Weihnachtsgrüße
Für alle Platiner hier an Bord
Ich wünsche hiermit allen Mitgliedern hier bei Platin, ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest, und alles Gute für das kommende Jahr 2009.
Eure Jutta
Weihnachtsfahrt
Tramführer Hans Wagner hatte sich für den Dienst am Heiligen Abend eingeschrieben. Charlotte hatte ihn zwar mit Vorwürfen bombardiert: »Natürlich – ICH füttere die Sippe durch und DU drückst dich …« Nun war’s bereits dunkel. Wagner hockte in seinem Führerstand. Er überlegte, weshalb die Menschen am Heiligen Abend zur Familie drängten, wenn sie doch nur Streit anzettelten. Ilse, seine Schwägerin, hatte bei ihrer Ankunft sofort ein paar giftige Bemerkungen über Trämlerlöhne abgefeuert und mit ihrer Kreuzfahrt in der Karibik angegeben – und seine Schwiegermutter hatte ihn angeknurrt: »DIE können es sich eben leisten…«
Er hätte Charlotte auch gerne eine Kreuzfahrt gegönnt. Mit drei Kindern war sie punkto Stress mehr als bedient. Doch Lohnklasse 16 reichte gerade noch für den Dampfkochtopf, den sie sich gewünscht hatte. Wagner äugte in den Rückspiegel. Nach einem letzten Ansturm um fünf Uhr abends war die Stadt nun wie ausgestorben. In den Außenquartieren funkelten die ersten Bäume hinter den Fenstern – das Tram war beinahe leer. Nur der alte Mann mit dem Pelzkragen drehte bereits die dritte Runde auf dem hintersten Sitz.
Max Gut schaute immer wieder auf das kleine Mobiltelefon, das er sich vor einem halben Jahr zugelegt hatte. Beiden Söhnen hatte er seine Nummer durchgegeben. Aber außer dem einen Mal, als einer seine Unterschrift für den Verkauf eines Grundstücks brauchte, hatte es nie gedudelt. Bei dieser Gelegenheit hatte Patrick auch gleich erklärt, er sei an Weihnachten beim Skifahren. Und sein Bruder komme mit ihm. Das Tram ratterte bei der Endstation in die Schlaufe. Max Gut blieb sitzen – da stand der Wagenführer neben ihm: »Frohe Weihnachten! Sie sind wohl alleine?« Hans Wagner waren solche Dauerfahrgäste nichts Ungewohntes – meistens einsame Menschen. Er setzte sich auf die Zweierbank zu seinem Fahrgast. Schraubte die Thermosflasche mit dem Kaffee auf. Und reichte Gut ein Stück Weihnachtsstollen: »Von meiner Frau – die macht den Besten.«
»Es ist nicht gut, alleine zu sein«, flüsterte Gut, »besonders in dieser Nacht…« »Sie können Familie haben und sind dennoch alleine«, gab Wagner zurück. Er erzählte von den Spannungen im Hause. »Ich möchte mit meiner Frau einmal verreisen. Nur wir zwei. Mit drei Kindern ist das kaum möglich. Ich mache mitunter Überstunden, nehme einem Kollegen den Dienst ab – wie heute Abend. So kommen wir über die Runden.« Er lächelte bitter: »Aber für Extras reicht es nicht. Und es schmerzt. Ich möchte meiner Frau auch einmal etwas Besonderes gönnen; ihr zeigen, wie wichtig sie mir ist.« Max Gut schaute den Wagenführer lächelnd an: »Sie hat das größte Geschenk – jemand, der sie aufrichtig liebt.«
Um ein Uhr morgens war der Dienst und die letzte Tour zu Ende. Gut verabschiedete sich vom Tramführer. Und steckte ihm ein Couvert zu. Sie duzten sich nun. Wagner drückte dem alten Mann die Hand: »Natürlich kommst du morgen zum Nachtessen. Es gibt Resten. Lotti ist punkto Restenverwertung eine Zauberin!«
