„Mama, meine Freundin ist schuld!“ schluchzt meine Tochter.

 

Wer kennt nicht diesen Satz? Doch wissen Mütter um ihre Kinder. Wo Anklage ist, ist auch Schuld. Wir selbst, als multifunktionales Talent einer arbeitenden, haushaltsführenden und liebenden, wie alles umsorgenden (den Mann mit einbegriffen) modernen Frau und Mutter wissen um das Sprichwort unserer eigenen Mütter: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich … Und dementsprechend missen wir solchen sich immer und immer wiederholenden Anklagen nicht so viel bei, denn spätestens in einer Stunde ist die schuldbeladene Freundin wieder die beste Freundin … Erfahrung spricht da ja für sich …

 

Hellhörig werden wir, wenn unser Kind noch jemanden mitbringt, der es in seiner Behauptung unterstützt … Ein Verbündeter oder eine neutrale Aussage? Wir müssten uns ja jetzt mit dieser Angelegenheit auseinandersetzen, das beschuldigte Kind hinzu holen, um uns ein Urteil bilden zu können … Doch mal ehrlich, welche moderne Frau von heute hat zehnmal am Tag für solche Vorkommnisse Zeit?

 

Unser Kind lernt … ist es doch clever … Holt sich aus dem Tiefkühlfach fünf Wassereis und ist somit in Nullkommanichts der Mittelpunkt aller Kinder. Doch was geschieht? Die einen Kinder sehen in ihm einen potentiellen und ihrer Gelüste befriedigenden Menschen, der ihnen bei jeder Nettigkeit etwas Gutes tut. Die anderen Kinder sind neidisch, denn in den Kühlfächern ihrer Mütter liegen ebenfalls genügend Wassereis, um eine ganze Fußballmannschaft damit zu versorgen … Nur war nun eben dieses im Mittelpunkt stehende Kind schneller … Was passiert? Diejenigen, deren Mütter kein Wassereis im Kühlfach lagerten, verbünden sich mit dem bereitwillig teilenden Kind und bilden somit eine sich in der Überzahl befindlichen Verschworenheit gegenüber den Kindern, die neidisch sind und nicht mehr im Mittelpunkt stehen, weil sie nicht schnell genug waren, um eher Wassereis geholt zu haben … Ein Machtkampf im Kleinen entsteht … woran sogar Freundschaften zerbrechen … Und … unser unschuldiges Kind, was doch nur allen gut sein wollte, weil es lernte zu teilen, lernt nun, wie machtvoll es doch werden kann …

 

Dies alles geschieht meistens außerhalb des Wirkungskreises von uns Müttern, die wir selber Tag täglich ähnlich kämpfen … um die Ungerechtigkeit, nicht entsprechend unserer Leistung bezahlt zu werden … Also lassen auch wir uns etwas einfallen. Wie erreichen wir, dass uns unser Chef wahrnimmt? Durch hervorstechende Leistung oder durch aufsehenerregende Erscheinung, besser noch beides … Hauptsache, wir sind im Gespräch. Und siehe da … auch hier funktioniert es …

 

An Geburtstagen lassen wir uns nicht lumpen … wir arbeiten im Akkord an herausfordernden Arbeitsvorgaben; erledigen zwei Arbeitsplätze gleichzeitig, immer mit der Zielsetzung dafür nicht nur Anerkennung, sondern auch entsprechenden Lohn zu erhalten … und auch hier funktioniert dieses Prinzip …

 

Der Abteilungsleiter wird auf uns aufmerksam … schließlich ersparen wir ihm eine weitere Arbeitskraft und unsere Leistungen sind exorbitant; wir sind nicht krank, auch wenn wir krank sind; wir sind immer da, stets pünktlich, Überstunden sind auch kein Problem, aber bitte alles mit der entsprechenden Bestätigung …

 

Der Abteilungsleiter wiederum verfolgt das Ziel, dass seine Abteilung hervorsticht, dies nicht nur in der Kostenersparnis, sondern natürlich auch durch herausragende Leistung … Schon haben wir einen Verbündeten, der sich für uns mit einsetzt und erreichen, was wir so dringend benötigen … Anerkennung in jeder Form … und wenn  unsere Neider, die ja nicht still zuschauen dagegenhalten, dann sind sie es schuld, dass alles nicht so schnell voran geht, wie wir es gerne hätten … Sie sind die Denunzianten, die uns die Steine in den Weg legen, um uns von unserem Ziel abzuhalten … Doch dank unserer Verbündeten schaffen wir, auch wenn manchmal über Umwege, aber wir schaffen und erreichen unser Ziel … Alles nur eine Frage der Zeit … Doch was hinterlassen wir? Und was umgibt uns sodann?

 

Im ganz Großen wird es jedoch um einiges schwieriger. Da hat sich etwas entwickelt, was uns im Kleinen vielleicht gar nicht so bewusst ist. Zum einen sind wir in der Zwischenzeit zu so viel Leistung angehalten, dass wir möglichst „dumm“ gehalten werden, weil wir nicht die Zeit finden, uns immer und über alles hinreichend zu informieren, zum anderen ist das ja auch Sinn und Zweck der ganz großen Machenschaften …

 

Da versagt gleich die ganze Justiz in einem skandalösen Fall, so dass wir uns fragen müssten: Haben wir überhaupt noch eine Justiz der Gerechtigkeit? Doch werden wir von der Macht der Medien mit so viel Input gefüttert, dass wir gar nicht mehr wissen, was war denn da noch wirklich?

 

Da versagen Politiker, weil eifrige Journalisten in den jeweiligen Vergangenheiten so lange herum kramen, bis diese Politiker von der Bildfläche verschwinden und gleichzeitig mehrere Institutionen auf dem Prüfstand stehen …

 

Da versagt gleich eine ganze Politik, weil die Industrie lieber reich wird, als wenigstens ein wenig zu teilen …

 

Da werden Gewerkschaften mundtot gemacht, weil sich Streiken eh nicht mehr lohnt, denn die Gewerkschaftskassen sind leer …

 

Leben wir noch nach Recht und Ordnung? Brauchen wir überhaupt noch Gesetze, die so löcherig erscheinen, dass jeder clevere Rechtsanwalt sie auseinander nimmt wie eine Weihnachtsgans?

 

Das, was wir als unsere Sicherheit in unserem Rechtssystem ansehen, scheint sich nach und nach in Luft aufzulösen. Friss oder stirb … scheint das Motto der modernen Gesellschaft von heute zu sein …

 

Und wer ist schuld an einer solchen Entwicklung?

 

Wir erleben ohnmächtig über unsere Medien, wie sehr wir uns doch stillschweigend zu ihren Verbündeten entwickelt haben, denn wir sind so mundtot, weil wir unsere ganze Leistung am Tag verbrennen, so dass wir uns abends wundern, über das, was so um uns herum geschieht und froh sind, nur damit über die Informationskanäle konfrontiert zu werden …

 

Wir schaffen es aber trotzdem noch, uns eine Meinung zu bilden und schimpfen über die Ungerechtigkeiten dieser Welt … in unseren Wohnzimmersesseln …

 

… Doch nur wer frei von Schuld ist … der sollte auch wirklich den ersten Stein werfen … oder etwas unternehmen, das alles vielleicht etwas gerechter zugeht … im Kleinen wie im Großen … denn … diese Möglichkeit ist uns NOCH geblieben … ohne uns funktioniert dieses ganze System nicht … in unserem Recht-?-Staat …

 

Sarah