Sie steht an das Geländer der Brücke gelehnt. Ihre Augen sehen in das Wasser. Gondeln hinterlassen kleine schaumartige Wellen … Ihr Blick ist leer. Nach fünfundzwanzig Jahren steht sie wieder an derselben Stelle. Sie hält die Rose fest umschlossen, und die dahin gleitenden Gondeln verschwimmen vor ihren Augen …
„Wenn ich zurück bin, dann heiraten wir endlich“, flüsterte er ihr lächelnd ins Ohr. Sie standen auf dem Flughafen und sein Flug Richtung Südafrika ging in einer halben Stunde. Es wurde Zeit sich zu verabschieden. Wie sehr hasste sie Abschiede und diesen besonders, denn er würde sie für vier Wochen trennen. Das war das erste Mal, dass sie so lange getrennt sein würden.
Seine Freunde drängelten. „Wir müssen …“ Er schaute sie an. „Nun komm, unsere Zeit bleibt jetzt nicht stehen“, sagte er lächelnd, „wir werden noch so viele Horizonte erklimmen.“ Sie wollte sich nicht wirklich lösen und wusste doch, nun war es Zeit … Dieser letzte Kuss, er schmeckte so nach Sehnsucht, nach Abschied und ich bin bald wieder bei dir, so nach, ich kann mich jetzt auch nicht wirklich lösen … Und dann entschwand er mit seinen Freunden im Gate. Es war seine Art Junggesellenabschied zu feiern. Einmal mit seinen Freunden an die Südafrikanische Küste, dort wo jene Wellen so haushoch über acht meisterschaftliche Schwimmer einbrechen werden, dort wo diese acht Freunde noch einmal ein ausgelassenes Dasein leben werden.
Sie sah, wie er sich noch einmal ihr zu drehte, und ihr eine Kusshand zuwarf … Dann war er entschwunden …
Er, ihre einstige große Liebe, die sechs Jahre ihres gemeinsamen jugendlichen Daseins ausgelassen lebte. Er, ihr erster Mann; er, der nie einen Zweifel an seiner Liebe zu ihr aufkommen ließ …
Ihre erste Begegnung war in einer Diskothek. Im schummrigen Licht begegneten sich auf der Tanzfläche zwei Augenpaare, und konnten sich von diesem tiefen Blick nicht mehr lösen. Kamen sich in die Augen blickend näher und näher … und lösten diesen Blick lächelnd … Seine ersten zwei Worte waren: „Hallo Lady“, seine erste Geste war der Griff nach ihrer Hand, seine erste spontane Handlung war das Streichen durch ihre langen Haare. Der erste Kuss war von jener so übermächtigen Leidenschaft, dass sie glaubte, darin ertrinken zu müssen. Ihre erste Nacht war eine der gefühlsvollsten Momente, die sie je erlebte.
Sie gingen oft getrennte Wege und fanden sich immer wieder leidenschaftlich. Es gab keinen Tag, egal wo sich jeder von beiden befand, an dem sie nicht mit einander in Kontakt standen. Bis dieser Tag auf jener Brücke kam, auf welcher sie nun steht, nach fünfundzwanzig Jahren...
Sie sahen beide gemeinsam hinunter und beobachteten die Gondeln. „Habe ich einen Wunsch frei?“ fragte er sie damals schelmisch. „Weißt du doch, du hast jeden Wunsch frei …“ war ihre lachende Antwort. „Dann wünsche ich mir … dich hier zu heiraten …“
Sie steht auf dieser Brücke, hält immer noch die rote Rose fest umschlossen in ihren Händen und hört seine Stimme, seine Worte und sieht seine Fröhlichkeit. Wie er in seine Jeanshosentasche griff, diese ausgewaschene, ausgefranste Jeans … Sie sieht seine gebräunte Hand, wie sie kurz nach etwas suchte und umständlich jene zwei Ringe hervor zauberte, die sie noch heute in einer Schachtel aufbewahrt. Sie sieht, wie er plötzlich vor ihr niederkniete, während er mit der freien Hand eine Art Wink gab. Sie hört seine Freunde, wie sie mit Gitarre und Saxophon auf sie zukamen, und sie hört seine Worte: „ Möchtest du meine Frau werden …“
Sie sieht sich selbst in diesen leeren Augen, die auf das Wasser starren. Sie sieht, sich selbst zusammen brechen, als nach tagelangem Stillschweigen die Nachricht kam, dass er im indischen Ozean ertrunken sei … Sie fühlt es noch einmal, wie langes, banges Warten auf die Nachricht, dass man ihn tot am Strand geborgen hatte, sie fast um den Verstand brachte.
Sie sieht seinen Sarg … wie er von der Überführung in die kleine Kirche gefahren wurde; diese kleine Kirche, hoch auf einem Hügel stehend, eingebettet in jener malerisch ländlichen Umgebung, die für jeden Maler ein zauberhaftes Motiv wäre. Ein Sommertag, wie man sich ihn nur erträumen konnte, geschaffen für eine Hochzeit … Sie sieht, wie sein Sarg in dieser kleinen Kirche aufgebahrt wurde. Sie sieht dieses Blumenmeer, hört seine Freunde zum Abschied spielen, hört die Laudatio, sieht diese Sonnenstrahlen, die seinen Sarg von beiden Seiten erfassten und ihn bestrahlten … und sie fühlt, wie sie damals am liebsten diesen Sarg aufgerissen hätte, um ihn, ihre einstig große Liebe noch einmal zu sehen …
Sie sieht, wie der Sarg in das Grab niedergelassen wurde … Sie fühlt wieder, wie sich ihre Kehle damals zuschnürte, als sie sich zum letzten Mal von ihm verabschieden konnte … Jener Moment, der so endgültig war und mit dieser roten Rose, die sie damals in ihren Händen trug besiegelt wurde, als sie diese in das Grab auf seinen Sarg fallen ließ … Nun war der endgültige Abschied da, sie musste sich abwenden, sie musste zur Seite treten, dabei wäre sie am liebsten in diesem Moment mit dieser roten Rose selbst in dieses Grab gefallen … Ein zerspringendes Herz, was lieber lebendig begraben werden wollte, als weiter zu leben …
Fünfundzwanzig Jahre später fühlt sie nicht diese sich eingrabenden Dornen, der sich in ihren Händen befindlichen Rose. Eine Rose, die so voller Blutrot ist, sich ganz und gar in ihrer Pracht zeigt … Sie fühlt das Blut nicht, was an ihren Fingern herunter rinnt, als sie die Rose dem Wasser entgegen fallen lässt …
(An diesem heutigen Tag vor fünfundzwanzig Jahren wurde er offiziell für tot erklärt …)
Sarah
