"So schön, wie es jetzt ist, soll es immer bleiben."
Ein Satz, den sich Verliebte auf der ganzen Welt zuflüstern.

 


"Wir hatten uns nichts mehr zu sagen." Ein Satz, den Scheidungsrichter und Unbeteiligte, auf der ganzen Welt zu hören bekommen.
 Dazwischen liegen Illusionen, Erwartungen, Enttäuschungen.
Was machen eigentlich Paare anders, die nach vielen Jahren noch immer zusammenleben? Haben sie irgendeinen Trick, der sich lernen lässt?
Ein Rezept haben sie schon:
Es gelingt ihnen immer wieder, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Interessen und Gefühlen, die sie verbinden, und zwischen den Interessen, die sie auseinandertreiben.
Denn es gibt keine gelungene Partnerschaften:
Es herrscht ein ständiger Spannungszustand zwischen Anziehung und Entfernung.
Die ganze Welt basiert auf diesem Polaritätsprinziep -, warum sollte es in Partnerschaften anders sein?
Trotzdem sehnen sich viele Menschen nach dem Ideal der völligen Gleichheit und erleiden zwangsweise Schiffbruch. Weil sie im Partner keine Ergänzung sehen, sondern sich selbst-einen Menschen, der ihnen als Spiegel dient.

Diese Selbstbespiegelung funktioniert sogar eine Zeit lang ganz gut,- so lange die beiden noch frisch verliebt sind."Liebe macht blind."heißt ein Sprichwort, das auch durch häufige Wiederholung nicht richtiger wird.
Liebe macht keineswegs blind, sie macht im Gegenteil klarsichtig!
Durch den anderen lernen wir uns besser kennen. Was blind macht, ist Verliebt sein.Und die hält nicht lange vor .Psychologen haben sogar festgestellt, wie lange sie dauert: zwischen 3 Wochen und 6 Monaten.
Wobei nichts gegen Verliebtheit gesagt sein soll. Ohne sie gibt es keine Beziehung — sie ist der zündende Funke, der zwei Menschen zusammenführt. Aber dass sie denn auch zusammen bleiben, da zu gehört mehr. Das oberflächliche Gefühl der Verliebtheit muss sich erst vertiefen. Zur Liebe!
Verliebt sein bedeutet, wissenschaftlich betrachtet, nichts anderes, als dass wir in den anderen alles hinein deuten, was wir uns wünschen -, was wir erwarten:
Wenn er/sie chronisch unpünktlich ist, so hat ihn/sie immer gerade etwas Wichtiges aufgehalten.
Wenn er rücksichtslos Auto fährt, ist das eben sein Temperament.Wenn er schlechte Manieren hat, so zeigt es doch nur, wie unabhängig von Äußerlichkeiten unser gegenüber ist. Alles wird entschuldigt, es gibt keine Probleme. Wir sehen, was wir sehen wollen, nicht was ist!Wir glauben nur zu gern an das oft zitierte Beispiel von Plato, dass der Mensch ursprünglich ein Doppelwesen aus Mann und Frau war, das später von den Göttern getrennt wurde und nun herum irrend seine zweite Hälfte sucht.

 


Jeder, der frisch verliebt ist, meint deshalb auch, sie nun endlich gefunden zu haben. Nur Plato hatte selbst nie eine "bessere Hälfte" und war zeitlebens Junggeselle. sonst hätte seine Geschichte vielleicht eine realistischere Fortsetzung.
Denn irgendwann ist das schöne Gleichnis von diesem Fabelwesen nicht mehr aufrecht zu halten.
Dann regen wir uns auf, wenn der Partner uns warten lässt, dann macht uns sein Fahrstil nervös, finden seine Tisch,-und sonstige Manieren unerträglich.

