Ich bin hier, um mich zu unterhalten. Das funktioniert unter gleichgesinnten Menschen natürlich unproblematischer als mit Usern, die einem Verhaltensmuster auf pressen möchten, natürlich nur in bester Absicht. Das trägt manchmal etwas merkwürdige und vor allem widersprüchliche Züge.
Manchmal hat man das Gefühl, es liegt daran, dass viele nur die Thesen lesen und die Argumente schlicht überlesen. Oder sich einfach nicht die Mühe machen, Sätze, die mehr als die moderne SMS-Sprache darstellen, überhaupt richtig zu erfassen. Ich unterstelle da auch noch nicht einmal Absicht, eher sehe ich es als Resultat des täglichen Umgangs. Eine bedauerliche Entwicklung, enthält unser Hochdeutsch doch derartig viele Ausdrucksmöglichkeiten. Aber sei es drum.
In letzter Zeit gibt es die verstärkte Entwicklung, Menschen bzw. User hier in Schemata zu pressen, auch ohne deren Einwilligung. Nicht zuletzt die anregenden Artikel über Empathie sollen da als Beleg gelten.
In der Internetwelt gibt es ein riesiges Problem, wenn ich meinen Kommunikationspartner nicht persönlich kenne, gibt es nur zwei Optionen, ich glaube einfach, oder ich bin skeptisch, in einem gesunden Maß.
Wer mir erzählt, er sei empathisch, dem kann ich nur erwidern, dass Papier geduldig ist und jeder eine Menge erzählen kann, denn er bleibt mir den Beweis schuldig. Wenn ich die Person allerdings persönlich kenne und ihn/sie in Aktion erlebt habe, kann ich mir da leichter ein Urteil bilden, denn da spürt man, ob die Person wirklich ein empathischer Mensch ist.
Und liegt nicht darin auch ein Problem, dass viele Menschen ein gesundes Misstrauen einfach negieren, weil sie sich nicht vorstellen wollen, dass nicht alle Menschen gut sind?
Da beharren User darauf, selber als empathischer Mensch erkannt zu werden und empfehlen gleichzeitig anderen, statt sinnlos vor dem PC zu hängen, doch lieber hinaus ins pralle Leben zu gehen.
Was machen Menschen, die das Internet z. Bsp. als Tür und Fenster zur Welt nutzen, weil sie sonst keine anderen Möglichkeiten haben? Sieht der "Empath" da nicht seine eigenen Vorurteile und widerspricht er sich nicht grundsätzlich selber?
Was haben wir davon, uns in Kategorien und Schubladen pressen zu lassen? Muss jeder Fußball toll finden? Muss man seinen eigenen Lebensstil und seine eigenen Lebensniederlagen als Grundlage für die Ausrichtung sämtlicher Emotionen, nicht nur für sich, sondern auch für seine Umwelt machen?
Ist ein Veganer empathischer als ein Fleischesser?
Will ich einem hungernden Menschen verbieten, Fleisch zu essen, nur weil mir die Tiere so leid tun, die unter schlimmen Umständen transportiert und geschlachtet werden? Wo ist da die Grenze zur Geschmacklosigkeit?
Ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen. Ich will auf Menschen reagieren können, ich will meinem Instinkt, meinem Gefühl, ob da Sympathie möglich ist, nachgehen können, ich will das Leben unverfälscht erleben, auch wenn es Enttäuschungen birgt. Denn wir lernen aus diesen Dingen, es wäre schade, zumindest für mich, nur noch in Schubladenkategorien zu denken. Und wer in einem Gespräch nicht meiner Meinung ist, den habe ich entweder nicht überzeugen können, oder er hatte die besseren Argumente. Betonköpfe werden wir nicht ändern können, aber ich will mir auch nicht einreden lassen, dass ich permanent dafür eine Entschuldigung gelten zu lassen habe.
Wir können nicht alle im großen Harmonietempel unterbringen und Empathilosigkeit als genetisch bedingt zu sehen, halte ich für sehr gefährlich. Hieße das doch dann in aller Logik, dass ein Elternteil und ein Großelternteil die genetische Verantwortung für Massenmörder und andere Verbrecher haben.
Müssten die dann auch zur Verantwortung gezogen werden? Muss die Sippenhaft eingeführt werden? Denkt mal darüber nach, am besten bis in den letzten Winkel der Absurdität, den das Leben uns so bieten kann. Mich gruselt das.
Vor allem, wenn man ganz "empathisch" meine Grenze überschreitet. Dann wird es persönlich und die Gegenmaßnahmen werden wohl nicht vom jedem verkraftet.
Da erhält jemand, der seine Intimsphäre und Gedankenwelt schützen will, ganz schnell den Stempel des KBs und Empathielosen.
Es ist doch so herrlich einfach, in der Pippi Langstrumpf Welt. Nichts wird gut, alles wird erträglich.
Update: Korrektur eines Wortes, Rechtschreibung, 21.05.2011, 11.37 Uhr
