Vorwort:

Es ist in meinem Kopf und ich möchte es rauslassen. Was jetzt folgt wird (im besten Fall) eine sehr persönliche "Platten-Kritik" und Schilderung meines persönlichen Empfindens im Jahre der Veröffentlichung von "What's Going On" ... im schlimmsten Fall wird es ein zu langer Text, der vom Thema abkommt. Mal abwarten, ich schreibe ohne jedes Konzept.

Wir sind im Nachtzug unterwegs nach Amsterdam, eines unserer regelmäßigen Amsterdam-Weekends (pulsierende Weltstadt genießen, Geselligkeit, Tanz, Sex ...); es ist Freitag-Nacht und wir freuen uns auf ein schönes Wochenende in unserer Lieblingsstadt.

Die Müdigkeit ist weg, als wir den Amsterdamer-Hauptbahnhof verlassen: Zu Hause! Schnell haben wir in unserem kleinen Hotel in der Nähe der Prinsengracht eingecheckt (eines von Dutzenden Gay-Hotels, freundliche Betreiber - wir sind längst Stammgäste). Jetzt noch schnell in eines der kleinen Restaurants gehen und essen und dann ... ab ins Nachtleben!

Der Abend verläuft harmonisch und anregend; das D.O.K. - dieser riesiges Tanzpalast für Gays unter den Straßen der Amsterdamer City - ist bereits gut gefüllt, als wir eintreffen. Atemberaubend gutaussehende Männer auf der Tanzfläche und an der Theke. Die Musik ... gestern erst am Amsterdamer Flughafen direkt aus den U.S.A. eingetroffen, das absolut heißeste und neueste, das New York, Detroit, Miami, Los Angeles usw. zu bieten haben.

Es ist 4 Uhr morgens, als wir erschöpft in unsere Hotelbetten fallen.

Am nächsten Morgen, Hotelfrühstück 11:00Uhr und dann raus ins Getümmel: Internationales Publikum, alle Hautfarben, alle Sprachen, alle Nationen, die Straßen sind brechend voll - es ist Samstag-Vormittag. Jetzt erst einmal ein Rundgang durch die Plattenläden der Innenstadt:
"MERCY MERCY ME, THINGS AIN'T WHAT THEY USED TO BE"

Der Sound kommt aus dem ersten angepeilten Plattenladen und ... haut mich fast um! Das ist doch MARVIN GAYE ! Es zieht uns in den Laden, der satte Sound der Autostadt Detroit erfüllt den ganzen Laden und dann sehe ich ihn: Ein mannshoher Stapel Langspielplatten "What's Going On", Marvin Gaye ... Ich nehme eine Platte vom Stapel und schaue auf das Foto: Marvin im Regenmantel mit hochgeschlagenem Kragen, der Hintergrund ist dunkelgrün, der Schriftzug "what's goin on" ist gelb. Die Hülle läßt sich ausklappen ... G E K A U F T !!!

"RIGHT ON" - "WHOLY HOLY" - "INNER CITY BLUES (MAKE ME WANNA HOLLER) - Der Laden-DJ läßt die komplette Platte durchlaufen. Ich bin wie gefangen von diesem Sound. Raus, jetzt ... können wir uns zu Hause anhören!

Nächster Plattenladen - auch hier läuft die neue Scheibe von Marvin, auch hier liegen gleich mehrere Stapel von "What's Going On" auf dem Fußbogen: "SAVE THE CHILDREN" - Was ist denn hier los? Marvin Gaye hat den "Knaller" seines Lebens gelandet, die Platte ist der absolute Wahnsinn. Ich höre seine Songs überall in der Innenstadt, sie dringen aus offenen Kneipentüren und Fenstern von Privatwohnungen - Amsterdam "schwimmt" in diesem Sound.

Jetzt aber erst einmal Shopping: Red-Light-District, Rundgang durch die Sex-Shops, alles vollkommen locker und unverklemmt (im Gegensatz zu Deutschland). Mittagessen, Hunger! Zurück ins Hotel, Platte verstauen und dann wieder los ...

Wir beginnen, wie immer, in der Amstel-Taverne, Amstel-Bier, Genever, Musik, Lachen, Quatschen - gute Stimmung. Nicht zuviel Alkohol, um nicht müde zu werden, wir haben ja noch viel vor. Später dann: Tanzen gehen, Lachen, (......)! 2:00 Uhr nachts, der Sex-Club ist brechend voll, wir genießen das internationale Publikum; im Chill-Out-Room läuft .... "What's Going On", Marvin Gaye ...
Jan (Name geändert) ist Pilot bei der KLM er möchte uns mit zu sich nach Hause nehmen, wir verstehen uns gut mit ihm und brechen auf ... Jan ist ein attraktiver Mann, irgendwo unter 30 Jahre (Ausstattung: "Unterarmstärke"), es wird noch eine heiße Nacht.

Wir schlafen irgendwann alle drei völlig erschöpft ein. Am Sonntag-Morgen trudeln wir wieder in unserem Hotel ein und ... schlafen noch 'ne Runde. Später "Brunch", ganz relaxed, kleiner Plausch mit einigen Engländern am Nebentisch. Nachmittags dann noch ein bißchen an den Grachten vorbeischlendern ... Amsterdam ist noch müde von der vergangenen Nacht.

