Sind diese Fragesteller tolle Hechte? Liebesgötter? Einfühlsame, lebenserfahrene Liebhaber oder Liebhaberinnen? Meistens sind es Männer, die sich nicht scheuen, solche Fragen zu stellen und weniger die Frauen. Aber auch hier wird zumindest nach den Profilen aufgeholt. Wobei wir in diesem so ehrlichen Medium Internet ja grundsätzlich von der Realität der Profile ausgehen, gelle? Ich habe mir mal erlaubt, nach einiger Zeit mal wieder etwas zu diesem Thema zu schreiben.
Ich bin gespannt, wie Ihr das seht und bitte darum, diesen Artikel ernsthaft zu lesen und darüber nachzudenken, bevor Ihr etwas dazu schreibt. Es soll hier nichts lächerlich gemacht werden, vor allem keine User. Meine Beispiele sind wahllos und nicht dazu gedacht, einzelne User vorzuführen.
„Hattet Ihr schon Telefonsex und wie war das für Euch? Wobei ich damit absolut Tolles erlebt habe.“
„Schon auf einem DIXI-Klo sexuell ausgetobt?“ Oder „Benutzen Frauen die Männer?“
So oder ähnlich habe ich hier schon Fragen gelesen, die zum einen das Thema Sex hatten, gleichzeitig eigentlich keine Frage darstellten sondern eine Stellungnahme des Fragers. Hier hat jemand also die „besten“ Erfahrungen gemacht und will anschließend was? Die Absolution, nach dem Motto, wenn Andere so etwas auch gemacht haben, dann habe ich ja nichts Schlimmes gemacht? Oder steigert man sich mit den Antworten, die man zu erhalten erhofft, in seine eigene Phantasie von Sexualität, die man gerne hätte, aber real nie bekommt?
Oder es werden Fragen gestellt, nach dem Motto: „Hattet Ihr schon Sex mit 10 Jahre Jüngeren oder Älteren? Und erhält direkt die Lebensweisheit, dass die Jüngeren Liebeskatapulte sind, während es die Älteren nicht unbedingt mehr so bringen.
Was sagt das alles über uns, die Fragenden und die Antwortenden?
Nach langem Überlegen, bin ich zu folgendem Schluss gekommen:
Sexualität spielt sich meines Erachtens in erster Linie im Kopf ab. Eine erfüllende Sexualität benötigt eine Vorbereitung und ein Mitwirken. Liebe krönt die Sexualität, benötigt sie aber nicht. Nur wer sich selber und seinen Körper kennt, wer sich mit seiner Sexualität wirklich befasst hat, ist in der Lage, zusammen mit dem passenden Partner die höchste Lusterfüllung zu erleben.
Lusterfüllung als Höhepunkt der Sexualität. Liebe ist mehr und bietet mehr Höhepunkte im Leben wie Zuneigung, Partnerschaft, gegenseitiges Verstehen, gemeinsames Erleben und Kommunizieren, die Gedanken des Partners aussprechen bevor er/sie es macht etc.
Auf PN treffen bekanntlich Menschen zusammen, die schon einige Erfahrung im Leben gemacht haben sollten. Wenn wir das als Prämisse nehmen, dann kommen mir folgende Fragen in den Sinn:
Lieben sich die Fragenden überhaupt selber? Kennen sie die Lustschaltstellen ihres Körpers und ihre sexuellen Phantasien? Haben sie den Mut, darüber zu reden oder schämen sie sich? Wenn ja, woran liegt das? Falsche Erziehung? Falsche Scham? Schlechte sexuelle Aufklärung? Das falsche Männer- oder Frauenbild?
