Vogelvoliere, sieht aus wie eine Pagode. Gurrendes Geräusch von Laufvögeln. Ich höre das schon eine ganze Zeit, kann es aber erst zuordnen, als ich dicht vor der Voliere stehe. Kanarien, Finken, mit einem Blick, den nur Vegetarier kennen: Kein Jagdimpuls, stattdessen Kindchenschema. Ein großer mehrstämmiger Baum mit moosiger Baumscheibe bietet auch den beiden Läufern Lebensraum.

 

Ledersitzgruppen, tief, Farbe wie ein lichtes Flieder, niedrige Glas-, Holz- und Rattantischchen. Grüner Teppichboden. Teppichboden? So was aus Kunststoff, was man sich auch auf Terrassen legt. Palmenhaus, wobei die meisten Gewächse hier keine Palmen sind. Es sind Farne und ein stattlicher Kirschlorbeerbaum dabei. Den Rest kenne ich nicht. Ich war noch nie ein guter Botaniker. All das unter einer Glaskuppel, deren Segmente ihr das Aussehen eines halbierten Fußballs geben, abgestützt von Holzpfeilern mit Stahlkern, die an beidseitig angespitzte Bleistifte erinnern.

 

Irgendwo plätschert Wasser. Frauen stricken.

 

Warten - an der Nahtstelle zwischen Schulterchirurgie, Psychosomatik und Gesundheit. Was ist das, Gesundheit?

 

Immer wieder das Klacken der Automatiktüre, die den Empfangsbereich vom Palmenhaus trennt. Ich muss einen neuen Parkschein lösen. Es dauert viel länger als gedacht. Ein Priester kommt mir entgegen, Gebetbuch in der Linken, ernstes Gesicht. Nanu? Kann man hier auch sterben? Wie er sich wohl fühlt im Strudel der Diskussionen um die Missbrauchsfälle? Hat er sich auch was vorzuwerfen?
Sein Chef hat sich noch ausgeschwiegen, jedenfalls auf Deutschland bezogen. Warum?

 

Gelegentlich trägt auch der ein oder andere Besucher ein Buch unterm Arm. Kann die Titel nicht erkennen, würde mich aber interessieren. Schwarz-blaue Trainingsanzüge. Grauhaarige Frau im quer gerippten Morgenmantel. Sie geht mit Gehwagen, wirkt zerbrechlich. Genesend? Auf jeden Fall noch lebendig. Und sympathisch.

 

Das dunkelhäutige Kind mit Banane bringt einen Kontrast hier herein - unbeschwertes Leben. Nichtwissen kann schützen.

 

Warten - zwischen dem nachmittäglichen Besucherstrom.

 

Menschen, die sich auf den Ledersofas ausstrecken oder tief in einen Sessel gesunken schlafen. Wohlfühlinseln dort, wo man nicht freiwillig hingeht, um sich wohl zu fühlen. Man soll alles positiv sehen. So positiv wie die Erfolgsautoren, die uns diesen Mist seit Jahren einhämmern. Alles Typen, die aus irgendwelchen Unternehmensberatungen entlaufen sind. Kein Recht mehr auf Melancholie oder gar Trauer? Es gibt zu viel davon, deshalb sind halb volle Gläser Bestseller.

 

Der Graphitstift kommt zum Einsatz. Er ist positiv, ein Symbol für das Beste, was mir seit langem passiert ist. Ich war nicht sicher, ob ich ihn brauchen würde. Aber man kann nie sicher sein vor seinen Gedanken. Er schreibt so schnell, wie meine Hand ihn führen kann. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich müsste all das schon gestern geschrieben haben und versuche, die verlorene Zeit nachzuschreiben.

 

Korbsessel mit ockerfarbener Auspolsterung in dezentem Dreiecksmuster. Einer der Vögel trillert. Man kann das nicht anders beschreiben. Es klingt so wie das Wort. Trillern. Trillern. Sag' dir ein Wort nur lange genug vor und du weißt nicht mehr, was es bedeutet. Wenn's dir wieder einfällt, ist dir nicht mehr klar, warum gerade dieses Wort gerade diesen Gegenstand beschreibt. Es könnte auch ein x-beliebiges anderes sein. Etymologie. Gewiss, sie erklärt mir, welchen Weg ein Wort genommen hat bis zur heutigen Bedeutung. Trotzdem: Ein Laut ist erst mal nur ein Laut. Er braucht keinen Gegenstand.

