"Was Sie schon immer über Homosexualität wissen wollten ..."
"Was Sie schon immer über Homosexualität wissen wollten, aber sich nie zu fragen trauten" (frei nach einem Woody Allen Film-Titel)
Teil 1
„SMALLTOWN BOY“ hieß 1984 ein Hit der Popgruppe BRONSKI BEAT; Leadsänger Jimmy Somerville schrie es in dem Song regelrecht heraus: „Ein Junge, schwul und mitten im Coming Out, sieht sich gezwungen die Enge seiner Kleinstadt zu verlassen, um er selbst sein zu können“.
24 Jahre nach „Smalltown Boy“ ... was hat sich verändert?
„Du spürst, dass Du als Junge auf Jungs stehst? Du denkst, dass Du mit diesem Gefühl weit und breit der einzige bist? Du willst endlich Leute treffen, denen es ähnlich geht? Du brauchst jemanden, mit dem Du über Deine Wünsche und Sehnsüchte, vielleicht auch über Deine Probleme und Ängste reden möchtest?“
So beginnt die Internet-Seite einer Coming Out Gruppe, die sich „Kuckucksei“ nennt www.kuckucksei.de und weiter heißt es dort:
„Bei Eurem Einstieg ins schwule Leben werdet Ihr mit neuen Erfahrungen und Fragen konfrontiert. Wir reden über Themen wie beispielsweise Safer Sex, Beziehungen oder Eltern. Doch keine Panik! Wir sitzen nicht mit sorgenvollem Blick im Stuhlkreis und wälzen Probleme. Denn bei uns gibt es eine Menge Spaß. Wir hören Musik, schauen DVDs, kochen und essen gemeinsam. Bei uns kannst Du neue Freunde finden. Und wer weiß: Vielleicht ist auch Dein Traumprinz dabei.“
Also, immerhin das hat sich verändert: Es gibt inzwischen Coming Out Gruppen, die von schwulen Teens und Twens weitgehend selbst organisiert werden, um anderen schwulen Jungs zu helfen sich selbst zu akzeptieren (nur wer sich selbst schätzt, der schützt sich auch, z.B. vor HIV / AIDS). Beim „Kuckucksei“ wird die Gruppe von einem Dipl. Sozialpädagogen / Sexualpädagogen unterstützt und das dürfte auch andernorts ähnlich sein.
„Was wäre, wenn es im Schulalltag ganz normal wäre, dass
Paul mit Lara geht,
Sven Jan vor dem Eingang zur Schule noch einen Kuss gibt,
der Englischlehrer verheiratet ist und drei Kinder hat,
die Geschichtslehrerin ihre Freundin mit zum Schulfest bringt?
Im Moment ist das kaum vorstellbar, oder?
Stattdessen ist „schwul“ (wieder) ein Schimpfwort (...) Insgesamt gibt es ein Klima an den meisten Schulen, das von Unwissen, Ängsten, Vorurteilen und feindlichen Haltungen gegenüber Homosexualität geprägt ist. Das meint der Ausdruck ‚Homophobie‘ ...“
Das ist der Aufmacher der Internet-Seite „Schule ohne Homophobie - Schule der Vielfalt“ www.schule-der-vielfalt.d... die sich in NRW an Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiterinnen und Schulleiter, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Politikerinnen und Politiker - kurz an alle, die sich gegen Homophobie in der Schule stark machen wollen, wendet.
„Diskriminierung und Gewalt, das sind aber auch die subtilen Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung: Hämische Bemerkungen auf dem Schulhof, die Angst im Beruf Nachteile zu erleben, wenn ich mich oute, das Schweigen und Ignorieren auf der einen und die Klischeebilder auf der anderen Seite ...“ Dies ist ein Anti-Gewalt-Projekt der NRW-Landesregierung www.vielfalt-statt-gewalt...
Der NRW-Arbeitskreis Vorbeugung und Sicherheit - Projektgruppe Gewalt gegen Lesben und Schwule schreibt in einer Broschüre u.a.