Ich glaube, dass die Sexualität erst einmal keinen Partner benötigt, sondern nur sich selbst. Wer seine eigene sexuelle Stimulierung im Griff hat, der weiß auch, wie er einen Partner entsprechend stimulieren kann. Im Idealfall treffen also zwei Menschen aufeinander, die sich ohne Scham und mit sehr viel Lust gegenseitig in Ekstase bringen. Wenn darüber hinaus noch die Liebe dazu kommt, Gratulation. Denn die Liebe ist es, die so eine Partnerschaft durch die Zeit bringt, nicht die Sexualität. Wäre das der Fall, liegt hier eine Hörigkeit vor und keine Liebe.
Nun hat aber nicht jeder das Glück, sich offen und ehrlich mit sich und seiner Sexualität auseinanderzusetzen oder sofort den „richtigen“ Partner zu treffen. Was passiert also? Beziehungen werden eingegangen, Ehen werden geschlossen, Erziehung wird gelebt, Sexualität wird unterdrückt oder bricht sich einen meist illegalen und gewalttätigen Weg in die Realität.
Sexualität ist Macht, schlimme Macht, die sehr viel Schaden anrichten kann.
Einige Männer penetrieren Frauen und demonstrieren ihre Allmacht in schlimmen Exzessen und hinterlassen nie wieder gutzumachenden Schaden, rauben die Freude und die Sinnlichkeit der Sexualität. Wer jemals die erniedrigende Befragung von Vergewaltigungsopfern miterlebt hat, erniedrigend deshalb, weil in kaltem und unpersönlichen Juristendeutsch, das Trauma multipliziert wird und das Opfer gezwungen ist, es immer wieder von vorne zu erleben, der weiß, wie vernichtend Sexualität sein kann. Sexualität, die zum Trieb geworden ist.
Frauen können steuern mit Verweigerung oder mit Verlockung, auch mit Unterdrückung der eigenen Ehrlichkeit. Ich habe nie verstanden, warum eine Frau einen Orgasmus vortäuschen muss. Ich kann auch die Wichtigkeit dieses „must have“ nicht verstehen, also das Vortäuschen. Wirkt hier der Mechanismus einer antiquierten Einstellung zur Ehe, Frau und Sexualität? Muss das „erste Mal“ blutige Spuren hinterlassen? Definieren wir uns über Vorstellungen und Erlebnisse der Vorfahren oder sind wir mutig genug, um uns ein eigenes Urteil zu bilden?
Im Idealfall habe ich einen Partner, der ebenfalls weiß, was er will, der es wagt, es auszusprechen, die Phantasie, das Verlangen, der sich fallen lässt und der einen auffängt. Einen Menschen, der uns unsagbare und tiefbefriedigende Lusterfüllung bereitet, und zwar in einem echten Teamplay. Diesen Partner gibt es, wer so glücklich sein durfte und so etwas auch schon erlebt hat, der weiß, wovon ich schreibe. Es ist im Prinzip eine geradezu animalische Sexualität, die kein Nachdenken erfordert, die reine Lust lenkt die Aktionen und doch kann es nur gehen, weil der Partner genauso tickt, einfach weiß, instinktiv, wie die eigene Lust und die des Partners zusammenspielt.
Die Natur kennt keine Stellungen, kein Zeitlimit oder Alter. Es geht immer nur um die Arterhaltung. Sie kennt auch keine Körbchengröße oder eine Idealfigur. Diese Kriterien festzulegen, ist uns Menschen vorbehalten und gleichzeitig unser Fluch.
Bei uns Menschen kommt die Lust und besser Liebe und Lust dazu. Lust, in Liebe gemeinsam etwas zu erleben, das sich nur zwischen den Partnern abspielt und ihr Geheimnis bleibt und aus dem sie Kraft, Erholung, Entspannung und Befriedigung schöpfen. Auch sich einfach nur in den Armen zu halten und das Kopfkino gemeinsam zu genießen, ist dann nicht nur möglich, sondern nicht minder lustbringend. Und wer nicht frei im Kopf sein kann, der hat ein Bild von seinem Partner, dass sich höchstwahrscheinlich nach Kriterien richtet, die uns die Werbung und die Pornoindustrie erfolgreich eingeimpft haben. Oder das Hörensagen, das unter der Hand weiter erzählte,scheint zum Maßstab aller Dinge zu werden.
