Er kennt alle meine kleinen Geheimnisse. Zu meiner Geburt pflanzte mein Vater diesen Baum. Schon im Kinderwagen wurde er mir vertraut. So bestaunte ich seine Blätter, wenn der Wind sie bewegte.
Erinnerungen an diese Zeit habe ich nicht, aber meine Mutter erzählte mir immer davon. Im Gedächtnis sind mir seine Früchte, es waren Mirabellen. Mit vier Jahren kletterte ich auf die niedrigen Äste und aß mich satt. Das war so den ganzen Sommer mein Frühstück. Keiner durfte auf den Baum.
"Meinen Baum."

Die Kinder der Straße, manchmal auch Erwachsene hörten still zu, wenn ich erzählte was mein Baum schon alles erlebt hatte. Dabei vergaß ich nicht, das Obst großzügig zu verteilen. So saßen wir stundenlang in seinem Schatten. Ich erfand immer wieder neue Geschichten, die ich natürlich auch selber glaubte.
Meine Fantasie schlug damals schon Purzelbäume, es ist bis heute so geblieben. Meinen Kindern, und jetzt meinen Enkeln und Urenkel kommt das alles zu Gute. Die jüngste Enkelin hat es geerbt und ich freue mich darüber. Sie schreibt in der vierten Klasse die besten Aufsätze.
(Ja wenn man so eine Oma hat, sagte einmal der Lehrer.) Gefördert wurde ich von meinem Vater. Er war ein sehr belesener Mann. Daher durfte ich mir Bücher ausleihen, natürlich dem Alter entsprechend. So ging mir der Gesprächsstoff mit meinen Freundinnen nie aus.
Am liebsten aß ich die grünen Früchte, die Unreifen. Ich hatte eine Blausäurevergiftung und der Arzt kam. Nun durfte ich erst nach einem richtigen Frühstück auf meinen Baum. Man schärfte mir ein, nur die gelben Früchte zu essen

Es war Krieg.
Unsere Wohnung lag am Bahndamm. Dort spielten wir als Kinder. Eines Morgens hielt ein Zug. Männer in Uniformen stiegen aus.
Wir starrte sie an. Sie saßen zwischen den Gleisen und kochten auf kleinen Herdchen. Neugierig kamen wir näher. Es waren auch Männer dabei mit schwarzen Gesichtern. Vor denen hatten wir Angst. Bisher sahen wir nur Weiße. Wir wussten nichts über verschiedene Menschenrassen. Schnell lief ich nach Hause und erzählte atemlos was es dort zu sehen gab.
Mama wusste, dass diese Leute Neger waren und keinem Menschen etwas taten. Sie ermutigte mich eine Schüssel meiner Mirabellen hinzubringen. Zögernd mit weit vorgestreckten Armen hielt ich die Früchte hin. Sie bedankten sich in einer mir unverständlichen Sprache. Jetzt war das Eis gebrochen und wir durften alles bestaunen.
Sie aßen braune Bohnen aus Büchsen. Das Brot war ebenfalls aus Dosen. Großzügig verteilten sie ihre Nahrung an uns immer hungrige Kinder. Ich aß zum ersten Mal Schokolade, sie hieß glaube ich Cadburry und Chewinggum (Kaugummi) so sprachen wir es jedenfalls aus.
Dann pfiff die Lock, alle Leute sprangen in die Waggon und der Zug fuhr ab. Wir, auf den Bahndamm, und alles was wir fanden, schnell nach Hause. Uns war es egal, ob da schon jemand davon gegessen hatte. Daheim war es ein Festessen.
Damals gab es alles auf Lebensmittelkarten. Sehr oft hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich von der Schule kam. Dann lag ich mit einem Kissen unter dem Bauch auf dem Sofa, und wartete bis das Essen fertig war. Eine Mahlzeit ist mir noch so stark in Erinnerung geblieben ---Steckrüben und Fisch.

Nicht dass jemand auf den Gedanken kommt, dass so was gut schmeckt. Aber wir bekamen das mindestens dreimal in der Woche, alles ohne Fett und Sahne, diese Produkte kannte ich damals nicht. Und der Fisch voller Gräten. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut.
Mein ständiger Begleiter war der Hunger. Ich kann heute noch keine Essenreste wegwerfen. Und wenn ich die Kinder auf dem Schulweg sehe, was da alles in den Abfalleimern landet, blutet mir das Herz.
Ich liebte meinen Baum so sehr, dass mir seine raue Borke gar nichts ausmachte. Sie wurde durch meine Kletterei mit den Jahren immer glatter. In den kleinen Astlöchern fand ich später meine ersten Liebesbriefchen.
Danach kam eine schlimme Zeit. Mein Vater verstarb plötzlich und wir zogen um.
So trieb ich mich öfter in meiner Kindheitstraße herum, doch ich fand nicht den Mut, nach meinem Baum zu fragen. Hineinsehen konnte man nicht, sie hatte einen hohen Sichtschutz davor gebaut. Traurig ging ich nach Hause und war seitdem nicht mehr dort.
Jetzt bin ich alt und erzählte es meinen Enkelkindern. Sie rieten mir, ihn zu besuchen und wollten mich sogar begleiten. Aber ich habe Angst, wie wird die Wirklichkeit sein? Bis heute kann ich glauben, dass es ihn noch gibt.