„Die Tätermotive sind vielfältig. Mit der Intoleranz gegenüber dem ‚Andersartigen‘ lassen sich eigene Probleme scheinbar lösen. Diejenigen, die Minderheiten terrorisieren, rechnen mit dem Stillschweigen der Mehrheit. Minderheiten, so glaubt man, wehren sich nicht. Das senkt die Bereitschaftsschwelle zur Tat. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgefordert, hier gegenzusteuern. Täter sind feige! Wenn wir zusammenstehen, haben sie weniger Chancen! Schweigen hilft nur den Tätern, schütze Dich selbst. Beleidigungen sind oft eine Vorstufe von tätlichen Angriffen. Nimm sie nicht auf die leichte Schulter. Tritt selbstbewußt auf, steh‘ zu Deinem Schwulsein. Selbstbewußtsein schreckt potenzielle Täter ab.“
Und wenn Du doch einmal angegriffen wurdest, ruf‘ das „Schwule Überfalltelefon“ an, das bundesweit unter der Nr. 19228 zu erreichen ist. Hier hilft man Dir kompetent weiter
„SchLAu - Schwul-Lesbische Aufklärung an Schulen“ ist ein vom Kriminalpräventiven Rat initiiertes und gefördertes Projekt von ehrenamtlich arbeitenden Schwulen und Lesben, die in Schulen und Bildungseinrichtungen gehen, um sich bei Begegnungen mit Jugendlichen für ein diskriminierungs- und gewaltfreies Klima einzusetzen. Die Aufklärungsarbeit vermittelt Jugendlichen authentische Eindrücke von Lesben und Schwulen (...) Die Veranstaltungen helfen Diskriminierungen sowie psychischer und physischer Gewalt vorzubeugen. Sie machen Jugendlichen ihre eigene sexuelle Identität bewusst und fördern die Akzeptanz gegenüber anders lebenden Menschen.“
www.schlau-nrw.de Eine erste Anlaufstelle für Lehrerinnen und Lehrer, die das „Klima an ihrer Schule“ verbessern wollen ... worauf warten Sie? Nehmen Sie noch heute Kontakt auf!
Der Überblick zeigt, dass sich einiges getan hat seit dem gesungenen Aufschrei von BRONSKI BEAT im Jahre 1984 ... aber etwas hat sich leider kaum geändert:
Das nach wie vor grassierende Unvermögen von Eltern sich vorzustellen, dass ihr Sohn schwul sein könnte. Und diese Ignoranz, dieses Verdrängen, treibt auch im Jahre 2008 immer noch jugendliche Schwule dazu sich umzubringen, weil sie sich unverstanden, ungeliebt und "wertlos“ fühlen. Was für ein Armutszeugnis für unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft!
Liebe Eltern, wenn Sie mit dieser „Schande“ (es ist keine Schande, sondern Bestandteil der Persönlichkeit von Millionen Jugendlichen und Erwachsenen!) nicht zurechtkommen ... holen Sie sich Hilfe! Lassen Sie sich z.B. vom LSVD (Lesben- und Schwulen-Verband Deutschland) www.lsvd.de die Adressen von Elterngruppen schwuler und lesbischer Söhne und Töchter geben. Sie sind es Ihrem Sohn / Ihrer Tochter schuldig zu verstehen und irgendwann zu akzeptieren, denn jedes Kind hat einen Anspruch darauf akzeptiert und geliebt zu werden! Jeder Selbstmord eines schwulen Teenagers ist dagegen immer auch eine Anklage an die eigenen Eltern, die hier versagt haben. Und das ... ist eine wirkliche Schande!
Coming Out Gruppen (Adressen von Gruppen in Eurer Nähe findet Ihr im Internet oder auch beim LSVD, dem als gemeinnützig anerkannten Lesben- und Schwulen-Verband www.lsvd.de ) sind eine gute Ergänzung zu kommerziellen Szene-Treffs. Außerdem gibt es die Möglichkeit sich über diverse nicht-kommerzielle Initiativen zu informieren und ggf. dort zu engagieren (das ist auf jeden Fall sehr viel besser für das eigene Selbstwertgefühl, als sich zurückzuziehen, sich selbst zu isolieren und sich schlecht zu fühlen). Die Internet-Adressen der nachstehenden Organisationen, Interessengruppen, Initiativen usw. findet Ihr, wenn Ihr z.B in Google den jeweiligen Suchbegriff eingebt (es gibt inzwischen übrigens auch eine schwule Internet Suchmaschine, die sich „Schwuugle“ nennt, sie bietet ebenfalls viele Treffer).
