon groß und kann das sicher auch allein.", stellte ich fest. "Ja, schon.", gab Mariele zu. "Aber wie dann die Küche wieder aussieht. Erst neulich hat er mit Bodenreiniger die Arbeitsflächen gewischt." Mariele seufzte um die Wirkung ihrer Worte zu verstärken. Doch Mariele hatte ihren Haushalt tip-top in Schuss. Da komme ich nicht mit. Selbstverständlich brauche ich um mich herum auch Sauberkeit und Ordnung um mich wohl zu fühlen. Doch als voll berufstätige, allein erziehende Mutter habe ich andere Schwerpunkte gesetzt oder setzen müssen. Das Kind ist nun erwachsen und trotzdem ist der Haushalt nicht zu meinem Lebensmittelpunkt geworden. Ähnlich ist mit Friseurbesuchen.
So häufig wie Mariele kam ich da nicht hin. Mein Gewissen regte sich. Bin ich eine schlechte Hausfrau mit leicht zu pflegender Kurzhaarfrisur? Ich sah uns beide an. Wir gaben schon ein kontrastreiches Bild ab. Es war das erste Mal, dass wir uns zu einem Bummel trafen. Sonst sind mir zusammen ins Theater oder Ausstellungen gegangen. Die Themen waren dann klar vorgegeben. Aber heute?
Mariele steuerte ein Schuhgeschäft an. Sie brauchte dringend ein paar Pumps, die zum neunen Kostüm passten. Ich war als Ratgeberin keine Hilfe, denn ich kannte das Kostüm nicht.
Später waren wir im dritten Geschäft angekommen. Mariele stellte hohe Ansprüche an Preis, Passform und Qualität. Es schien so, als müsse das Kostüm noch auf das passende Beiwerk warten. Und ich dachte sehnsüchtig an eine Tasse Kaffee. Außerdem hätte ich so gern noch in Trödel und Bücherläden gestöbert. Also brachte ich Mariele gegenüber meine Wünsche zum Ausdruck. Nein, Kaffee könne sie erst so richtig genießen, wenn die Schuhe gekauft seien. Und Bücher könne man heutzutage so bequem im Internet bestellen. "Doch hast so viel Schuhe. da wird sich doch zur Not auch ein Paar finden lassen." "Zur Not, sicher. Ach, du hast doch keine Ahnung. Du bist eben keine richtige Frau."
Peng, das saß. Ich hielt den Mund. Außerdem machten wir uns bald auf den Weg. Marieles Gatte durfte schließlich nicht hungern. Doch ihre Worte nagten an mir. Keine richtige Frau? Was dann? Ein falscher Mann? Selbstkritik war angesagt. Biologisch war ich sicher eine richtige Frau. Also fühle ich nicht wie eine Frau? Ich mag Fußball, im Radio. Darum jetzt nicht weiter grübeln. Ich schalte das Radio ein. Mein Lieblingsreporter berichtete aus Glasgow. Werder spielte ganz gut. Es ist tröstlich. Doch dann lässt sich der Torwart ein selten dämliches Ding einschenken. Und dann noch ein zweites. Werder hat verloren wegen der Unfähigkeit des Torwarts. Das sagte der Reporter. Aber was soll man erwarten von einem Torwart der rosa Hemdchen trägt. Ach nein, er trug lila. Noch schlimmer, die Farbe der Frauenbewegung. Und sowas will ein Mann sein? Ein Schreck durchfuhr mich. Waren das nicht eindeutig männliche Gedanken? Ich beruhigte mich. Werder ist doch nun wirklich nicht wichtig. Außerdem ist so ein Torwart im wahrsten Sinne des Wortes eine Lachnummer. Ich rief mich abermals zur Ordnung. Wie sagte meine Oma oft: "Es gibt überall soone und solche und die Grünkarierten. Das macht das Leben spannend." Es gab für mich mit einem Mal keinen Grund mehr über die Hemdchen eines Tim Wiese zu lästern und die Feststellung, dass ich sehr wohl eine Frau bin. Eine andere als Mariele, was absolut richtig ist.
So eine, solche eine oder grünkariert?