Die Ergebnisse sind dann Pseudofragen nach Liebe oder verschämte Fragen nach Sexualpraktiken. Als wenn man sich die Bestätigung des „eigenen“ Geschmacks und der Werte abholen will, die einen letztendlich frustrieren.
Warum gibt es Prostituierte? Warum gehen Männer zu Ihnen und holen sich da etwas, was sie angeblich zuhause nicht bekommen bzw. ihre Frauen ihnen nicht geben wollen? Und Callboys und deren Klientinnen?
Allein schon die Einstellung „nicht geben wollen“ ist doch schon bezeichnend. Treffen hier verklemmte Menschen aufeinander, die vor lauter Frust nebeneinander her leben? Die die Ehe/Partnerschaft als Rahmenvertrag für die Vorstellung Liebe & Sex, ein Drama in 3 Akten betrachten? Die Garantie, zum Schuss zu kommen bzw. ein „Spießer“-Leben zu führen, dass später dazu veranlasst, mit Fragen der besonderen Art, das im Leben zu erahnen, was man gerne erlebt hätte?
Ich glaube, viele sind dermaßen einsam und sexuell frustriert, die haben nichts anderes mehr im Leben. Die haben nur noch diese Erwartungshaltung, dass es eigentlich doch besser gehen muss. Verkennen aber dabei, dass sie sich und ihre Einstellung zuerst ändern müssen, um nicht wieder und wieder in die gleiche Tretmühle zu geraten.
Die große Liebe soll inden Communities gefunden werden, Sexualität wird aber in erster Linie gesucht. Was sind denn die ganzen Enttäuschungen, die wir alle im Leben erfahren haben? Warum sind Partnerschaften zerbrochen? Waren die Kommunikation, die sprachliche und auch die körperliche stets offen und ehrlich? Oder waren wir nicht sorgfältig bei der Auswahl des Partners?
Was hat gefehlt? War es die eigene Ehrlichkeit uns selbst gegenüber, das Eingestehen, uns und die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu kennen?
Muss ich im Bekanntenkreis mit meinen Erlebnissen und Leistungen im Bett angeben? Warum? Geht es auch hier nur um Anerkennung von Fremden, weil die eigene Intimität so unterentwickelt zu sein scheint, wie das eigene Selbstbewusstsein?
Muss man überhaupt über seine sexuelle Erfüllung reden?
Ja, mit dem Partner, der einen dabei an die Hand nimmt und gemeinsam diesen Weg beschreitet, sinnvollerweise bis zum Ende, aber
bestimmt nicht in der Öffentlichkeit oder mit anderen Usern.
Über Geschmack lässt sich bekanntlich gut streiten, aber der Anstand, vor allem gegenüber dem Partner, sollte uns vor Anderen schweigen lassen.
Der Kavalier genießt und schweigt, ist so gesehen keine banale Floskel.
Wer seine Defizite im Leben erst ertragen kann, wenn er sie mit anderen teilen muss, der sollte sich fragen, ob professionelle Hilfe nicht sinnvoller wäre. Auch in Hinblick auf die Chance, doch noch im Leben etwas zu erfahren, was man mit Geld nicht kaufen kann und was die Krönung der Liebe sein kann.
Liebe kann Sexualität beinhalten, aber Sexualität ohne Liebe ist nicht die Ekstase, die viele im Leben suchen. Und eine Hingabe zum Partner, das grenzenlose Vertrauen, das notwendig ist, um sich „Fallen lassen“ zu können, kann man nicht ohne Liebe und Intelligenz erreichen und erleben. Denn danach gibt es noch so viele Dinge, die einfach mehr brauchen als den „sportbetonten Austausch von Körpersäften, nicht nur zur Arterhaltung“.
Und die findet man nicht im Internet oder am Stammtisch.