 

Warten.

 

Mancher Gesichtsausdruck leidet. Es ist nur nicht klar, ob er das eigene Leiden meint oder das eines anderen. Ich sitze in einem Ledersessel und blockiere die ganze Sitzgruppe. Die Menschen suchen Abstand. An mir liegt's nicht. Das weiß ich einfach. Aber woran dann?

 

Ich spüre die bewegte Luft. Wahrscheinlich bläst es aus einem der fünf großen Rohre. Sie ragen aus der Betonwand wie überdimensionale Regenwürmer, drei lange, dazwischen zwei kurze. Wo ist Kopf, wo Schwanz? Sie setzen gestalterische Akzente, symbolisieren High Tech und dokumentieren, dass man hier tatsächlich nicht im Wald sitzt. Ich schau' genauer hin - richtig, die Blätter des Kirschlorbeerbaums bewegen sich im Luftstrom. Schon tausendmal Gesehenes lässt mich vermuten, dass es mir hier ein weiteres Mal begegnet.

 

Eine ältere Dame im blauen Anzug mit feinen grauen Längsstreifen kommt herein. Sie blickt sich suchend um und bleibt schließlich vor der Vogelpagode stehen. Sie setzt die Brille ab und lächelt gerührt.

 

Ich beginne gleich die fünfte Seite mit diesen Notizen. Unglaublich. Ich merke, dass meine Sätze das Stichwortartige allmählich verlassen haben, Subjekt und Prädikat besitzen. Es ist wie beim Schwimmen. Bist du lange genug geschwommen ohne Land zu sehen, geht es irgendwann von ganz allein, weil du gar keine andere Wahl hast. Der Gedanke passt doch irgendwie in dieses Krankenhaus, obwohl die das hier gut geschafft haben. Du denkst, gehofft, gelitten und gestorben wird anderswo. Nicht hier. Hier gibt es Wohlfühlinseln.

 

Warten - immer noch. Worauf?

 

Das Buch, eigentlich zum Lesen mitgebracht, bildet eine willkommene Schreibunterlage. Stimmen sprechen verhalten. Die Worte sind nicht zu verstehen. Obama hat es geschafft, 34 Millionen zu versichern gegen die Folgen von Krankheit. Und vier oder fünf Bundesstaaten sehen das als Beschränkung von Bürgerrechten. Ich bin gespannt, ob er seine Amtszeit überlebt. Präsidenten umzubringen ist auch ein Bürgerrecht in einem Land, in dem ein Mann tun muss, was ein Mann tun muss. Das Bundessozialgericht lehnt Hartz IV-Zuschüsse für Kinderkleidung ab. Hier gibt es eine Abteilung für plastische Chirurgie. Wie viel Kosmetik können wir uns leisten?

 

Warten.

 

Gerade eben habe ich was von Seepferdchen gelesen. Im Aquarium hier sind keine. Schade, wo sie doch alles falsch machen. Die Männchen kriegen die Eier von den Weibchen eingepflanzt, tragen sie aus und übernehmen die Brutpflege. Machen wir alles richtig? Warum bin ich überhaupt hier? Richtig, weil mein Schutzengel einen gebrochenen Flügel hat und deswegen grade nicht fliegen kann.

 

Der weiße Kanarienvogel guckt neugierig, wer in dem großen Käfig da draußen sitzt. Er ist so weiß wie die vielen Verbände um Hände, die ich hier sehe. Klar, die Handchirurgie. Hoffentlich brauche ich das nie! Ein Albtraum.

 

Mit Gänsehaut fällt mir die Sense ein, die längs in meinen Zeigefinger glitt und eine Sehne angeschnitten hat. Es hat geblutet wie beim Schlachtfest. Ich hatte aber Glück. Ich war privat versichert. Und der Notfallarzt spielte auch ein Musikinstrument. Diese zwei Faktoren ergaben die perfekte Harmonie. Er hat alles wieder gut zusammen geflickt. Manchmal noch fühlt sich der Finger an wie das kalte Herz.

 

Das Warten hat ein Ende. Kürzlich hat sie mir die Finger gewärmt.