Häufig fühlen wir uns provoziert und reagieren dementsprechend – sehr unterschiedlich und je nach Gefühlslage und aufgrund unserer jeweiligen individuellen Persönlichkeit.
Wenn wir nun – wie hier im Platinnetz - von einem Menschen nur wenig wissen, nur das, was er selbst bereit ist, von sich Preis zu geben, erhalten wir beiderseits kein wirklich objektives oder gar reales Bild.
Durch seine Artikel, Fragen, Kommentare, zeigt ein Mensch ein Stück weit „Gesicht“, zeigt wes Geistes Kind er ist. Wir lernen seine Standpunkte, seine Interessen kennen, Themen und Fragen, die ihn „umtreiben“, weil er sie bereitwillig - offen oder auch nur angedeutet und zwischen den Zeilen erkennbar - mitteilt.
Man kann davon ausgehen, dass Menschen, die dazu bereit sind, grundsätzlich ein Feedback wünschen, ein Interesse daran haben, sich mit anderen Menschen auszutauschen über Fragestellungen, die ihnen selbst wichtig sind.
Warum nun fühlen sich Menschen von den Standpunkten, den persönlichen Erfahrungen, den Fragen und Themen, die einen Unbekannten beschäftigen, provoziert?
Ja, sogar derart, dass sie ihn undbedingt kritisieren, angreifen müssen und das durchaus nicht immer sachlich und die Form des mitmenschlichen Umgangs respektierend.
Manche geraten derart in Wut, dass sie nur noch darauf aus sind, den Unbekannten persönlich treffen zu wollen und öffentlich zu „demontieren“ suchen.
Und plötzlich wird der bis dahin Unbekannte so interessant, dass man mehr über ihn erfahren möchte. Was macht er beruflich, in welcher Lebenssituation befindet er sich, wie alt ist er?
Gibt es vielleicht sogar in seinem Leben „dunkle“ oder wunde Punkte, über die man ihn attackieren, bloß stellen und lächerlich machen könnte?
Statt vielleicht den Autor, der einen interessiert, über den man sich ärgert, von dem man sich provoziert fühlt, nun direkt anzuschreiben und ihm Fragen nach seinem Leben zu stellen, beginnt man, ihn in aller Öffentlichkeit mit den eigenen Vorurteilen, Vermutungen, ja, sogar vermeintlichen „Nachforschungen“ zu konfrontieren.
Was wird damit bezweckt? Will man den Unbekannten aus der Reserve locken, ihn nun seinerseits provozieren, die Fassung, das Gesicht zu verlieren?
Warum haben manche Menschen Lust auf Streitigkeiten mit Fremden?
Weil sie sich hinter der Anonymität sicher fühlen, endlich auch einmal austeilen zu können?
Warum hat jemand das Bedürfnis, einen anderen Menschen lächerlich machen zu wollen, ihn zu kränken, zu verletzen? Aus Wut und Enttäuschung über das eigene Leben?
Weil er selbst so viele schmerzvolle Kränkungen in seinem Leben erfahren hat und nicht in der Lage war, dort auf sie angemessen zu reagieren, wo sie ihm widerfahren sind?
Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Krankheit, plötzlich vom Partner verlassen worden zu sein, sind schmerzhafte enttäuschende Erfahrungen, die jeder auf seine Weise zu verarbeiten sucht.
Nicht immer gelingt das auf gute Art und Weise, d.h. ohne Nicht-Betroffene mit seiner Wut, seinem Schmerz, seinen Enttäuschungen zu konfrontieren.
Wohl dem, der dann auf gute Freunde, Partner, Familie zurückgreifen kann, die ihn kennen und verstehen, ihn auffangen, trösten und ihm wieder neuen Mut zusprechen!
Übel wird es jedoch, wenn frustrierte, unglückliche Menschen ihre ganze Wut an Fremden auslassen müssen, ihre enttäuschten Gefühle, ihre negativen Erfahrungen auf ihn projizieren und meinen den Fremden erkannt zu haben!
Da wird dann in dem Autor der strenge, ungerechte Lehrer, die hartherzige, gefühllose Mutter, der arrogante, besserwisserische Vorgesetzte, der ignorante, unangreifbare Vater bekämpft und manch einer sieht buchstäblich rot.
Zum Thema, das der Autor veröffentlicht hat, wird dann nicht mehr kommentiert.
Es entsteht eine Art „Kleinkrieg“ auf Nebenschauplätzen. Denn es finden sich zumeist noch andere „Kontrahenten“ ein, die mit ins „Horn“ blasen, um Partei zu ergreifen und ihrem „Favoriten“ bei zu pflichten oder glauben, ihm beistehen zu müssen.
Die Diskussion läuft Gefahr, zunehmend außer Kontrolle zu geraten, wenn sich nicht ein „Mediator“ einfindet, der zu schlichten versteht oder die Kontrahenten sich müde "gekämpft" haben.
Was lernen wir daraus?
Internet-Communities sind nur bedingt als Spiegelbild unserer Gesellschaft und des realen Lebens anzusehen. Denn es fehlen hier die persönliche Begegnung, das Miteinandersprechen und sich dabei von Angesicht zu Angesicht zu sehen, zu hören, zu spüren, zu erleben.
Niemand würde wohl im richtigen Leben einem Fremden begegnen und dabei wirklich alle Höflichkeitsformen beiseite lassen wollen!
So lasst uns auch hier versuchen, uns so zu verhalten, wie wir es in unserem sonstigen Umfeld gewohnt sind: ohne erhobenen Zeigefinger, freundlich, wohlwollend, respektvoll, achtsam, zuhörend, nachfragend.
Dann werden vielleicht eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages auch keine Cybernet-Mobbing-Gruppe und keine virtuellen Müllcontainer (1 + 2) in einer (P)fundstube mehr gebraucht!
Text: Bataaron - M. Deborah24
Bild: by Konstantin Gastmann, pixelio.de
