Heilig Abend war es –und er fühlte sich unwohl. Unter dem bis an die Decke
reichenden und glanzvoll strahlenden Weihnachtsbaum lag zerknülltes
Geschenkpapier von all den ausgepackten Weihnachtsüberraschungen. Wie jedes
Jahr gab es eine überreiche Bescherung in dem prachtvollen Haus inmitten des
großen Parks. Man konnte schon von weitem sehen, hier war das Geld zu Hause.
Er ärgerte sich von Minute zu Minute mehr über Teile seiner Familie, die an allem was
auszupacken war, irgendetwas zu bemäkeln hatten.
Einigen konnte man auch ohne daß sie etwas sagten anmerken, daß sie unzufrieden
waren. Dabei waren alle Geschenke mit Bedacht und Sorgfalt ausgewählt worden und
es wurde an nichts gespart.
Ihn störte diese materielle Gier seiner Familie ungemein.
Unbemerkt von allen zog er seinen Mantel an, nahm seinen Hund zur Seite und verließ
das Haus. Sein Hund und er—ja sie beide verstanden sich. Gemeinsam stapften sie
durch den knöcheltiefen Schnee—nur weg und tief durchatmen. Ein paar
Schneeflocken tanzten in der kalten Winterluft und beide gingen schweigend durch
diese Winternacht, vorbei an all den hell beleuchteten Villen in diesem noblen Viertel.
Sein Hund spürte deutlich daß ihn etwas bedrückte. Ja—sein Hund, er hatte mehr
Einfühlungsvermögen als diese ganze verwöhnte Bagage zu Hause.
Eine Stunde mag verstrichen sein als er merkte, daß sie sich in einem wenig
freundlichen, armseligen Viertel der Stadt befanden. Wenige Fenster waren beleuchtet.
Nirgends war etwas von Weihnachtsbeleuchtung zu sehen.
Einige hundert Meter vor ihnen sah er eine armselige Laterne vor einem
heruntergekommen Haus brennen und entdeckte, daß es sich um eine kleine ,
unscheinbare Kaschemme handelte.
Instinktiv nahm er seinen Hund ein wenig kürzer an der Leine und betrat diese
schummrige Beize, auch deshalb weil ihm zwischenzeitlich kalt geworden war und er
sich mit einem heißen Tee aufzuwärmen gedachte.
Ein Schwall von Rauch, abgestandenem Alkoholdunst und seltsam befremdlichem
Menschengeruch schlug ihm entgegen. Der kleine Raum war angefüllt mit armselig
wirkenden Menschen, die aber allesamt eine anrührende Feierlichkeit verströmten.
Auf der Theke stand ein kleiner Weihnachtsbaum aus Plastik und der Wirt reichte ihm
ohne daß er etwas bestellt hätte mit besten Weihnachtswünschen ein Glas heißen
Glühwein . Er war überrascht. Plötzlich begannen an einer Seite der kleinen Stube ein
paar der seltsamen Gestalten ein Weihnachtslied anzustimmen.
Ein überwältigendes Gefühl macht sich in ihm breit. Leise summte er mit. Sein Hund
lag zu seinen Füßen—man hatte ihm bereitwillig Platz gemacht und eine der Gestalten
zog seinen abgeschabten Mantel aus und mit den Worten „ soll auch nicht leben wie
ein Hund“ , legte er selbigen zu dem Hund damit sich dieser darauf kuscheln konnte.
Ein zweites Glas Glühwein wurde ihm gereicht und als ein weiteres Weihnachtlied
angestimmt wurde begann er ein wenig lauter als zuvor mit zusingen. Es herrschte
eine feierliche Fröhlichkeit, jeder stieß mit jedem an und doch spürte man auf eine
seltsame Art eine Wertschätzung jedes einzelnen für den anderen.
Ihm wurde warm ums Herz—und das lag nicht nur am Glühwein. Diese von der
Gesellschaft Vergessenen gefielen ihm. Er spendierte eine Lokalrunde und alle
bedankten sich freundlich und ehrlich bei ihm.
Die Stunden vergingen ohne daß er es bemerkte. Die andächtige Fröhlichkeit in dieser
Kaschemme ging ihm zu Herzen. Hier beschwerte sich niemand über zu geringe
Weihnachtsgeschenke—es gab nämlich keine. Und doch spürte er bei diesen
Menschen eine innere Zufriedenheit, die ihn tief berührte.
Erstmals seit vielen Jahren fühlte er in sich eine richtige Weihnachtsstimmung,
demutsvoll und doch freudig.
Als er viele Stunden später gehen wollte—nein eigentlich wollte er gar nicht nach
Hause gehen in dieses Haus voll Licht und Kälte- da mußten ihm alle versprechen am
nächsten Abend wieder anwesend zu sein.
Zu Hause angekommen wurde er gerüffelt wegen seines plötzlichen Verschwindens
und als man dann auch noch den Kaschemmengeruch in seinem Mantel rügte, warf er
diesen kurzerhand in den Schnee vor dem Haupteingang. Ohne ein Wort zu verlieren
gingen Herr und Hund in ihre Gemächer.
Am Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages erklärte er, daß er für den Rest des Tages
abwesend sei und man ohne ihn den Festtagsbraten zu sich nehmen solle.
Die Bagage war verwundert—aber er duldete keinen Widerspruch.
Er nahm seinen Hund und fuhr weg. Vom Auto aus führte er ein paar Telephonate und
machte dann mit seinem Hund einen langen Winterpaziergang, der beiden wohl gefiel.
Wieder zu Hause angekommen, legte er sich ein wenig nieder , kleidete sich am
frühen Abend an und verließ zusammen mit seinem Hund die Villa ohne ein Wort
darüber zu verlieren was er denn tue.
Gegen 8 Uhr abends betrat er die Kaschemme— alle waren da—und freuten sich ihn
zu sehen. Und wieder wurde ein Weihnachtslied angestimmt—er bildete sich ein, es
sei nur für ihn. Sein Hund lag wieder auf dem alten Platz an dem immer noch der
schäbige Mantel lag und fühlte sich auch sichtlich wohl.
Die Tür ging auf—fünf Köche in strahlend weißen Jacken trugen große Platten mit
gebratenen Gänsen, dampfenden Knödeln und duftendem Rotkraut herein, deckten
die Tische mit weißen Leinentüchern und stellten auch noch einige Flaschen edler
Weine dazu.
Die Überraschung war geglückt. Nach ein paar Minuten des ungläubigen Staunens
langten alle kräftig zu. Auch ihm schmeckte es in dieser Gesellschaft–und sein Hund
bekam ebenfalls seinen Weihnachtsbraten.
Es war eine fröhliche Runde beisammen und sie feierten Weihnachten bis spät in die
Nacht, sangen und lachten und waren guter Laune. Kein Wort des Mißgunstes, der
Unzufriedenheit oder des Haders fiel während des gesamten Abends.
Er erlebte das schönste Weihnachtsfest seit vielen, vielen Jahren.
Während der nächsten Wochen wurde die Kaschemme gründlich renoviert—wobei er
sorgfältig darauf achtete eine gewisse Urtümlichkeit zu erhalten. Der Wirt wurde
ebenfalls neu ausgestattet.
Einige aus der Weihnachtsgesellschaft erhielten Arbeit in seinem Betrieb—und er
selbst wurde ein häufiger und gern gesehener Gast in diesem Etablissement.