Ich bin so traurig!
Vorgestern feierten wir eine Gartenparty. Es war soviel Glück dabei, denn es war seit langem mal passendes Wetter. Wir - das sind außer mir noch meine Cousine, ihre beiden Söhne, und von einem Sohn der Lebensgefährte - bilden eine nette Hausgemeinschaft. Ich bewohne eine Mietwohnung hier im Haus. Wir haben einen schönen Garten, den zum größten Teil ich an dem Tag der Party hergerichtet hatte, damit es eine schöne Party werden würde. Ich bin als Einzige aus dem Haus nicht mehr berufstätig. Wir hatten es schon lange mal vor, aber aus verschiedenen Gründen ist nichts daraus geworden. Es war dann eine gelungene Party.
Am anderen Morgen läutete mein Telefon und eine Mitarbeiterin aus dem Altenpflegeheim war dran, um mir mitzuteilen, daß meine 98 jährige Mutter gestürzt sei und in eine Klinik eingeliefert werden müsse. Schock erst mal! Es ist nicht das erste Mal, daß sie in eine Klinik muß. Ich war noch gar nicht richtig bei mir und fragte nur, in welche Klinik sie komme. Das könne sie mir nicht sagen, aber sie wolle mich noch einmal anrufen. Was sie auch eine Stunde später tat. Weil ich aus gesundheitlichen Gründen schon in Rente bin, habe ich aus finanziellen Gründen seit ca. 4 Jahren kein eigenes Auto mehr. Ich habe einen Sohn, der mir jederzeit sein Auto überläßt, wenn er nicht gerade arbeitet. Gestern aber war er nicht zu Hause, sondern bei seiner Freundin, die etwa 100 km von hier weg wohnt. Sie sehen sich nicht so oft, weil sie viel arbeitet. Schichtdienst in einer Klinik.
Ich bin dann gegen Abend mit meiner Cousine in die Klinik gefahren. Dort erfuhr ich, daß sie sich eine Wirbelsäulenfraktur zugezogen hatte und Prellungen. Ferner hatte sie sich ihren vor zwei Jahren gebrochenen Oberschenkel wieder angebrochen. An der Schläfe hatte sie eine dicke Beule, die ganz blutunterlaufen war. Es drehte sich mir das Herz herum. Da liegt meine alte Mutter, ihre Augen geschlossen. Eingefallen, wie sie ist, lag sie dort und nahm zuerst gar nicht wahr, daß wir bei ihr waren.
Sie lebt seit 7 Jahren in der Einrichtung. Ich bin die einzige Tochter. Als sie nicht mehr allein zu Hause zurecht kam, war ich noch voll berufstätig. Ich bin geschieden und muß halt selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen. Meine Mutter ist schon über dreißig Jahre lang Witwe und ich war schon lange für sie da. Habe ihr die Wohnung geputzt, eingekauft, Arztbesuche mit ihr absolviert und eben alles, was anfällt, da sie kein Auto fuhr und seit ihrem 80. Lebensjahr auch nicht mehr mit dem Rad fahren konnte. Nun war sie 91 und schweren Herzens mußte ich ihren Haushalt auflösen. Es tat mir sehr weh, weil ich weiß, daß sie es als "abschieben" versteht. Sie hat ihr Leben lang auf dem Lande gelebt und dort behielten die Leute halt oft ihre alten Angehörigen im Hause. Sie hat sich halt einfach gewünscht, daß sie sich in ihrer Wohnung, in der sie über 50 Jahre gelebt hat, ins Bett legt und einfach irgendwann nicht mehr aufwacht...
Es war sehr schlimm für uns Beide. Ich weiß noch, daß ich innerlich sehr aggressiv war bei ihrem Umzug in die Einrichtung, weil ich einfach sehr schlecht mit der Situation zurecht kam. Als sie im Auto saß und ich langsam mit ihr wegfuhr von ihrem Zuhause, drehe sich mir der Magen und das Herz herum vor Schmerz., Sie nahm Abschied, ohne zu weinen. Sie ist unglaublich stark. Sie weinte innerlich, ich weiß es. So wie ich auch!
Das Altenplfegeheim war ein alter Bau, der auf mich wie ein Gefängnis wirkte. Aber ich wollte sie gerne hier im Ort haben. Ich blieb den ganzen Tag bei ihr und als ich abends ging, weinte ich bitterlich. Ich muß dazu sagen, daß wir wohl eine ganz besondere Bindung haben. Denn meine Mutter erlitt vor mir zwei Fehlgeburten und zwei ihrer Kinder sind so viel zu früh auf die Welt gekommen, daß sie innerhalb einer Viertelstunde gestorben sind. Ich selber bin nach sechseinhalb Monaten Schwangerschaft als letztes Kind geboren, war lange in einem "Brutkasten" und später sehr oft krank, ein wenig motorisch gestört, aber sonst ok. Meine Eltern hatten große Sorge um mich und mit der Pubertät wurde ich robuster. Aber die Sorge blieb ein Leben lang und ich wurde überbehütet dadurch.
