Der kleine Junge saß in sein Spiel versunken in der Nachmittagssonne, die den Schatten des großen Baumes über ihm ausbreitete. So war es trotz der Sommerhitze angenehm kühl und der Sand zwischen seinen kleinen Zehen sorgte für die nötige Wärme an den kleinen Füßen.
Es war schon einige Zeit vergangen, seitdem ihn die Mutter zum Spielen in den Sand geschickt hatte, um in Ruhe ihrer Beschäftigung nachgehen zu können. Sie war damit befasst, die Habseligkeiten der kleinen Familie zusammen zu packen, weil es an der Zeit war, die Gegend zu verlassen.
In den letzten Jahren war das Leben hier immer schwerer geworden und sie und ihr Mann gingen oft genug hungrig ins Bett. Doch dass die Ernährung ihres kleinen Sohnes auf Dauer nicht mehr zu sichern war, ließ sie nicht in den Schlaf finden. Deshalb hatte sich ihr Mann weit entfernt eine Arbeit gesucht und nun wollten sie dort gemeinsam ein neues Leben beginnen.
Die meisten Dinge waren schon in großen Kisten und Körben verstaut und warteten darauf, ihren Platz auf dem Planwagen einnehmen zu können.
Der kleine Junge hatte von Alledem nichts bemerkt. Für ihn war seine kleine Welt in Ordnung, solange er seinen geliebten Sandberg, diverse Holzstöckchen und einen Haufen Steine zum Spielen hatte.
Mit diesen Dingen hatte er sich einen kleinen Garten gebaut. Mittendrin gab es eine Kuhle, die er mit Wasser aus der Pferdetränke gefüllt hatte. Dafür musste er oft hin und her laufen und seinen kleinen Topf immer wieder von neuem füllen. Aus den Steinen hatte er eine hohe Mauer gebaut, die den Garten vor dem kalten Nordwind schützen sollte. Umsichtig waren sie aufeinander gesetzt worden und es gab kaum einen Zwischenraum, der frei geblieben war. Den Sand hatte er zu kleinen Hügeln und Wällen geformt, die er in unterschiedlicher Dichte mit den Hölzern besteckte. Dies sollten die Bäume sein.
So spielte er schon seit Stunden und wurde erst durch seine Mutter gestört, die nach ihm rief. „Nisse, wir müssen los. Komm jetzt!“ Doch er wollte sich nicht vom seinem Spiel trennen und tat so, als ob er sie nicht gehört hätte. Plötzlich wurde er am Arm gepackt und seine Mutter zog ihn auf die Füße. „Komm jetzt, wir müssen fort!“ Mit aller Kraft wehrte er sich und versuchte, sich ihrem festen Griff zu entziehen. Da sie aber nicht losließ, fing er an, wild um sich zu treten und zu schreien. Bei diesem Gerangel geschah es, dass er mit seinem kleinen Fuß durch einen unkontrollierten Tritt voller Wut die Mauer seines Gartens traf und die mühsam aufgetürmten Steine sich willkürlich über den See und die Wäldern der kleinen Anlage verteilten. Als er das sah, verhielt er in seinem Zorn und flüchtete sich vor Trauer weinend in die Arme seiner Mutter.
Den wimmernden Jungen im Arm haltend, stieg sie neben ihren Mann auf den Kutschbock und so fuhren sie ihrem neuen Leben entgegen.
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Das Auto der Familie Herster, ein alter Volvo-Kombi, kämpfte sich die letzten Kilometer über die schwedischen Waldwege.
Melli hatte schon seit einiger Zeit aufgehört zu fragen, wann sie denn endlich da seien. Sie war fasziniert von der für sie völlig neuen Umgebung und drückte sich an der Autoscheibe ihre kleine Nase platt. Spätestens, seitdem die Familie den großen See entlang des östlichen Ufers passiert hatte, war sie auf der Rückbank des Autos völlig verstummt. So etwas hatte sie in ihrem kurzen Leben noch nie vorher gesehen.
