Schön ist für jeden etwas Anderes, und trotzdem gibt es Metaphern, die Schönheit katalogisieren. Nur unterscheiden die sich je nach Kulturkreis gewaltig.

 

Meine kleine Nichte fand Feiern immer so schön, weil es dort Eierlikör für die Erwachsenen gab. Keiner traute sich, die Zunge in das geleerte Glas zu stopfen und den Rest heraus zu lecken, und deshalb bediente sich Grit mit drei am „Eiertör“, und deshalb fand sie Feiern so toll. Und deshalb gibt es heute noch bei ihr Eierlikör, wenn sie feiert.

 

Wir sprechen vom „schönen Wetter“, wenn die Sonne scheint. Die Landwirte werden da arg differenzieren, denn sie haben andere Kriterien als wir, die wir gern in der Sonne liegen und braun werden wollen.

 

Braun sein deutet auf Freiheit und Wohlstand hin. Wer braun ist, hat Zeit, sich in die Sonne zu legen. Früher war das anders. Da waren die Bauern braun und die Adeligen vornehm blass. Das war für die normal.

 

Stichwort „normal“: Wer in Bayern zur Schule geht  und dort ein Kruzifix an der Wand hängen sieht, findet das normal. Wenn sich bspw. in Hamburg oder Berlin Mütter zum ersten Mal den Schulraum für ihre Kleinen ansehen und da hängt ein Kreuz an der Wand, werden sie sich vorsichtshalber noch einmal vergewissern, in keiner katholischen Schule gebucht zu haben. Und die meisten werden ihr Kind dort nicht einschulen lassen, weil sie nicht möchten, dass ihr Kind einseitig und engstirnig beeinflusst wird.

 

Engstirnig. Wer von seinen Eltern, den Lehrern und der Kirche gelernt hat, wie wichtig es ist, sich an den Autoritäten und am Althergebrachten zu orientieren, der wird einen Schwulen wie einen Kranken ansehen, eine Frau, die auch mal gern Sex ohne Liebe und mit verschiedenen Männern macht, als Flittchen betrachten, und für den wird jemand, der so ist wie er selbst, ein ganz normaler Mensch sein.

 

Für jemanden, der sich als normalen Menschen sieht, ist jeder, der nicht so ist wie er, zwangsläufig nicht normal. Im Umkehrschluss dürfte er sich nicht für normal halten, wenn er die anderen als normal betrachtete, und das wäre ungesund.

 

Diese erlernten Ansichten prägen das unbewusste Verhalten so stark, dass einem Moslem schlecht wird, wenn er erfährt, dass er soeben Schweinefleisch gegessen hat. Er wird eine Frau ohne Kopftuch ebenso unangezogen wahr nehmen wie wir eine Frau, die unten herum gar nichts anhat und so auf der Straße herum läuft.

 

Solange, wie wir diese Prägungen nicht als Prägungen wahr nehmen, sie für die absolute Wahrheit ansehen und nicht dagegen an kämpfen, wenn wir sie in uns spüren, solange wir also keine Kontrollinstanz in uns tragen, die wir uns selber aufgebaut haben*, werden wir willenlos von unseren oft primitiven Prägungen gesteuert.

 

Solange wir nicht bereit sind, unser Verhalten ständig zu überprüfen  und in Frage zu stellen, werden wir jeden, der darauf hin weist, als Schulmeister katalogisieren und ablehnen, weil niemand dieses Schulmeistern mag und wir eine breite Masse hinter uns wissen, wenn wir jemanden als Schulmeister ablehnen.

 

Toleranz heißt das Zauberwort des Umgangs miteinander. Sich selber lieben und seine Mitmenschen erst einmal akzeptieren. Zumindest so lange, bis sie uns persönlich bewiesen haben, dass sie unsere Zuneigung nicht verdient haben.

 

Eine kaputte, „heile“ Welt, die uns das Leben erträglicher macht, indem wir alles ausgrenzen, was uns nicht auf Anhieb gefällt? Wollen wir das? Ich nicht.

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*keine Religionen, keine Ideologien, weil die fremdbestimmt sind.

 

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©  für Bild &Text: Jürgen Berndt-Lüders