Ich mag Spaziergänge wenn der Himmel tropft, aber ganz allein und nur mit mir selbst.
Wenn ganz weit weg durch die Wolken ein paar Sonnenstrahlen auf einen versteckten Platz hinter dem hohen Wald scheinen.
Manchmal denke ich, vielleicht hat es aufgehört zu regnen. Aber immer wieder und wieder überzeugen mich ein paar große Tropfen, daß alles noch in Ordnung ist und der Himmel mich noch nicht vergessen hat.
Ich mag Spaziergänge wenn der Himmel tropft, aber ganz allein und nur mit mir selbst.
Wenn die kleinen Vögel nach dem warmen Regen zur Jagd auf die Wiese fliegen und voller Energie hin und her hüpfen bis sie schließlich zufrieden und dankbar zu ihrem Himmel zurückkehren.
Ich habe Sehnsucht, warum kann ich nicht auch fliegen?

Ich frage mich selbst, der ich wie ein vollkommen Fremder, den ich nie zuvor gesehen habe, neben mir laufe, " Hi Fremder, weißt du warum ich nicht auch wie diese Vögel fliegen kann?" Er schaut mich von unten bis oben an, schaut mir in die Augen und meint:" Weißt du das wirklich nicht selbst? Oder versuchst du dich selbst zu betrügen? Deine Flügel sind schon vor langer Zeit gebrochen. Dein Selbstvertrauen ist schon lange verlorengegangen.

Siehst du mich? Wenn ja, mußt du auch verstehen, dass du wirklich neben dir stehst. Das ist der Grund warum dir einsame Spaziergänge bei diesem Wetter gefehlt haben, weil du Angst hast in der Öffentlichkeit zu erscheinen.
Weißt du eigentlich überhaupt noch, wann du das letzte Mal gelacht hast?"

Vom inneren eines noch nicht ganz fertigen Hauses dringt die lachende Stimme eines hinter den Fenstern laufenden Kindes an mein Ohr. Ich bleibe für einen kurzen Moment stehen und wünsche mir auch noch einmal Kind zu sein und auch noch einmal so unbeschwert lachen zu können.
Plötzlich stellt sich der Fremde voller Freude vor mich hin, legt seine Hand auf meine Schulter und sagt:" Ja, das ist dein Weg, aber um wiedergeboren zu werden mußt du zuerst deine Haut verlassen können. Dann wirst du sehen, mit deinen vielen Begabungen wird das Wiedergeboren werden dir ganz leicht fallen." " Aber wie? Wo soll ich anfangen?"

"Ja, das ist deine Angst. Deine Zweifel. Aber vergiss nicht, vor ein paar Monaten lagst du mit einem schweren Schlaganfall und dem halben Körper gelähmt im Krankenhaus. Die Ärzte hatten kaum Hoffnungen für dich. Vergiss auch nicht den ersten Tag nach dem letzten Weihnachten, an dem du vollkommen gesund, als wenn nie etwas geschehen wäre, von deinem Bett aufgestanden bist. Und was dein Hausarzt dazu meinte, er fand es sei ein medizinisch nicht erklärbares Wunder. Eine Unmöglichkeit die möglich geworden wäre. Aber du hast dich versteckt und nicht zugelassen, dass die Natur mit dir etwas neues anfängt, wie immer. Weißt du was ich meine? Bis hierher hat dir das Leben viele Vorteile für deine Selbstdarstellung gegeben, aber du hast dich jedesmal selbst von der Öffentlichkeit zurückgezogen und so getan als sei alles normal gewesen. Du hast zahlreiche Gemälde, die nur du selbst siehst. Einen großen ins deutsche übersetzten Roman (Ende des Weges) den ein unabhängiges Gutachten als voraussichtlichen Bestseller anpreist. Viele Kurzgeschichten und phantastische Kindergeschichten, die nur du und deine Kinder gelesen haben. Musik die du selbst entworfen, getextet und gesungen hast. Du darfst auch nicht vergessen, dass es nicht viele Menschen gibt die so viele Begabungen haben wie du."

"Ja gut, aber wo muß ich anfangen?" Frage ich mich selbst, der ich immer noch neben mir stehe und in den Himmel schaue. Es hat aufgehört zu Regnen und der Himmel hellt sich auf.

"Warum fängst du nicht gleich hier an und erzählst allen was dich so weit in dich selbst vergraben hat?

Sag allen was dir widerfahren ist. Komm heraus und zerbreche endlich deine Angst. Zeig was du in den sieben Jahren deines zweiten Exils getan hast und laß die Menschen selbst entscheiden."

"Und wenn es dann immer noch nicht klappt?"frage ich mich selbst.

Ein paar Sekunden schaut er ganz tief und nachdenklich zum rot gefärbten Horizont. Bleibt stehen und sagt ganz leise:" Wenn es dann immer noch nicht klappt kannst du diesmal wirklich deine Haut verlassen und wir fliegen zusammen ganz weit fort und lassen die brennende Sonne auf uns scheinen. Wer weiß, vielleicht wirst du eines Tages wirklich wiedergeboren, in einer ganz neuen Welt, in der alles Lachen und Weinen erwünscht ist."

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Nader Azin 10 April 1999
Wenn der Himmel weint