Als Wagner heimkam, räumte seine Frau die Stube auf. »Wie war’s?« fragte er und warf seinen Trämlerhut an die Garderobe. »Wie immer«, antwortete die Frau. »Ilse hat mir eine Reisetasche geschenkt. Was soll ich mit einer Reisetasche?« Sie stellte die letzten Gläser aufs Tablett und wollte sie in die Küche tragen. Wagner nahm ihr das Tablett aus den Händen. »Für einmal hatte Ilse eine super Idee. Wir könnten doch verreisen?« Charlotte lachte etwas bitter auf. »Und womit?« Er drückte sie an sich. »Das ist eine kleine Überraschung; sagen wir mal: der Inhalt zum Dampfkochtopf.« Fassungslos schaute sie auf den Inhalt eines Briefcouverts mit drei violetten Geldscheinen: »Aber Hans, das ist ja… Woher hast du die?« Hans Wagner streichelte das Haar seiner Frau: »Manchmal finden Weihnachtswunder eben statt; ob du’s glaubst oder nicht, das Christkind saß heute im Sechsertram…«
Als Max Gut nach Hause kam, fühlte er sich zufrieden, ja fast ein bisschen glücklich. Es war schön, anderen Menschen eine Freude bereiten zu können. Eigentlich war das ja der Sinn von Weihnachten. Schon vor der Tür hörte er das Telefon klingeln. Hastig sperrte er auf. »Wo bist du gewesen? Wir haben schon hundert Mal angerufen. Wir haben uns um dich gesorgt!« Es waren seine beiden Söhne, die da aufgeregt in den Hörer riefen. » Auf dem Handy haben wir’s auch probiert… « Max Gut spürte einen Kloß im Hals. Er nahm das Handy aus dem Mantelsack. Es war abgestellt. »Ich saß im Tram…«, sagte er leise. »IM TRAM!? Und du hast uns nicht einmal auf unsere Überraschung geantwortet…«, tönte es vorwurfsvoll durchs Telefon. »Hast du den Expressbrief nicht bekommen?« Expressbrief? Max Gut hatte den roten Zettel am Briefkasten ignoriert. Er dachte an eine Verwechslung. Wer hätte ihm schon einen Expressbrief schreiben sollen? »Dort ist das Bahnticket drin. Wir holen dich morgen in Davos ab und… Papa, was ist los…?!« Max Gut wischte sich die Tränen ab: »Ist schon gut; aber ihr sollt euren Skiurlaub genießen. Ich komme gerne und ich nehme ein befreundetes Ehepaar mit – der Mann ist so quasi das Christkind im Sechsertram…«
Hanspeter Hammel alias -minu, (*1947
Eure Jutta
Weihnachtsfahrt
Tramführer Hans Wagner hatte sich für den Dienst am Heiligen Abend eingeschrieben. Charlotte hatte ihn zwar mit Vorwürfen bombardiert: »Natürlich – ICH füttere die Sippe durch und DU drückst dich …« Nun war’s bereits dunkel. Wagner hockte in seinem Führerstand. Er überlegte, weshalb die Menschen am Heiligen Abend zur Familie drängten, wenn sie doch nur Streit anzettelten. Ilse, seine Schwägerin, hatte bei ihrer Ankunft sofort ein paar giftige Bemerkungen über Trämlerlöhne abgefeuert und mit ihrer Kreuzfahrt in der Karibik angegeben – und seine Schwiegermutter hatte ihn angeknurrt: »DIE können es sich eben leisten…«
Er hätte Charlotte auch gerne eine Kreuzfahrt gegönnt. Mit drei Kindern war sie punkto Stress mehr als bedient. Doch Lohnklasse 16 reichte gerade noch für den Dampfkochtopf, den sie sich gewünscht hatte. Wagner äugte in den Rückspiegel. Nach einem letzten Ansturm um fünf Uhr abends war die Stadt nun wie ausgestorben. In den Außenquartieren funkelten die ersten Bäume hinter den Fenstern – das Tram war beinahe leer. Nur der alte Mann mit dem Pelzkragen drehte bereits die dritte Runde auf dem hintersten Sitz.