Wie von Riesenhand hingeworfen, lagen am Ufer des Sees riesige Felsen vereinzelt oder auch in Gruppen. Einige lagen sogar im Wasser, das sich an ihnen in kleinen Wellen brach, die der Nordwind heran getrieben hatte. Als sie in den Wald fuhren, sah sie auch dort immer wieder solche Gesteinsmassen, die mit ihren bemoosten Häuptern an eine frühere Zeit erinnerten. Drumherum standen hohe erwürdige Kiefern und Fichten in ihrem dunklen Nadelkleid, als ob sie über die Felsen wachen und sie beschützten würden. Zwischendurch reihten sich Birken ein, die mit ihrem hellen Grün die Sonnenstrahlen lenkten, so dass diese auf dem schattigen Waldboden Lichterkringel malen konnten. Aufgelockert wurden die moosigen Flecken von struppigen Blaubeerbüschen, die nach der Sonne gierten, um ihren frischen grünen Blättchen das notwendige Licht zu spendieren. An einer anderen Stelle duckten sich Preiselbeersträucher an den Waldboden und reckten ihre kleinen weißen, mit zartem Rosa geränderten Blüten empor. Wieder an einem anderen Stück des Wegrandes, wurde der Straßenverlauf von einer Kompanie Maiglöckchen eskortiert, die ihren lieblichen Duft an die Waldluft abgaben. Dieser Duft war sogar durch die Lüftung des Autos in das Innere und somit auch in Mellis kleine Nase gekrochen.
Plötzlich wurde der Volvo abrupt abgebremst und zum Halten gebracht. Auf dem Weg stand ein Reh und schaute neugierig und aufmerksam zu ihnen hinüber. Seine Lauscher spielten in alle Richtungen, um die Umgebung auf mögliche Gefahren hin zu überprüfen. Als es sich langsam wieder in Bewegung setzte, folgte ihm aus dem Unterholz ein Kitz. Es waren also Mutter und Kind, die so die Weiterfahrt der Familie Herster unterbrochen hatten.
Melli war schwer beeindruckt und nahm alles mit großem Staunen in sich auf. Sie erinnerte sich an die Geschichten, die ihre Mutter ihr zu Hause vorgelesen hatte. Dadurch hatte sie erfahren, dass die Trolle unter den Felsen und den Wurzeln der großen Baumstümpfe ihre kleinen Behausungen hatten, vor denen bis in den Spätsommer hinein die Pfifferlinge wie kleine Fackeln golden leuchteten.
Sie würde ja ihre Zuckertüte dafür hergeben, wenn sie einmal so einen Troll sehen könnte. Aber sie wusste auch, dass diese Wesen sehr scheu waren und den Kontakt zu den Menschen mieden. Doch ganz tief in ihrem Herzen lebte die Hoffnung, in den nächsten zwei Wochen der Schwedenferien auf einen zu treffen.
Nun wurde ihre Aufmerksamkeit jedoch erst einmal von einem roten Häuschen mit weißen Fenstern und Türen gefangen genommen, das überraschend auf einer Lichtung aufgetaucht war. Hier sollte für die nächsten zwei Wochen ihr Zuhause sein. Es war alles sehr aufregend gewesen. Die lange Fahrt mit dem Auto, das Übersetzen mit der Fähre und die so ganz andere Umgebung hatten Melli viele neue Eindrücke beschert. Deshalb konnte sie an diesem Abend in ihrem Bett auch nicht sogleich in den Schlaf finden.
Ein Gedanke beschäftigte sie immer wieder.
Wie waren diese Riesensteine wohl in den See und im Wald zwischen die Bäume gekommen? Wer hatte die wohl dorthin bewegt? Und wie hatte er das geschafft?
Was hätte Melli wohl gesagt, wenn sie geahnt hätte, dass der zornige Tritt eines kleinen unglücklichen Jungen dies angerichtet hatte; der unkontrollierte Tritt eines kleinen unglücklichen Jungen aus dem Land der Riesen, weit vor unserer Zeit in einer anderen Zeitrechnung …….
© Ulla K