Hier eine Auswahl von Organisationen, Initiativen und Personen:
LSVD, Lesben- und Schwulen-Verband Deutschland e.V. (hilft Euch weiter)
Hirschfeld-Eddy-Stiftung (steht dem LSVD nahe)
ILGA, International Lesbian And Gay Association
Arbeitsgemeinschaft Queer, c/o DIE LINKE. im Bundestag
MdB Dr. Barbara Höll, DIE LINKE., (Bundestagsabgeordnete, zuständig innerhalb ihrer Fraktion für die politischen Belange von Schwulen und Lesben)
Email: barbara.hoell@bundestag.de
MdB Volker Beck, GRÜNE (offen schwuler Bundestagsabgeordneter)
Email: berlin@volkerbeck.de
Schwusos, Lesben und Schwule in der SPD
LSU, Lesben und Schwule in der Union (CDU/CSU)
ver.di-Bundesarbeitskreis Lesben und Schwule
VelsPol, Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter
Völklinger Kreis, schwule Unternehmer in Deutschland
Bundesarbeitsgemeinschaft schwule und lesbische Paare
Arbeitsgemeinschaft homosexueller Lehrer und Lehrerinnen in der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)
HUK e.V., Ökumenischer Arbeitskreis Homosexualität und Kirche
Schwule Väter Köln
Deutsche AIDS-Hilfe e.V. www.aidshilfe.de Email: dah@aidshilfe.de unterstützt mit professioneller Hilfe zahlreiche Projekte (nicht nur im direkten Zusammenhang mit AIDS-Prävention und Betreuung), also keine „Berührungsängste“, die AIDS-Hilfen kennen viele Adressen, Initiativen, Coming Out-Gruppen usw. ... einfach mal anklicken - es lohnt sich!
www.herzenslust.de
Und noch etwas ... Last Euch nicht einreden, „Schwule seien keine Männer“, natürlich sind sie das! Oder „Schwule würden sich nur in ‚kreativen‘ Berufen wohlfühlen“ Das ist kompletter Unsinn! Es gibt Schwule in allen!!! Berufen, die tragen aber kein Schild und bleiben damit weitgehend ‚unsichtbar‘ für all die selbsternannten Experten. Dann „Sport und Schwule, das passe nicht zusammen“ Quatsch!
Es gibt etliche schwule Bundesligafussballspieler (die sich leider nicht outen, weil sie innerhalb eines absolut lächerlichen homophoben Umfeldes arbeiten). Am 17.10.2008 brachte die taz (Die Tageszeitung) einen ganzseitigen Bericht über den schwulen Profifussballer Marcus Urban, der ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat („Versteckspieler“: Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“ von Ronny Blaschke, Verlag: Die Werkstattt, 9,90 Euro). Matthew Mitcham, der Goldmedaillen-Gewinner im 10 Meter-Turmspringen bei den olympischen Sommerspielen in Peking ist offen schwul und freute sich nach der Siegerehrung zusammen mit seinem Freund Lachlan vor den Fernsehkameras.
In Italien gründeten schwule Polizisten die Initiative „Polis Aperta“, die sich in einem Massen-Outing öffentlich machen wollen. Der heterosexuelle Hollywood-Schauspieler Brad Pitt spendete 100.000 Dollar für die Unterstützung einer Initiative, die für den Erhalt der Homo-Ehe in Kalifornien kämpft, danke! Diverse Politiker stehen öffentlich zu ihrer (schwulen) sexuellen Identität, wie z.B. Klaus Wowereit, SPD (Reg. Bürgermeister von Berlin), Ole von Beust, CDU (Hamburger Bürgermeister), Guido Westerwelle, FDP (Partei- und Fraktionschef).
Auch im Fernsehen gibt es etliche offen schwule Moderatoren, wie z.B. Alfred Biolek, Axel Bulthaupt, Harpe Kerkeling und es gibt die lesbische ARD-Moderatorin Anne Will. Die Prominenz dieser bekannten Persönlichkeiten macht sie relativ unangreifbar und so ist deren Beispiel leider überhaupt nicht repräsentativ für die gesellschaftliche Stimmung und (Nicht-) Akzeptanz gegenüber den schwulen Normalbürgern. Denn diese müssen sich auch im Jahr 2008 noch immer mit haarsträubenden Vorurteilen, Klischees und Anfeindungen herumschlagen. Es ist übrigens absolut keine „Lösung“ möglichst unauffällig (nach heterosexuellen Vorgaben) zu leben, um nicht zu „provozieren“.
