Sabine, eine damalige Schulfreundin meiner ältesten Tochter, war ein sehr liebes, angepasstes Mädchen. Mit 12 Jahren zog sie mit ihren Eltern und einer jüngeren Schwester in unseren Ort. Sabine und meine Tochter wurden Freundinnen.
Auffällig war, dass sie plötzlich nachmittags "Ausgehverbot" bekam und immer trauriger und bedrückter wirkte und uns signalisierte, dass sie Angst vor ihrem Vater hätte. Einmal versuchte sie, ein blaues Auge unter einer Sonnenbrille zu verstecken... Wir wussten, dass sie einen ziemlich aggressiven Vater hatte, der vor Schlägen und sonstigen Strafen nicht zurück schreckte.

Dann fehlte Sabine "wegen Krankheit" in der Schule. Sie fehlte sehr lange. Inzwischen hatten die Sommerferien begonnen und die Familie war in den Urlaub gefahren. Normalerweise hätte das Mädchen sich von ihrer besten Freundin verabschiedet, wenigstens telefonisch, doch wir sahen und hörten nichts mehr von ihr. Wenn meine Tochter an ihrem Elternhaus klingelte, öffnete niemand.

Als sie nach den langen Ferien noch nicht wieder zu Hause war und auch nicht den Unterricht besuchte, wurden wir misstrauisch und machten uns große Sorgen. Ich überlegte, dass es sicher besser wäre, einmal "zu oft" das Jugendamt zu verständigen,als sich vielleicht einmal Vorwürfe machen zu müssen...

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes besuchte uns am nächsten Tag zu Hause und hörte sich alles sehr aufmerksam an, machte sich auch Notizen und versprach, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Sabines Lehrerin wandte sich kurze Zeit später auch an das Jugendamt, weil das Kind noch immer nicht wieder in der Schule aufgetaucht und die Familie zu Hause nach wie vor nicht zu erreichen war.

Ein paar Wochen später habe ich mich noch einmal bei der Mitarbeiterin des Jugendamtes erkundigt. Sie erzählte, dass man immer noch keine Spur gefunden hätte, weil auch niemand die Urlaubsadresse der Familie kannte, man aber weiter suchen würde.

Meine Tochter sah ihre Freundin nie wieder. Ihre Suche über das Internet blieb bis heute erfolglos.