Sie steckt den Zündschlüssel ins Schloss und startet den Wagen.

Treiben lassen in ihrer Stadt, sehen, Musik hören.

Horowitz spielt Skrjabin? Nein, das nicht.

Goisern und sein Jodeln, ja, der hat sie schon einmal auf neuen Wegen begleitet.

 

Viel buntes Volk ist auf den Beinen. Schwül ist es in der Stadt. Sie kurbelt die Fensterscheiben herunter und jodelt mit Goisern. Technoklänge  vermischen sich mit denen aus ihrer Anlage. Das bunte Volk hat die Stadt heute in Besitz genommen. Vertraute Wege sind gesperrt.

 

Sie sucht nach neuen, nach Schleichwegen. Und steht im Stau. Dichtgedrängt Karosse an Karosse. Goisern jodelt und die entgegenkommend Stehenden lachen. Eine Dame allerdings schließt mit pikiertem Blick ihre Autofenster.

 

Dann freie Fahrt. Ins Sommerland. Das Getreide ist reif, das Jahr hat seinen Zenit überschritten. Klatschmohn, Kornblumen, wilde Kamille. Steigt sie aus und pflückt sich einen Strauß? Nein, heute nicht.

 

Goisern ist fertig. Sie möchte ihn nicht nochmal hören. Die Callas vielleicht? Nein, die klingt heute blechern und erreicht sie nicht, auch Jimi Hendrix  nicht.

Jacques Brel, ja, Jaques Brel. Sie fährt weiter durch die Alleen. Dann hält sie doch an, Kirschen am Straßenrand. Zwei Sorten zur Auswahl. Sie wählt die helleren, süßeren und gibt der schmuddelingen Händlerin mit ungepflegtem Haar und grauer Jogginghose den geforderten Obulus.

 

Man sollte sie waschen, die Kirschen, aber egal, sie hört Brel, isst die Kirschen und spuckt die Kerne durch das geöffnete Wagenfenster.

 

Dann ist sie wieder in der Stadt, auf vertrauten, sehr vertrauen Wegen. Sie biegt ab und findet einen Parkplatz vor der Pizzabude. Sie blickt nach oben in den dritten Stock. Ein Rollo ist heruntergelassen, wie immer. Das Küchenfenster ist angekippt. Diese Küche, die entweder blitzte vor Sauberkeit oder im Müll versank, aber nie normale Küche war.

 

Sie erinnert sich des großen Weckers, der immer um Zehn nach Fünf klingelte, damit sie pünktlich zu Hause war. Und er klingelte auch dann um Zehn nach Fünf, wenn sie länger hätte bleiben können, denn die Bedienungsanleitung war verschwunden.

 

Sie erinnert sie des Winkens, wenn sie den Treppenabsatz erreicht hatte, von dem aus sie ihn aus dem Blickfeld verlieren sollte. Zweimal hat er sie auch morgens zu ihrem Auto gebracht, zwei Mal.

 

Sie erinnert sich der steifgefrorenen Hände vom Eiskratzen in den Wintern. Und der vertrauten spärlichen morgendlichen Fahrzeuge, die die Bäckereien belieferten oder, aus Polen kommend, die Hotels mit frischer Wäsche, die dort über Nacht gewaschen wurde.

 

Brel singt. Sie steigt aus und raucht eine Zigarette. Sie weiß, blickte er jetzt aus seinem Fenster, könnte er sie sehen. Aber sie weiß auch, er blickt nie aus seinem Fenster.

 

Die Kippe wirft sie in die Rosenrabatte und steigt in ihr Auto. Brel ist fertig.

Ohne Musik fährt sie nach Hause.