Psychologen erklären diese innere Kehrtwendung so:
Eine Zeit lang kann man den anderen ungestraft als Projektionsfläche für den "Wunschfilm" benutzen, der sich in unserem eigenen Kopf abspielt.
Anfangs funktioniert dieses Kino im Kopf ideal, weil beim anderen auch solch ein Film abläuft. Aber irgendwann treten dann plötzlich Störungen auf:
Die Projektionsfläche ist auf einmal nicht mehr klar zu erkennen, entzieht sich teilweise sogar völlig, - und zwar bei beiden. Der Film wird ins Leere projiziert.  Denn je näher man sich kennen lernt, des to mehr schält sich die Persönlichkeit des anderen heraus. Ist nicht mehr zu übersehen, und wird deshalb oft als störend empfunden.
Manche Leute haben dann nichts Eiligeres zu tun, als sich schnell eine neue Projektionsfläche, sprich neuen Partner zu suchen.
Nur wird auch da nach gewisser Zeit die gleiche "Bildstörung" auftreten.
Ähnlich wie der der griechische Jüngling Narziß, der selbst verliebt pausenlos sein Spiegelbild in einer Quelle betrachtete, brauchen Menschen, die durch ihre Fehler nicht klüger werden, immer wieder die Quelle Mensch, um ihre Sucht nach Selbstdarstellung zu befriedigen.
"Ich mache meine Sache, und du machst deine.
Ich bin nicht auf der Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben."
Dieser etwas brüskierende Spruch stammt von Fritz Perls, dem Begründer der Gestaltstherapie, eine immer noch moderne, sehr verbreitete Therapieform, die von der Einsicht in eigene Gefühle ausgeht.
Perls beschreibt etwas flapsig, aber eindeutig die Phase, die nach der Verliebtheit einsetzen sollte:
Das Erkennen, dass zwei Menschen nicht zu einer nahtlosen Einheit verschmelzen können, und es auch keinen Wert hat, im Hinterkopf darauf zu spekulieren, den anderen schon irgendwann einmal nach seinen Wünschen und Vorstellungen zurechtzubiegen.

Bedeutet diese Erkenntniss nicht eine Minderung des Glücks zu zweit?
Nicht wenn man sich darüber klar ist,dass Liebe, die von Dauer sein soll, einem nicht in den Schoß fällt.Sie entwickelt sich erst, wenn man bereit ist,den Partner trotz aller Unvollkommenheit zu akzeptieren. Wenn man bereit ist, Illusionen aufzugeben.Wenn man bereit ist, Auseinandersetzungen hinzunehmen. Zur Liebe gehört Bereitschaft. Sie ist der Weg vom verliebt-egoistischen"ich will, dass du so bist, wie ich es will.", zur Einsicht: "ich sehe, dass du nicht vollkommen bist, aber ich bin es auch nicht. Ich nehme dich wie du bist, nimm mich so wie ich bin."
Oder gerade deshalb!
Doch um dahin zu gelangen braucht es Geduld: mit sich selbst, und mit dem anderen.
Da müssen Durststrecken überstanden werden, in denen man glaubt, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Da müssen beide lernen, sich anzupassen. Da müssen Abstriche von Illusionen gemacht werden, besonders von der Illusion, wie Liebe auszusehen hat.
Er,/ Sie muss ständig Zeit für mich haben, Er,/Sie muss alles mit mir gemeinsam machen; Er,/Sie muss mich in allem und immer verstehen.
 So viele Forderungen auf einmal kann keiner gerecht werden.
Dass nach einer längeren Beziehung Auseinandersetzungen, Ärger, und notgedrungen auch Ernüchterung auftauchen, wenn der erste Liebesrausch verfliegt, heißt nicht, dass die Beziehung schlecht, oder disharmonisch ist.

 


"Harmonie ist Ruhe in der Bewegung. Ruhe in der Ruhe ist der Tod.", sagt eine buddhistische Weisheit.

Die Partner müssen also lernen, dass ihre Beziehung sich weiterentwickelt, in Bewegung bleibt. Genauso wie jeder sich selbst weiterentwickelt.
Dass es da manchmal hart auf hart geht, ist völlig normal.
Man muss es nur durchstehen, und nicht gleich kapitulieren."Jeder Mensch ist fähig, mit irgendeinem anderen Menschen zu leben, wenn beide bereit sind, sich entgegenzukommen", behauptet Erich Fromm. Die Betonung liegt auf BEIDE !
Wenn einer es ablehnt, die Persönlichkeit des anderen zu sehen und zu akzeptieren, hat eine Partnerschaft keinen Sinn (mehr).
Dann hat er es nicht geschafft, von der Verliebtheit in die Liebe hineinzuwachsen, sondern sich von einem Strohfeuer blenden zu lassen, oder er ist einfach noch nicht reif für eine echte Bindung.
Zur Liebe gehört die gegenseitige Verantwortung füreinander, die Bereitschaft, Unvollkommenheiten zu tolerieren, und dem anderen die Freiheit zu geben, die er braucht.
Das ist genauso schwierig, wie es sich anhört. Patentrezepte gibt es leider nicht.
Ob es sich die Mühe lohnt, Liebe zu lernen, muss jeder für sich selbst entscheiden.

 

Autorin

Brigitte Löhmer