Muss sie auch nicht.

 

Sie hat seit ihres Lebens „Personal“. Als Susi, zwar mit guter Bildung, aber *nur Tochter eines Angestellten, sich erfrechte, ihren Sohn zu heiraten, war ihr Kommentar: die hat sich gut gesetzt!

 

Susi war ein Weihnachtsfreak, zu Weihnachten gehört Kitsch, richtig schöner Kitsch; das war das Credo in ihrer Familie, also wollte Susi ihr erstes „Eheweihnachten“ so feiern, wie sie es kannte: zusammen den Baum schmücken während die Kassette mit den Wiener Sängerknaben lief und man lauthals, dafür aber so richtig schön falsch mitsingen konnte, ein Festessen kochen, vor dem Geschenkeauspacken vor dem Baum Stille Nacht singen, ein Tränchen verdrücken, usw.

 

Der Baum kam nicht wie früher vom ortsansässigen Förster, sondern wurde von einer Stadtgärtnerei geliefert (schöner war er deshalb allerdings nicht, nur teurer, dafür nadelte er schon am dritten Tag).

 

„Wieso kochst DU? Wir essen bei Maamaa!“ Susis Ehemann zog indigniert die Augenbrauen hoch. Woher sollte Susi wissen, dass die Köchin auch am Heiligen Abend „Dienst“ bei Maamaa hatte! „Und was hast du da an??“ Mißbilligend sah er Susis von ihrer Oma liebevoll gestrickten Weihnachtspulli mit dem gestickten Rentier drauf an. Zieh das kleine Schwarze an und das Collier, das du von Maaamaaa zur Hochzeit bekommen hast! Und hier, das ist dein Geschenk für Maamaa!“ Er gab ihr ein Päckchen mit dem Label einer teuren Luxusmarke.

 

Ziemlich verdattert stand Susi da, ihr Baum stand noch nackend im Wohnzimmer, die Gans war noch halb roh, aber ihr Ehegatte band bereits seine Fliege und nestelte an seinen Manschettenknöpfen. „Nun mach schon, Maamaa wartet nicht!“

 

 

Die Weihnachtsfeste bei „Maamaa“ liefen nach festen Regeln ab: zuerst Gruppenfoto vor dem Riesenbaum, Maamaa natürlich in der Mitte thronend, es folgte der Austausch der Geschenke, wobei dem Sohn zusätzlich diskret ein Umschlag überreicht wurde, als einmal alle abgelenkt waren, weil der edle Rassehund an den Baum pinkelte, warf Susi einen Blick in den Umschlag: 10.000,-DM, von denen sie allerdings keine müde Mark abbekam.

 

Susi, die ihr Leben lang Weihnachten heiß und innig geliebt hatte, begann mit den Jahren das Fest inklusive Ehemann mehr und mehr zu hassen, und sie litt, als sie bemerkte, dass auch ihre Kinder keine Freude an dem Fest hatten. Irgendwann zog Susi die Notbremse. Nicht nur wegen Weihnachten, aber gerade an diesen Tagen wurde es zu offensichtlich, Maamaa, hatte ihren Sohn nie losgelassen, sie köderte ihn mit Geld, viel Geld.

 

Und dann kam das erste Weihnachten nach Jahren ohne Ehemann und Maamaa. Den alten Pulli und die Sängerknabenkassette hatte Susi noch, der Baum war von einem Händler vor dem Supermarkt gekauft, aber zusammen mit den Kindern war es ein Heidenspaß ihn kunterbunt und so richtig schön kitschig zu schmücken, es gab keinen Truthahn, der kunstvoll zu tranchieren war, keine ganze Gans, ja nicht einmal eine Entenbrust, geschnitten, sondern nur Chicken Nuggets mit Ketchup, keinen Champagner, sondern Apfelsaftschorle, die Kinder waren glücklich, sie und Susi spielten das neue Gesellschaftsspiel, bis alle hundemüde waren.

 

Heute kommen die Kinder mit ihren Kindern zu Susi, weil Weihnachten dort so schön kitschig ist, Weihnachten ist toll!

 

Maamaa lebt heute im Seniorenstift, ihr Sohn ist zu beschäftigt, um seine wertvolle Zeit mit Sentimentalitäten zu belasten, er kommt am 24. 12 morgens kurz auf eine Stippvisite, und um seinen „Umschlag“ abzuholen.