Das ist eine Scheinlösung, die zu Unfreiheit und Selbstverleugnung führt. Ein wesentlicher Bestandteil jeder Persönlichkeit, die sexuelle Identität, wird von der heterosexuellen Mehrheit ja nicht ohne Grund ununterbrochen wie eine Monstranz vor sich hergetragen, indem ungefragt von Ehefrau / Kindern oder auch Freundin / Geliebter berichtet wird. Damit soll jeder „Verdacht auf eigene Homosexualität“ abgewehrt werden: „Seht her, ich bin heterosexuell!“
Stellen wir uns folgende Situation vor. Ein junger Mann tritt eine neue Anstellung in einem Unternehmen an und wird von seinen Kollegen gefragt: „Haben Sie eine Freundin, Verlobte oder Ehefrau?“ Und der Neue antwortet: „Ich haben einen Freund bzw. Lebenspartner.“ Warum sollte diese Äußerung, im Gegensatz zur Antwort: „Ich habe eine Freundin, Verlobte oder Ehefrau“ eine Provokation oder „Belästigung mit Privatangelegenheiten“ sein? Da wird doch mit zweierlei Maß gemessen, oder etwa nicht? Und was wäre die „Schutzbehauptung“ eines schwulen Mannes: „Ja ich habe eine Freundin / Verlobte“, wert? Nichts! Sie würde irgendwann „auffliegen“ und dann steht der schwule Mann als Lügner da, der seine Kollegen über längere Zeit belogen hat. Könnte man dem dann noch vertrauen oder irgend etwas glauben? Nein!
Also, natürlich ist die sexuelle Identität eines jeden Menschen „seine Privatsache“, das heißt aber nicht, dass man/frau Sie verleugnen oder verschweigen müsste, um „akzeptiert“ zu werden. Ich habe als Jugendlicher bereits verstanden, wer mich nur als seinen Freund oder Bekannten betrachtet, solange er nichts von meiner sexuellen Identität weiß, der meint damit gar nicht wirklich mich, sondern eine Rolle, die er mich zwingen will zu spielen. Auf solche Freundschaften oder Bekanntschaften verzichte ich sehr gerne! Diese Art der Doppelmoral („Du kannst alles machen, solange Du Dich nicht dabei erwischen läßt“) ist eine subtile (allgegenwärtige) Form der Unterdrückung, denn sie verursacht Schuldgefühle und letztlich seelische Störungen.
Und es ist auch kein Argument zu behaupten, mit der Vorstellung was zwei Männer im Bett (oder sonstwo) miteinander treiben, fühle man/frau sich überfordert oder gar belästigt ... gleiches Recht für Heteros und Homos! Noch nicht einmal die sexuellen Praktiken unterscheiden sich so grundsätzlich, da alles was Schwule praktizieren auch von vielen Heteros gemacht wird ... Sexualität ist vielfältig, sie dient längst nicht nur der Zeugung von Nachwuchs, sondern ist wichtiges Kommunikationsinstrument, Quelle von Lust und Befriedigung, Zeichen größter Vertrautheit mit einem Partner / einer Partnerin. Sie sollte immer selbstbestimmt sein (also nicht erduldet oder erzwungen) und der verantwortungsvolle Umgang mit Partnern / Partnerinnen aber auch mit dem eigenen Körper / der eigenen Gesundheit wird nach und nach erlernt und gehört zum Erwachsenwerden.
Das alles gilt für Heterosexuelle genauso wie für Homosexuelle. Und noch einmal: Nur wer sich selbst schätzt, der geht auch verantwortungsvoll mit seiner eigenen und der Gesundheit seines Partners / seiner Partnerin um. Es ist also wichtig junge Menschen (ob hetero oder homo) z.B. im Rahmen eines sexualpädagogischen Unterrichts zu verantwortungsbewußten jungen Erwachsenen zu erziehen.
Kein Zufall ist es, dass besonders in Ländern, in denen über Sexualität praktisch nicht offen gesprochen werden kann, die Neuinfektionen mit HIV, aber auch anderen sexuell übertragbaren Krankheiten deutlich höher liegen als anderswo. Verschweigen und die daraus resultierende Unwissenheit töten!