Max Gut schaute immer wieder auf das kleine Mobiltelefon, das er sich vor einem halben Jahr zugelegt hatte. Beiden Söhnen hatte er seine Nummer durchgegeben. Aber außer dem einen Mal, als einer seine Unterschrift für den Verkauf eines Grundstücks brauchte, hatte es nie gedudelt. Bei dieser Gelegenheit hatte Patrick auch gleich erklärt, er sei an Weihnachten beim Skifahren. Und sein Bruder komme mit ihm. Das Tram ratterte bei der Endstation in die Schlaufe. Max Gut blieb sitzen – da stand der Wagenführer neben ihm: »Frohe Weihnachten! Sie sind wohl alleine?« Hans Wagner waren solche Dauerfahrgäste nichts Ungewohntes – meistens einsame Menschen. Er setzte sich auf die Zweierbank zu seinem Fahrgast. Schraubte die Thermosflasche mit dem Kaffee auf. Und reichte Gut ein Stück Weihnachtsstollen: »Von meiner Frau – die macht den Besten.«
»Es ist nicht gut, alleine zu sein«, flüsterte Gut, »besonders in dieser Nacht…« »Sie können Familie haben und sind dennoch alleine«, gab Wagner zurück. Er erzählte von den Spannungen im Hause. »Ich möchte mit meiner Frau einmal verreisen. Nur wir zwei. Mit drei Kindern ist das kaum möglich. Ich mache mitunter Überstunden, nehme einem Kollegen den Dienst ab – wie heute Abend. So kommen wir über die Runden.« Er lächelte bitter: »Aber für Extras reicht es nicht. Und es schmerzt. Ich möchte meiner Frau auch einmal etwas Besonderes gönnen; ihr zeigen, wie wichtig sie mir ist.« Max Gut schaute den Wagenführer lächelnd an: »Sie hat das größte Geschenk – jemand, der sie aufrichtig liebt.«
Um ein Uhr morgens war der Dienst und die letzte Tour zu Ende. Gut verabschiedete sich vom Tramführer. Und steckte ihm ein Couvert zu. Sie duzten sich nun. Wagner drückte dem alten Mann die Hand: »Natürlich kommst du morgen zum Nachtessen. Es gibt Resten. Lotti ist punkto Restenverwertung eine Zauberin!«
Als Wagner heimkam, räumte seine Frau die Stube auf. »Wie war’s?« fragte er und warf seinen Trämlerhut an die Garderobe. »Wie immer«, antwortete die Frau. »Ilse hat mir eine Reisetasche geschenkt. Was soll ich mit einer Reisetasche?« Sie stellte die letzten Gläser aufs Tablett und wollte sie in die Küche tragen. Wagner nahm ihr das Tablett aus den Händen. »Für einmal hatte Ilse eine super Idee. Wir könnten doch verreisen?« Charlotte lachte etwas bitter auf. »Und womit?« Er drückte sie an sich. »Das ist eine kleine Überraschung; sagen wir mal: der Inhalt zum Dampfkochtopf.« Fassungslos schaute sie auf den Inhalt eines Briefcouverts mit drei violetten Geldscheinen: »Aber Hans, das ist ja… Woher hast du die?« Hans Wagner streichelte das Haar seiner Frau: »Manchmal finden Weihnachtswunder eben statt; ob du’s glaubst oder nicht, das Christkind saß heute im Sechsertram…«
Als Max Gut nach Hause kam, fühlte er sich zufrieden, ja fast ein bisschen glücklich. Es war schön, anderen Menschen eine Freude bereiten zu können. Eigentlich war das ja der Sinn von Weihnachten. Schon vor der Tür hörte er das Telefon klingeln. Hastig sperrte er auf. »Wo bist du gewesen? Wir haben schon hundert Mal angerufen. Wir haben uns um dich gesorgt!« Es waren seine beiden Söhne, die da aufgeregt in den Hörer riefen. » Auf dem Handy haben wir’s auch probiert… « Max Gut spürte einen Kloß im Hals. Er nahm das Handy aus dem Mantelsack. Es war abgestellt. »Ich saß im Tram…«, sagte er leise. »IM TRAM!? Und du hast uns nicht einmal auf unsere Überraschung geantwortet…«, tönte es vorwurfsvoll durchs Telefon. »Hast du den Expressbrief nicht bekommen?« Expressbrief? Max Gut hatte den roten Zettel am Briefkasten ignoriert. Er dachte an eine Verwechslung. Wer hätte ihm schon einen Expressbrief schreiben sollen? »Dort ist das Bahnticket drin. Wir holen dich morgen in Davos ab und… Papa, was ist los…?!« Max Gut wischte sich die Tränen ab: »Ist schon gut; aber ihr sollt euren Skiurlaub genießen. Ich komme gerne und ich nehme ein befreundetes Ehepaar mit – der Mann ist so quasi das Christkind im Sechsertram…«
Hanspeter Hammel alias -minu, (*1947
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