Nun also Altersheim. Abgeschoben! Ich besuchte sie, so oft es ging. Von dem Tag an aber hat sie sich aufgegeben. Von dem Tag an wollte sie sterben. Von dem Tag an hatte ich ein schlechtes Gewissen. Zu Anfang bekam sie viel Besuch und so war die Belastung nicht bei mir alleine. Nach und nach starben ihre Geschwister und sogar ihn jüngster Bruder mußte vor ihr gehen... Für sie war er mehr ein Sohn, denn 24 Jahre lagen zwischen ihnen.
Ein Jahr später wurde ein neuen Haus (Pflegeheim) gebaut und sie siedelte um. Sehr großzügige Räume, sehr hell, sehr freundlich, jedes Zimmer hat eine 'Terrasse. Aber auch das ändert nichts daran, daß sie sterben will. Sie hatte zu der Zeit schon einen Leistenbruch hinter sich. Ich weiß noch, daß sie einen Tag vor Heiligabend entlassen wurde und ich habe sie zu mir nach Hause geholt, wo sie 3 Tage blieb. Sie brach sich den linken Arm eine Weile später. Ich war zwischenzeitlich entlassen worden aus meiner Firma und meine Krankheit (Rheuma, schwere Arthrose in allen Gelenken einschließlich der gesamten Wirbelsäule, kaputte Handgelenke, zwei Knie-OP´s, Gangunsicherheit als Spätschäden meiner zu frühen Geburt) brach aus. Jeden Tag Schmerzen! Ich hatte einen Rentenantrag gestellt und es begann eine regelrechte Odyssee durch diverse Arztpraxen. Ich war ziemlich fertig mit der Welt und der ganze Papierkrieg raubte mir meine letzten Nerven. Der Heimplatz in neuen Haus wurde auch mit einem Schlag so viel teurer, daß die Rente meiner Mutter nicht mehr reichte und ich einen Zuschuß beantragen mußte... Wir hatten aber eine Sterbevorsorge gemacht und nun wollte das Amt nicht zahlen. Wir sollten den Vertrag auflösen. Ich hatte wirklich genug an der Backe und so habe ich es irgendwann völlig entnervt einem Anwalt übergeben. Nach zweieinhalb Jahren hat das Gericht endlich zu unserem Gunsten entschieden. Da war ich aber mit meinen Nerven so runter, daß ich eine psychosomatische Kur von siebeneinhalb Wochen absolvierte. In der Zeit brach meine Mutter sich die rechte Hand. Ein sehr komplizierter Bruch! Ich war Heiligabend aus der Kurklinik zu meinem Sohn gefahren, der mitten im Umzug steckte, was ich nicht wußte. Abends um 22.00 Uhr wurde es dann endlich weihnachtlich. Dann bekam er einen Anruf und es wurde ihm mitgeteilt, daß meine Mutter sich die Hand gebrochen habe. Ich war am Ende meiner Kraft!
Zu der Zeit war meine Mutter schon leicht dement, eben aufgrund ihres Alters. Sie redete nur noch vom Sterben. Alle starben vor ihr, unter anderem ihr Neffe mit 60 Jahren, der sie immer besuchte. Sie weinte bitterlich und ich konnte es nicht mitansehen. Es ist so schlimm, wenn so eine uralte Mama weint... Mir fielen die Besuche immer schwerer, ich wurde innerlich vor lauter Hilflosigkeit immer aggressiver. Mußte aufpassen, daß ich es sie nicht spüren ließ. Mein eigener Zustand verschlechterte sich immer mehr.
Dann brach sie sich den Oberschenkelhals! Wochenlang Klinik, anschließend lief sie noch wieder mühselig am Rollator, Es war so schwer, mitanzusehen, wie ihr jeder Schritt unendlich Mühe bereitete. Dann stürzte sie wieder und zog sich schwerste Prellungen zu. Seither sitzt sie im Rollstuhl. Sie hat eine sehr milde Form von Hautkrebs, daher ist sie mit Flecken übersät. Sie wird immer dünner, denn ihr Darmtumor, der schon vor 10 Jahren operiert wurde, wächst wieder. Er "frißt" sie langsam aber sicher auf... Zwischendurch wieder Klinik und Blutübertragungen. Jedesmal ist sie ganz durcheinander. Nun wieder ein Sturz!
Warum läßt das Schicksal so etwas zu? Warum kann sie nicht sterben? Ich weiß nicht mehr, wer wen festhält.... ich bin so traurig! Ich kann überhaupt nicht mehr gut zu ihr gehen. Gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie nicht oft genug besuche. Zur Zeit habe ich es auf einmal die Woche reduziert. Meine Füße "blockieren" buchstäblich, wenn ich meine Mutter besuchen will. Nun in der Klinik geht es, aber...
Bin ich eine schlechte Tochter?
Es sind nun sieben Jahre, die sie im Heim lebt und vorher war ich ja schon etliche Jahre für sie da. Bin ich eine schlechte Tochter, weil ich mir wünsche, daß sie sterben kann? Bin ich schlecht, weil ich es nicht mehr ertragen kann? Weil ich ihr die ewige Ruhe gönne? Ich weiß es nicht!!!!
Die Last ist schwer!
Hätte ich nicht meine Freunde, wäre sie "zu schwer". Aber gottlob habe ich sie und auch meinen lieben Sohn.
Ich habe mich nun einer Angehörigen-Gruppe angeschlossen. Ich denke, das wird mir helfen.