"WHAT'S GOING ON" war Marvin's Meisterwerk, MOTOWN war auf dem Sprung in eine andere Zeit- und Klimazone, der Umzug von Detroit an der kanadischen Grenze nach Los Angeles war beschlossene Sache. William (Smokey) Robinson hatte sein erstes Erdbeben in einem Hochhaus in L.A. erlebt und versuchte seinen Freund Berry Gordy umzustimmen ... Nichts zu machen, Gordy wollte ins Filmgeschäft einsteigen, da hielt er die räumliche Nähe zu Hollywood für wichtig - MOTOWN wandelte sich ...

Das Album: Marvin Gaye war "erwachsen" geworden, seine Gesangspartnerin Tammi Terrell (eine wunderbare Sängerin!) war bei einem Bühnenauftritt in Marvins Armen zusammengebrochen, im Krankenhaus stellte man einen Gehirntumor fest, Tammi Terrell starb. Marvin Gayes Ehe mit Berry Gordys Schwester Anna Gordy lag in den letzten Zügen. Marvins Sex- und Drogen-Exzesse waren zuviel für Anna. Da mußte diese Musik einfach aus Marvin Gaye heraus.

Wie ein Besessener komponierte, arrangierte, spielte (Marvin spielte mehrere Instrumente) und sang er innerhalb weniger Tage das komplette Album ein. Die Musik - ein Traum! Die Texte - hart, anklagend, starker Gott-Bezug - Marvins Schwager, Berry Gordy wollte das Album nicht veröffentlichen (viel zu politisch!). Marvin drohte seinen Vertrag zu kündigen. Dann Veröffentlichung und ... es schlug ein, wie eine Bombe! Kritiker, Fans, DJs waren sich einig "ein Meisterwerk!"

"What's Going On" ist (neben einigen wenigen anderen) die Platte, die ich als "Soundtrack meines Lebens" bezeichnen würde! Zum Glück hatte ich in Amsterdam die "unkastrierte" Pressung gekauft ... später hörte ich einmal in eine deutsche Pressung herein (Schämt Euch, Ihr, die Ihr das verbrochen habt!).

Das CD-Zeitalter spuckt eine (miese) Pressung aus - zusammen mit seinem Nachfolgewerk "Let's Get It On" ist das Album auf einer der "Two Orginal Albums On One CD" Version enthalten ... MOTOWN macht "Ausverkauf", Gordy steht vor dem Ruin (der Umzug nach L.A. war ein Riesenfehler). Ich ärgere mich über Tom Baker "Future Disc", der das Album derart mies abgemischt (remastered) hat.

Dann 1994 erscheint die definitive Version auf CD. Ich entdecke den U.S.-Import bei WOM: Schwarzer Pappschuber, silberne Schriftzüge ... der Klang? W a h n s i n n !
("Ein ganz starkes Werk, nämlich sein wohl alle anderen überragendes Meisterwerk ist Marvin Gaye "What's Going On" (...) in 20 Bit-Technik umkopiert und dann in Schuber mit Songtexten und Liner Notes wiederveröffentlicht. Das klangliche Ergebnis ist umwerfend." FRANK SCHÖLER in Stereo 11/1994)

Im Jahre 2001 erschien eine De-Luxe-Version, klanglich kommt sie nicht an das "schwarze Juwel" von 1994 heran, bietet aber Bonus-Material, nämlich den bis dahin unveröffentlichten Original Detroit Mix und das komplette Album live gesungen und von den Original Funk Brothers begleitet, im "Kennedy Center" am 1. Mai 1972, außerdem die Original Single-Versionen (weichen von den Album-Versionen ab) von "What's Going On", "God Is Love" und "Sad Tomorrows", sowie einen Rhythm & String Mix von "What's Going On" ...

Marvin Gaye wurde am 1. April 1984, nach einem Streit, von seinem eigenen Vater erschossen. Vorangegangen waren jahrelange Auseinandersetzungen zwischen dem streng religiösen Senior, der als Prediger einer christlichen Sekte angehörte, und Marvin, der sich langsam aus der religiösen Enge und Bevormundung seiner Jugend herauszulösen begann. Mit Marvin Gaye verlor die Welt einen genialen Musiker, Sänger, Komponisten, Produzenten und Erneuerer der Soul-Musik.

"I have listened to, recorded and produced many, many albums in my lifetime. And I still say, What's Going On is my favorite album of all time" (Smokey Robinson)

Q u e l l e n :

"Inner City Blues - Marvin Gaye And The Last Days Of The Motown-Sound" (Ben Edmonds)
"Marvin' Miracle" (David Ritz)
"(...) One Of His Finest Cuts" (Vince Aletti in "Rolling Stone", 1971)
"Motown's Best From Marvin" ("Disc & Music Echo", U.K., 1971)
"Divided Soul" (David Ritz)
"Eine göttliche Stimme mit super arrangierten Songs - das beste Soul-Album aller Zeiten" (Sounds, 1994)
"(...) in einer sich zunehmend zynischer gebährdenden Welt von unschätzbarem Wert ..." (Michael Köhler, WOM-Magazin, 1994)
"It Make Me Wanna Holler ..." (Charles Shaar Murray, "The HMV-Classic Collection" Limited Edition)
"Soul Konzept-Album mit sozialkritischen Texten ..." (Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos)

© Jamerson akas Knüppel