Wieder einer dieser Nächte, die ihn nicht schlafen ließen. Mondhell und sternenklar. Unruhig wälzte er sich im Bett. Die Sprungfedern der dreigeteilten Matratze gaben knarrende Geräusche von sich und das Laken rutschte ihm zwischen die Füße. Fast in Zeitlupentempo setzte er sich auf die Bettkante. Er hielt es nicht mehr aus. Es zog ihn hinaus ...

Folgte diesem Ruf, so wie er zu Bett gegangen war. Im blauweiß gestreiften Baumwollpyjama und mit bloßen Füßen. Seine Bewegungen wirkten hölzern. Sein Blick starr. Gleich einer Marionette. Er verließ sein Zimmer im dritten Stock des alten Kaufmannshauses. Nur noch einige Stufen, es waren genau sechzehn, und ein Treppenabsatz. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Vor ihm lag der Speicher. Die Bohlentür knarrte in den Angeln, als er sie öffnete. Er musste sie unbedingt ölen, damit er nachts nicht alle Bewohner weckte. Dann stand er vor dem Dachfenster, durch das die Sterne funkelten. Es zog ihn hinaus ...

Er öffnete die Luke so weit wie möglich, zog sich geschickt am Fensterrahmen hoch und zwängte sich hinaus aufs Dach. Er war ein geübter Kletterer, und dies war sein Zuhause. Seine Bewegungen hatten sich verändert. Sie glichen einem Seiltänzer. Leicht und graziös. Er balancierte über den Dachfirst und ließ sich vor dem Kamin nieder. Lehnte sich gegen das warme Mauerwerk und schaute in den Nachthimmel.
Sein Gesicht leuchtete wie der Vollmond und seine Augen strahlten sternengleich. Dies war seine Heimat. Hier kannte er sich aus. Jedes Sternbild war ihm vertraut. Er war ihnen nah, den unendlich vielen Wundern Gottes. Fühlte sich unter ihrem Schutz geborgen wie in Abrahams Schoß. Sie verstanden ihn ohne Worte. Seine Sehnsüchte und Träume, über die er mit niemandem sprechen konnte. Deshalb zog es ihn hinaus ...

Hier war es ruhig. Nur ein fernes Geräusch oder Hundegebell durchbrach hin und wieder die Stille der Nacht. Er genoss diesen Frieden mit all seinen Sinnen. Sog die frische Nachtluft in seine Lungen und schloss die Augen. Legte seine Arme um die Knie und schaukelte sich in seine Welt. Dort war es friedlich und warm. Ein glückliches Lächeln verklärte sein Gesicht. Entspannt glitt er in den Schlaf. Sie würden ihn in Ruhe lassen. Keiner traute sich zu ihm hinauf. Hier war er frei ...

Er erwachte im frühen Morgenlicht. Am Horizont übernahm die Sonne das Regiment und die Sterne wurden unsichtbar. Es war an der Zeit, das Tagewerk zu beginnen. Sein strahlendes Gesicht der Nacht verwandelte sich konträr zum Morgenhimmel. Er musste hinunter zu seiner Familie. Sie sorgten sich um ihn, er jedoch konnte ihre bohrenden Fragen nicht beantworten. Er verstand sie nicht, oder sie ihn nicht. So ging es ihm überall. Bereits früher in der Schule. Sie hänselten und lachten über ihn. Seine Welt blieb ihnen verschlossen und ihre ihm. Er war lieber allein. Wartete sehnsüchtig auf die Nächte. Da zog es ihn hinaus ...

Er trat mit schleppenden, aber sicheren Schritten, den Rückweg an. Bewegte sich auf dem hohen Dach mit schlafwandlerischer Sicherheit. Heute Abend würde er wieder kommen und Sterne zählen. Stieg durch die Luke und verließ den Dachboden.
Schloss das Dachfenster und die Speichertüre. Setzte Fuß vor Fuß und fürchtete jede der sechzehn Treppenstufen hinunter ...

Sie führten hinunter zu einem Leben, das ihn oftmals in Panik versetzte. Da gab es diese Gestalten. In langen Mänteln. Mit lauten Stimmen. Die ihn einen Irren nannten, nur weil er anders war. Gnadenlose Uniformträger, die ihn immer wieder zuhause weg holten. Fratzen, die stunden-, oft tagelang Fragen stellten, auf die er keine Antwort wusste. Sie untersuchten ihn. Er wurde vermessen wie ein Möbelstück. Sie ließen ihn hungern und frieren. Hielten ihn wach. Folter an Leib und Seele. Er hatte für sie keine Tränen und keine Gefühle ...

Nur seine Familie schien ihn zu begreifen. Bezeichneten sein Verhalten als schwermütig. Sie versuchten, seine Mauern zu durchdringen. Es gelang sehr selten, und wenn, dann seiner kleinen Schwester. Sie zauberte hin und wieder einen Hauch von Lächeln in sein Gesicht. War sein leuchtender Stern an rabenschwarzen Tagen, wenn sie ihn holen kamen, weil ihn jemand auf dem Dach gesehen hatte ...

Als sie ihn das nächste Mal holten, war es das letzte Mal.

Er kam nicht zurück ...

weil er anders war





Wer mag, schaut hier mal rein:

http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/rassenpolitik/index.html



Bildquelle Pixelio, Fotograf Kevin Krüger