Sie war sein Typ. Er hatte gewusst, dass er sich für sie entscheiden würde, als er sie nur sah. Er war sofort bereit, alle Planungen für ein Leben ohne sie aufzugeben.
Julischka.
Sie war restlos von ihm entzückt. Sie war in der Lage, sich wie eine Blüte am frühen Morgen vor ihm zu öffnen, ihm all ihre Liebe zu offerieren, die sie zu verschenken hatte. Immer noch zu verschenken hatte, obwohl ihre Gefühle so oft in einer schier endlosen Leere versickert waren.
Nichts schien sie über die Jahre an Liebesfähigkeit eingebüßt zu haben, und er beobachtete Julischka schweigend mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid.
Würde er jemals mit ihr Schritt halten können?
Sie liebten sich. Erst vorsichtig, dann ungestüm, und er bewunderte ihre Bereitschaft und Fähigkeit, sich restlos fallen zu lassen. Sie fiel mit ihm in endlose Strudel der Leidenschaft, verschenkte sich selbst in endlosen Höhepunkten, und bald begriff er, dass auch er sich fallen lassen konnte.
Wann hatte er so etwas jemals erlebt?
Wenn sie sich gegenüber saßen, leuchtete ihre Seele in sein Gemüt. Er genoss diesen Blick, aber er schmerzte ihn auch, denn er hatte eine Verantwortung für eine Liebe übernommen, die er manchmal als Last empfand, und von der er sich nicht sicher war, ob er diese Bürde jemals würde tragen können.
Belastete ihn dieses Leuchten zu sehr, sah er weg. Er bemerkte an seiner eigenen Tapete eingebildete Muster, die er nie zuvor gesehen hatte, wenn sie ihn ansah. Wenn ihre Stimme von Liebe sprach, wenn sie von den vielen Übereinstimmungen schwärmte, wenn sie Essen für ihn kochte, so wohlschmeckend, wie er lange keines mehr gegessen hatte, wenn sie ihn für seine Bereitschaft lobte, Selbstverständlichkeiten zu übernehmen, wichen seine Gedanken ab und verloren sich in Banalitäten.
Oft stellte er an sich selber fest, wie ungerecht er ihr gegenüber war. Oft kritisierte er sich selber dafür, aber verständlich wurde ihm sein eigenes Verhalten nie. Aber niemals wehrte sie sich gegen seine kleinen Ungerechtigkeiten.
Sie sah ihn nur traurig an. Er litt darunter.
Wenn sie Stunden, Tage bei ihm gewesen war, spürte er den Drang, sich einen logischen Grund einfallen zu lassen, die Harmonie unterbrechen zu können. Jede Möglichkeit schien ihm erstrebenswert, um sie vorübergehend los zu werden. Fahr nach Hause, hätte er am liebsten gesagt. Ich rufe dich an, wenn ich dich sehen will, aber er sagte es nicht.
Und sie schien ihn zu tolerieren, so wie er war.
Der Höhepunkt seiner Krisis zeigte sich, als sie einmal mehr den Kopf auf seine Brust gelegt hatte und träumte.
„Grrrr, jetzt ist sie wieder glücklich,“ stellte ein Teil seines Ichs fast verächtlich fest.
Ein anderer Teil in ihm begehrte auf. „Was willst du? Bist du neidisch, weil du nicht so viel Liebe und Glück empfinden kannst wie sie?“
Während sie auf seiner Brust selig lächelnd einschlief, kämpfte er mit sich selber.
„Liebst du sie nicht?“, fragte ein Teil seines Ichs.
„Doch, aber immer dann, wenn mich ihre Liebe zu stark in Anspruch nimmt, mich schier besetzt und gefangen hält, möchte ich fliehen.“
„Du hast Bindungsängste. Es ist die Angst davor, noch einmal mit deiner Bereitschaft, die Liebe einer Frau in dich eindringen zu lassen, auf die Nase zu fallen. Du befürchtest, dass du depressiv werden, noch schlimmer, dass die Enttäuschung diesmal traumatische Formen annehmen könnte.
Du zitterst wie ein Hase vor der Schlange.“
Sie erwachte und sah ihn an. Ihre Augen leuchteten wie eh und je und ein mildes Lächeln glitt über ihr Gesicht.
„Ich habe Bindungsängste“, sagte er fast tonlos. „Ich habe gelitten und ich möchte nie wieder leiden.“
„Ich weiß“, flüsterte sie und küsste eine Spur von einer seiner Brustwarzen zur anderen.
Er stutzte. „Und weshalb geht es dir nicht genau so? Auch du hast gelitten.“
„Weil du der Richtige bist“, flüsterte sie nicht weniger glücklich als vor seiner Offenbarung.
Einen Sturm der Zuneigung entfesselte seine Seele und seine Zweifel lösten sich in Wohlgefallen auf.
„Und woher weißt du, dass ich der Richtige bin?“
„Weil du so offen bist. Weil du alles sagst, was dich bewegt. Aber glaube mir, da gibt es noch mehr.“
Er zog sie an sich und küsste sie. Er wusste, dass er bei ihr geborgen sein würde.
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© Jürgen Berndt-Lüders
Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos
