Weihnachtsmann mit Verspätung


Nun war der Abend endlich wieder gekommen. Mutter lief noch draußen in ihrer Küchenschürze, zwischen Abwaschbecken und Backofen hin und her. Vater, Oma, Sylvio und Lydia standen schon verträumt vor dem Cristbaum. Wie herrlich diese Kugeln glitzerten. Jede einzellne warf ihre Farben in das satte Grün der Tanne. Lydia sah, wie sich viele ferne Länder in den Kugeln spiegelten. Ganz oben die gelbe Kugel, mit dem glitzernden Zuckerrand, ihre Freundin Olga stapfte durch die verschneite Taiga und hielt Lydia fest an ihren Händen fest. Lydia hatte große Angst vor den Bären, doch Olga lächelte nur und sprach von Mischka den Bären. Da hinten die Rote mit dem Rehkitz drauf, spiegelt sich da nicht Italien ? Italien wo ihr Lieblingssänger wohnte. Ihre Augen begannen erst zu strahlen, dann schaute sie ganz verträumt, immer tiefer in diese rote Kugel hinein. Gerade als sie glaubte die Kugel würde jetzt zerspringen, sirrte die Blaue ganz leicht in Geäst der Tanne. Achja die Blaue, schwammen da nicht Delphine um die Hawai- Inseln ?.....und da die Grüne.........und da die silberne....und da....
Lydia vergaß die Zeit und ging auf ihre große Weltreise.
Sylvio sein Gesicht war hoch rot und die Wangen so gespannt, das man meinen mußte, entweder verhungerte er gerade oder gleich würden die ersten Muskeln auf den Wangen reißen und das Blut würde ihm runter laufen. Er schaute ganz konzentriert in die Kerzenscheine. Dort hinten ein großer roter Löschzug......und da; da brannte ein Haus.....dahinten ruderte seine Schwester mit den Armen und rief nach ihm. Mutig sprang er durch die Flammen, warf seiner Schwester eine nasse Decke um und trug sie aus dem brennenden Haus.
Verstohlen blickte Oma zu ihren Enkeln. Ihr ran eine kleine, eine klitzekleine Träne die Wange hinunter. Sie liebte ihre Familie, wusste zu schätzen das alle die Oma mochten, aber der Opa, …..... ja der Opa, der weilte nun schon drei Jahre nicht mehr unterm Tannenbaum. Hoffentlich kann er ihn sehen, von da oben, er wird doch da oben eine neue Brille bekommen haben ? Sie ließ einen leisen Seufzer los, die Kinder wurden aus ihren Träumen gerissen und sah erschrocken zu Großmutter. Doch sie lächelte schon wieder.
Vom anderen Ende der Stube breitete sich gemächlich ein Vanillegeruch aus. Dort stand Vater. Er genoss seine Tabakpfeife, trotzdem wanderten seine Blicke immer hin und her, zu den Kindern, zur Oma und zur Stubentür. Wo seine Frau nur bleibt ? Er hatte sich doch extra beeilt. Gleich nach der Arbeit ist er unter der Dusche verschwunden, ohne den Inspiziergang durch Keller und Schuppen. Der Anzug passte , die Schuhe waren geputzt nur dieser verdammte Schlips schnürte ihm, wie jedes Jahr, den Hals zu. Da bewegte sich auf einmal die Klinke, die ganze Zeit hatte er darauf gewartet, doch als er jetzt das leise Klicken hörte, erschrak er. Doch was dort erschien, brachte alle zum staunen. Ein Engel, gerade von den Wolken auf die Erde gestiegen, erschien in einem langen schneeweißen Kleid, bestickt mit güldenen Sternen. Links und recht perlten sich schwarze Girlanden bis zum Boden. Die Haare waren zu einem Dutt gebunden, der von einem perlmutartigfarbigen Netz gestützt wurde. Verlegen schaute die Mutter zu Boden als alle sie anstarrten. Vater fand als erster die Sprache wieder, ein langes wwwwwwwwwwwwwwwwauuuuhhhhhhhhhh stahl sich aus seinem Mund. Lydia kam schlagartig von ihrer Weltreise zurück, Sylvio verbrannte sich fast die Finger und Oma fühlte sich wie so ein hochdekorierter Offizier mit 1000 Orden für die schönste Tochter des ganzen Universums. Alle hatten erst das große Kuchenblech das sie trug übersehen, aber als zu diesem himmlichen Geschöpf auch noch ein himmlicher Geruch von frischgebackenen Pfefferkuchen, Mandelhörnchen und Vanillekupferle wolkenartig sich auf die noch staunenden Gesichter legte und der süßliche herzliche Geruch die Augen von der Vormachtsstellung ablöste, da hielt der tosende Beifall keine Hand beim Klatschen ab.
Oma als die Älteste stand das Recht zu, der Jüngsten das erste Stück abzuschneiden. Das letzte Stück, und es blieb wirklich nur eines übrig, wurde für den Weihnachtsmann übrig gelassen.
Lydia schaute schon immer öfters zur Tür. Wie würde wohl Sylvio diesmal reagieren, so einen älteren Bruder hat bestimmt niemand, der sich noch vor dem Weihnachtsmann versteckt. Doch die Zeit verging, Gedichte wurden zum x-ten mal aufgesagt, Omas Weihnachtliederbuch von vorne bis hinten durchgesungen und Papa schaute schon verdutzt in seine fast leere Tabakdose. Als Mutter noch mit Vater anfing zu tuscheln, ahnten beide Kinder nix Gutes, nur Oma schaute mit Gottvertrauen in die Stube.
Plötzlich gab es ein lautes Poltern. Im Nu verklangen alle Reime und Lieder, es wurde mucksmäuschen still. Vater nickte Mutter zu, Mutter nickte Oma zu, Oma nickte Lydia zu und Lydia nickte........, nanu wo war Sylvio ? Alls alle Augen schmunzelnd alle bekannten Verstecke absuchten, erklang ein markerschütterndes Heulen.
…...........................................Was war das ? Als erster besann sich Vater wieder, lauschte dem Heulen und begab sich schleichend in die Richtung des Heulens. Er schob vorsichtig die Gardine vom Fenster weg und begann plötzlich laut zu lachen. Dort draußen saß Bello, Nachbars Hund auf einem Misthaufen und versuchte zu krähen, oder war es doch eher ein Heulen. Nachbars waren über die Festtage verreist und die Enkelin hatte vor Aufregung vergessen Bello zu ihrem Opa mitzunehmen. Vater pfiff zweimal und Bello wäre beinahe durch das noch halb geschlossene Fenster gesprungen.
Nachdem er alle mit einem freundlichen Schlabbern begrüßt hatte, zerrte Bello wie wild an dem schönen Weihnachtstischtuch, bis er unter den Tisch krauchen konnte. Wieder so markerschütterner Schrei, doch alle erkannten diesmal sofort, das ist Sylvio. Die Stube war danach voller Gelächter, nur Sylvio schaute verdutzt rein, und alle verstanden seine stumme Frage, ist der Weihnachtsmann noch garnicht da ? Vater schlug vor, daß er schnell mal bei den Krügers vorbei schauen würde, ob er da schon war. Mutter hielt es auch nicht aus und meldete sich nocheinmal ins Bad ab. Oma nahm die Kinder in den Arm und erzählte ihnen die Geschichte von der Weihnachtsente “Hanne”:

Hanne lief zwei Tage vor Weihnachten völlig nackt im Stall herum. Ihr war bitterkalt, denn Kinder hatten sich ein Spass gemacht und ihr fast alle Federn raus gerissen. Wäre da nicht der Fuchs gewesen, an dessen Fell sie sich wärmen konnte, wäre sie erfroren. Eigentlich war ja Meister Reinike unterwegs um sich einen Weihnachtsbraten zubesorgen, aber als er die arme Ente sah, wie sie ohne Federkleid zitterte, verging ihm der Spass am Jagen und er bot ihr, seine Hilfe an. Von dieser Geschichte erfuhr der Weihnachtsmann noch rechtzeitig und die Geschenke für die bösen Kinder verteilte er dann im Weisenhaus. Dem Fuchs legte er 2 Kilo Mett vom Fleischer, an seinem Bau.