© Jamerson akas Knüppel
Teil 2/...
„SMALLTOWN BOY“ hieß 1984 ein Hit der Popgruppe BRONSKI BEAT; Leadsänger Jimmy Somerville schrie es in dem Song regelrecht heraus: „Ein Junge, schwul und mitten im Coming Out, sieht sich gezwungen die Enge seiner Kleinstadt zu verlassen, um er selbst sein zu können“.
24 Jahre nach „Smalltown Boy“ ... was hat sich verändert?
„Du spürst, dass Du als Junge auf Jungs stehst? Du denkst, dass Du mit diesem Gefühl weit und breit der einzige bist? Du willst endlich Leute treffen, denen es ähnlich geht? Du brauchst jemanden, mit dem Du über Deine Wünsche und Sehnsüchte, vielleicht auch über Deine Probleme und Ängste reden möchtest?“
So beginnt die Internet-Seite einer Coming Out Gruppe, die sich „Kuckucksei“ nennt www.kuckucksei.de und weiter heißt es dort:
„Bei Eurem Einstieg ins schwule Leben werdet Ihr mit neuen Erfahrungen und Fragen konfrontiert. Wir reden über Themen wie beispielsweise Safer Sex, Beziehungen oder Eltern. Doch keine Panik! Wir sitzen nicht mit sorgenvollem Blick im Stuhlkreis und wälzen Probleme. Denn bei uns gibt es eine Menge Spaß. Wir hören Musik, schauen DVDs, kochen und essen gemeinsam. Bei uns kannst Du neue Freunde finden. Und wer weiß: Vielleicht ist auch Dein Traumprinz dabei.“
Also, immerhin das hat sich verändert: Es gibt inzwischen Coming Out Gruppen, die von schwulen Teens und Twens weitgehend selbst organisiert werden, um anderen schwulen Jungs zu helfen sich selbst zu akzeptieren (nur wer sich selbst schätzt, der schützt sich auch, z.B. vor HIV / AIDS). Beim „Kuckucksei“ wird die Gruppe von einem Dipl. Sozialpädagogen / Sexualpädagogen unterstützt und das dürfte auch andernorts ähnlich sein.
„Was wäre, wenn es im Schulalltag ganz normal wäre, dass
Paul mit Lara geht,
Sven Jan vor dem Eingang zur Schule noch einen Kuss gibt,
der Englischlehrer verheiratet ist und drei Kinder hat,
die Geschichtslehrerin ihre Freundin mit zum Schulfest bringt?
Im Moment ist das kaum vorstellbar, oder?
Stattdessen ist „schwul“ (wieder) ein Schimpfwort (...) Insgesamt gibt es ein Klima an den meisten Schulen, das von Unwissen, Ängsten, Vorurteilen und feindlichen Haltungen gegenüber Homosexualität geprägt ist. Das meint der Ausdruck ‚Homophobie‘ ...“
Das ist der Aufmacher der Internet-Seite „Schule ohne Homophobie - Schule der Vielfalt“ www.schule-der-vielfalt.d... die sich in NRW an Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiterinnen und Schulleiter, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Politikerinnen und Politiker - kurz an alle, die sich gegen Homophobie in der Schule stark machen wollen, wendet.
„Diskriminierung und Gewalt, das sind aber auch die subtilen Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung: Hämische Bemerkungen auf dem Schulhof, die Angst im Beruf Nachteile zu erleben, wenn ich mich oute, das Schweigen und Ignorieren auf der einen und die Klischeebilder auf der anderen Seite ...“ Dies ist ein Anti-Gewalt-Projekt der NRW-Landesregierung www.vielfalt-statt-gewalt...
Der NRW-Arbeitskreis Vorbeugung und Sicherheit - Projektgruppe Gewalt gegen Lesben und Schwule schreibt in einer Broschüre u.a.