Lydia und Sylvio schauten verärgert in Richtung Fenster, nein sowas würden sie nie tuen. Doch, war da nicht was......aber nein das konnte ganz bestimmt nicht der Weihnachtsmann erfahren haben.......oder ? Sylvio ruschte es als erstes raus, “Oma wir haben vom Marzipan, das am Weihnachtbaum hängt heimlich genascht.” Oma lachte. “Kinder das haben wir früher auch immer gemacht, nur das süsse Marzipan gabs noch nicht.” Wegen Naschereien bestraft doch der Weihnachtsmann keine Kinder. Zeigt mir mal wo es fehlt. Lydia und Sylvio gingen um den Baum, nanu da hing es ja wieder. Oma lachte schelmisch in sich hinein. Die Kinder umarmten ihre beste, nein die beste Oma auf der ganzen Welt, und drückten Sie ganz fest an sich ran. “ Kinder nur wenn man die vergißt, die am heiligen Abend niemanden haben, der sie tröstet, der ihnen Halt gibt, wenn man die Kranken und Armen vergißt, wenn man Tiere quält oder die Eltern ärgert, dann kann es passieren das der Weihnachtmann das Kommen vergißt. Als die Kinder ganz versunken in ihren Gedanken da hockten, verabschiedete sich Oma erstmal in die Küche.
Auch wenn Oma sie getröstet hatte und den Schaden heimlich reparierte, schworen sich die beiden Kinder nie wieder heimlich zu naschen. Irgentetwas mußten sie tuen, vielleicht hat der Weihnachtsmann doch was gemerkt, sonst wäre er doch schon längst da. Klar sie mußten das Verbrechen an der Weihnachtsente “Hanne” wieder gut machen. Wie vom Blitz getroffen, hatten beide die selbe Idee. Sylvio blies die Kerzen am Weihnachtsbaum aus. Lydia schmückte alle zerbrechlichen Kugeln ab und löste den Baum aus dem Ständer. Inzwischen war Sylvio schon mit einem Satz aus dem Fenster gesprungen und wartete darauf das Lydia den Weihnachtsbaum raus reichte. Mit Hausschuhen, dünn bekleidet, aber mit einem Baum voller Leckereien liefen sie Richtung Wald, der gleich hinter dem Garten begann. Den Baum stellten sie dann auf eine Lichtung und riefen all die Tiere die dort leben, herran. Aber weder ein scheues Reh, noch Reinike oder ein Hase ließen sich blicken. Die Kinder wurden schon ganz traurig, als Kufen durch den harschen Schnee knirschten. Erschrocken blickten sie auf, da stand..........da stand der Weihnachtsmann, selbst Lydia wurde es unheimlich. Der Weihnachtsmann sah diesmal so anders aus, der Schweiß lief ihm übers Gesicht, seine grauen Haare waren zerwühlt und der Mantel weit offen. Doch als dieser auch die Kinder erblickte, sahen sie in freundliche Augen, die sich aber sofort in Sorgenvolle verwandelten. “Kinder was macht ihr hier im Wald ?” Die beiden zeigten auf den Weihnachtsbaum, “für Hanne und die anderen Tiere”. Der Weihnachtsmann schüttelte den kKopf, und sprach: “Kinder eine so herrlich geschmückte Tanne gehört in die Stube, nehmt mein Heu vom Schlitten und legt es dort in die Futterkrippe, zieht aber erstmal diese dicken Pullover an”, die er aus seinem Sack kramte. “Das Heu war für mein Ponny gedacht, aber das ist leider auf den letzten Kilometern erkrankt. Ich werde mal mit Sylvio und Lydia reden, das sind auch ganz liebe Kinder, die werden euren Eltern Bescheid sagen, das ihr mit dem Weihnachtsmann kommt.”
Die Kinder fingen an zu lachen, “Weihnachtmann das sind wir doch”.
Zu dritt spannten sie sich dann vor dem Schlitten, bis zu dem Haus, wo man laut und schon ganz verzweifelt die Namen Lydia und Sylvio rief. War das eine Aufregung, die Kinder weg und mit ihnen auch noch die Tanne weg.
Allen verschlug es die Sprache als sie das merkwürdige Gespann entdeckten. Mutter vergaß das Schimpfen, Vater ging der letzte Zug seiner Tabakspfeife verloren und Oma flossen die Tränen.
Als alle wieder beisammen waren gab es ein Herzen und Lachen und gemeinsam mit dem Weihnachtsmann gingen sie in die Stube, in der Bello gerade das letzte Lebkuchenstück verzehrte.

Von der Kirche läutete es zwanzig mal und Bello wünschte mit einem zufriedenen Jauchzer allen eine fröhliche Weihnacht.