„Die Tätermotive sind vielfältig. Mit der Intoleranz gegenüber dem ‚Andersartigen‘ lassen sich eigene Probleme scheinbar lösen. Diejenigen, die Minderheiten terrorisieren, rechnen mit dem Stillschweigen der Mehrheit. Minderheiten, so glaubt man, wehren sich nicht. Das senkt die Bereitschaftsschwelle zur Tat. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgefordert, hier gegenzusteuern. Täter sind feige! Wenn wir zusammenstehen, haben sie weniger Chancen! Schweigen hilft nur den Tätern, schütze Dich selbst. Beleidigungen sind oft eine Vorstufe von tätlichen Angriffen. Nimm sie nicht auf die leichte Schulter. Tritt selbstbewußt auf, steh‘ zu Deinem Schwulsein. Selbstbewußtsein schreckt potenzielle Täter ab.“
Und wenn Du doch einmal angegriffen wurdest, ruf‘ das „Schwule Überfalltelefon“ an, das bundesweit unter der Nr. 19228 zu erreichen ist. Hier hilft man Dir kompetent weiter
„SchLAu - Schwul-Lesbische Aufklärung an Schulen“ ist ein vom Kriminalpräventiven Rat initiiertes und gefördertes Projekt von ehrenamtlich arbeitenden Schwulen und Lesben, die in Schulen und Bildungseinrichtungen gehen, um sich bei Begegnungen mit Jugendlichen für ein diskriminierungs- und gewaltfreies Klima einzusetzen. Die Aufklärungsarbeit vermittelt Jugendlichen authentische Eindrücke von Lesben und Schwulen (...) Die Veranstaltungen helfen Diskriminierungen sowie psychischer und physischer Gewalt vorzubeugen. Sie machen Jugendlichen ihre eigene sexuelle Identität bewusst und fördern die Akzeptanz gegenüber anders lebenden Menschen.“
www.schlau-nrw.de Eine erste Anlaufstelle für Lehrerinnen und Lehrer, die das „Klima an ihrer Schule“ verbessern wollen ... worauf warten Sie? Nehmen Sie noch heute Kontakt auf!
Der Überblick zeigt, dass sich einiges getan hat seit dem gesungenen Aufschrei von BRONSKI BEAT im Jahre 1984 ... aber etwas hat sich leider kaum geändert:
Das nach wie vor grassierende Unvermögen von Eltern sich vorzustellen, dass ihr Sohn schwul sein könnte. Und diese Ignoranz, dieses Verdrängen, treibt auch im Jahre 2008 immer noch jugendliche Schwule dazu sich umzubringen, weil sie sich unverstanden, ungeliebt und "wertlos“ fühlen. Was für ein Armutszeugnis für unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft!
Liebe Eltern, wenn Sie mit dieser „Schande“ (es ist keine Schande, sondern Bestandteil der Persönlichkeit von Millionen Jugendlichen und Erwachsenen!) nicht zurechtkommen ... holen Sie sich Hilfe! Lassen Sie sich z.B. vom LSVD (Lesben- und Schwulen-Verband Deutschland) www.lsvd.de die Adressen von Elterngruppen schwuler und lesbischer Söhne und Töchter geben. Sie sind es Ihrem Sohn / Ihrer Tochter schuldig zu verstehen und irgendwann zu akzeptieren, denn jedes Kind hat einen Anspruch darauf akzeptiert und geliebt zu werden! Jeder Selbstmord eines schwulen Teenagers ist dagegen immer auch eine Anklage an die eigenen Eltern, die hier versagt haben. Und das ... ist eine wirkliche Schande!
Coming Out Gruppen (Adressen von Gruppen in Eurer Nähe findet Ihr im Internet oder auch beim LSVD, dem als gemeinnützig anerkannten Lesben- und Schwulen-Verband www.lsvd.de ) sind eine gute Ergänzung zu kommerziellen Szene-Treffs. Außerdem gibt es die Möglichkeit sich über diverse nicht-kommerzielle Initiativen zu informieren und ggf. dort zu engagieren (das ist auf jeden Fall sehr viel besser für das eigene Selbstwertgefühl, als sich zurückzuziehen, sich selbst zu isolieren und sich schlecht zu fühlen). Die Internet-Adressen der nachstehenden Organisationen, Interessengruppen, Initiativen usw. findet Ihr, wenn Ihr z.B in Google den jeweiligen Suchbegriff eingebt (es gibt inzwischen übrigens auch eine schwule Internet Suchmaschine, die sich „Schwuugle“ nennt, sie bietet ebenfalls viele Treffer).
Hier eine Auswahl von Organisationen, Initiativen und Personen:
LSVD, Lesben- und Schwulen-Verband Deutschland e.V. (hilft Euch weiter)
Hirschfeld-Eddy-Stiftung (steht dem LSVD nahe)
ILGA, International Lesbian And Gay Association
Arbeitsgemeinschaft Queer, c/o DIE LINKE. im Bundestag
MdB Dr. Barbara Höll, DIE LINKE., (Bundestagsabgeordnete, zuständig innerhalb ihrer Fraktion für die politischen Belange von Schwulen und Lesben)
Email: barbara.hoell@bundestag.de
MdB Volker Beck, GRÜNE (offen schwuler Bundestagsabgeordneter)
Email: berlin@volkerbeck.de
Schwusos, Lesben und Schwule in der SPD
LSU, Lesben und Schwule in der Union (CDU/CSU)
ver.di-Bundesarbeitskreis Lesben und Schwule
VelsPol, Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter
Völklinger Kreis, schwule Unternehmer in Deutschland
Bundesarbeitsgemeinschaft schwule und lesbische Paare
Arbeitsgemeinschaft homosexueller Lehrer und Lehrerinnen in der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)
HUK e.V., Ökumenischer Arbeitskreis Homosexualität und Kirche
Schwule Väter Köln
Deutsche AIDS-Hilfe e.V. www.aidshilfe.de Email: dah@aidshilfe.de unterstützt mit professioneller Hilfe zahlreiche Projekte (nicht nur im direkten Zusammenhang mit AIDS-Prävention und Betreuung), also keine „Berührungsängste“, die AIDS-Hilfen kennen viele Adressen, Initiativen, Coming Out-Gruppen usw. ... einfach mal anklicken - es lohnt sich!
www.herzenslust.de
Und noch etwas ... Last Euch nicht einreden, „Schwule seien keine Männer“, natürlich sind sie das! Oder „Schwule würden sich nur in ‚kreativen‘ Berufen wohlfühlen“ Das ist kompletter Unsinn! Es gibt Schwule in allen!!! Berufen, die tragen aber kein Schild und bleiben damit weitgehend ‚unsichtbar‘ für all die selbsternannten Experten. Dann „Sport und Schwule, das passe nicht zusammen“ Quatsch!
Es gibt etliche schwule Bundesligafussballspieler (die sich leider nicht outen, weil sie innerhalb eines absolut lächerlichen homophoben Umfeldes arbeiten). Am 17.10.2008 brachte die taz (Die Tageszeitung) einen ganzseitigen Bericht über den schwulen Profifussballer Marcus Urban, der ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat („Versteckspieler“: Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“ von Ronny Blaschke, Verlag: Die Werkstattt, 9,90 Euro). Matthew Mitcham, der Goldmedaillen-Gewinner im 10 Meter-Turmspringen bei den olympischen Sommerspielen in Peking ist offen schwul und freute sich nach der Siegerehrung zusammen mit seinem Freund Lachlan vor den Fernsehkameras.
In Italien gründeten schwule Polizisten die Initiative „Polis Aperta“, die sich in einem Massen-Outing öffentlich machen wollen. Der heterosexuelle Hollywood-Schauspieler Brad Pitt spendete 100.000 Dollar für die Unterstützung einer Initiative, die für den Erhalt der Homo-Ehe in Kalifornien kämpft, danke! Diverse Politiker stehen öffentlich zu ihrer (schwulen) sexuellen Identität, wie z.B. Klaus Wowereit, SPD (Reg. Bürgermeister von Berlin), Ole von Beust, CDU (Hamburger Bürgermeister), Guido Westerwelle, FDP (Partei- und Fraktionschef).
Auch im Fernsehen gibt es etliche offen schwule Moderatoren, wie z.B. Alfred Biolek, Axel Bulthaupt, Harpe Kerkeling und es gibt die lesbische ARD-Moderatorin Anne Will. Die Prominenz dieser bekannten Persönlichkeiten macht sie relativ unangreifbar und so ist deren Beispiel leider überhaupt nicht repräsentativ für die gesellschaftliche Stimmung und (Nicht-) Akzeptanz gegenüber den schwulen Normalbürgern. Denn diese müssen sich auch im Jahr 2008 noch immer mit haarsträubenden Vorurteilen, Klischees und Anfeindungen herumschlagen. Es ist übrigens absolut keine „Lösung“ möglichst unauffällig (nach heterosexuellen Vorgaben) zu leben, um nicht zu „provozieren“.
Das ist eine Scheinlösung, die zu Unfreiheit und Selbstverleugnung führt. Ein wesentlicher Bestandteil jeder Persönlichkeit, die sexuelle Identität, wird von der heterosexuellen Mehrheit ja nicht ohne Grund ununterbrochen wie eine Monstranz vor sich hergetragen, indem ungefragt von Ehefrau / Kindern oder auch Freundin / Geliebter berichtet wird. Damit soll jeder „Verdacht auf eigene Homosexualität“ abgewehrt werden: „Seht her, ich bin heterosexuell!“
Stellen wir uns folgende Situation vor. Ein junger Mann tritt eine neue Anstellung in einem Unternehmen an und wird von seinen Kollegen gefragt: „Haben Sie eine Freundin, Verlobte oder Ehefrau?“ Und der Neue antwortet: „Ich haben einen Freund bzw. Lebenspartner.“ Warum sollte diese Äußerung, im Gegensatz zur Antwort: „Ich habe eine Freundin, Verlobte oder Ehefrau“ eine Provokation oder „Belästigung mit Privatangelegenheiten“ sein? Da wird doch mit zweierlei Maß gemessen, oder etwa nicht? Und was wäre die „Schutzbehauptung“ eines schwulen Mannes: „Ja ich habe eine Freundin / Verlobte“, wert? Nichts! Sie würde irgendwann „auffliegen“ und dann steht der schwule Mann als Lügner da, der seine Kollegen über längere Zeit belogen hat. Könnte man dem dann noch vertrauen oder irgend etwas glauben? Nein!
Also, natürlich ist die sexuelle Identität eines jeden Menschen „seine Privatsache“, das heißt aber nicht, dass man/frau Sie verleugnen oder verschweigen müsste, um „akzeptiert“ zu werden. Ich habe als Jugendlicher bereits verstanden, wer mich nur als seinen Freund oder Bekannten betrachtet, solange er nichts von meiner sexuellen Identität weiß, der meint damit gar nicht wirklich mich, sondern eine Rolle, die er mich zwingen will zu spielen. Auf solche Freundschaften oder Bekanntschaften verzichte ich sehr gerne! Diese Art der Doppelmoral („Du kannst alles machen, solange Du Dich nicht dabei erwischen läßt“) ist eine subtile (allgegenwärtige) Form der Unterdrückung, denn sie verursacht Schuldgefühle und letztlich seelische Störungen.
Und es ist auch kein Argument zu behaupten, mit der Vorstellung was zwei Männer im Bett (oder sonstwo) miteinander treiben, fühle man/frau sich überfordert oder gar belästigt ... gleiches Recht für Heteros und Homos! Noch nicht einmal die sexuellen Praktiken unterscheiden sich so grundsätzlich, da alles was Schwule praktizieren auch von vielen Heteros gemacht wird ... Sexualität ist vielfältig, sie dient längst nicht nur der Zeugung von Nachwuchs, sondern ist wichtiges Kommunikationsinstrument, Quelle von Lust und Befriedigung, Zeichen größter Vertrautheit mit einem Partner / einer Partnerin. Sie sollte immer selbstbestimmt sein (also nicht erduldet oder erzwungen) und der verantwortungsvolle Umgang mit Partnern / Partnerinnen aber auch mit dem eigenen Körper / der eigenen Gesundheit wird nach und nach erlernt und gehört zum Erwachsenwerden.
Das alles gilt für Heterosexuelle genauso wie für Homosexuelle. Und noch einmal: Nur wer sich selbst schätzt, der geht auch verantwortungsvoll mit seiner eigenen und der Gesundheit seines Partners / seiner Partnerin um. Es ist also wichtig junge Menschen (ob hetero oder homo) z.B. im Rahmen eines sexualpädagogischen Unterrichts zu verantwortungsbewußten jungen Erwachsenen zu erziehen.
Kein Zufall ist es, dass besonders in Ländern, in denen über Sexualität praktisch nicht offen gesprochen werden kann, die Neuinfektionen mit HIV, aber auch anderen sexuell übertragbaren Krankheiten deutlich höher liegen als anderswo. Verschweigen und die daraus resultierende Unwissenheit töten!
© Jamerson akas Knüppel
Teil 2/...
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