1. Kapitel

Micki, das bin ich. 64 Rentner, und immer noch Micki! Unter allen Freunden und Bekannten gab es soviel Michaels, das für mich zum Auseinanderhalten eben „Micki“ übrig blieb.

Der Name hat die Schulzeit über bestanden, sowie Lehre und Arbeit.

Nach rund 40 Jahren Arbeit sah ich Licht am Ende des Tunnels und darauf stand: RENTE!!!
Sofort dachte ich an meinen Stiefvater, dessen Rentnerlebensinhalt aus Fernsehen, Essen und Schlafen bestand.
Neee.
Ich nicht!

„Frau. Wie wär`s mit einem Hund?“
„Ochgott“ flötete die Meine, „Ochgott ja. Als Kind hatten wir immer Hunde, warum nicht! ?“

„Genau. Und für den Campingplatz wäre es auch nicht übel. Da hat der Hund schön viel Auslauf und frische Luft. Ab zum Tierheim!“

Natürlich zum Tierheim! Man ist doch ein –neudeutsch- Gutmensch.
Im Tierheim, das neuerdings am A.... der Welt ist, warten doch Hunderte von Hunden nur darauf, von Micki heimgeholt zu werden.

Obwohl........ einer würde ja schon reichen.

Leichter gesagt als getan. In der Abteilung Hunde warteten wirklich –zig Hunde auf neue Herrchen, aber leider sehr sehr viele, die ich mir als Ersthundeführer einfach nicht zutraute.
Sehr viele „Listenhunde“, (ich hasse den Ausdruck Kampfhunde, nur weil oben an der Leine einer war, der sein Ego mit so einem Kraftpaket aufpolieren musste!)

Doch dann sah ich plötzlich „Tüte“. Ja ich weiss, der hiess eigentlich Toby. Bei mir war das aber „Tüte“,
Er hatte nämlich eine dieser merkwürdigen Plastikgebilde um den Hals, da er erst vor kurzem operiert worden war.
Ich glaube, bei Pferden nennt man diesen Ist-Zustand Wallach.

„Tüte“ also.

Tüte und ich waren sooooofort ein Herz und eine Seele. Tüte war ein abenteuerlicher Mix aus Dobermann? , Aus Schäferhund? , Aus ..... ?
Sozusagen ein Spitzgedackelterschäferpudel. Oder ein „Lastrami“ (Landstrassenmischling)

Tüte leckte hingebungsvoll meine Hände, die ich dann ebenso hingebungsvoll an seinem weichen braunen Fell wieder abwischte.
Das ging so 10 Minuten, bis meine Holde leichte Anflüge von Ungeduld zeigte: „Mann! Da hinten sind doch noch mehr Hunde!“

War mir wurscht. Tüte sollte es sein.

Rein ins Büro zu den Tierpflegern und Anspruch auf Tüte-Toby angemeldet. Gewundert habe ich mich über das sorgenvolle Gesicht meines Gegenübers: „ Haben sie sich die Kurzbeschreibung des Hundes an der Zwingertür schon angesehen?“
„Nee!“
„Sollten sie aber tun“
„Gut, mach ich“

Hätte ich besser bleiben lassen sollen. Wirklich, ich hätt`s nicht lesen solle. Dann hätte ich andererseits heute aber auch kein „Umfeld“ mehr.

Da stand nämlich:

Herkunft unbekannt.
Bleibt nicht alleine
Bellt pausenlos
Zerlegt Möbel
Zerfetzt Autos (innen)

„Hmmm ?, Tja, also, na ja, dann wohl besser nicht.“

Adieu Tüte.

Merkwürdigerweise gefielen uns die anderen Hunde dann alle nicht mehr. Also wieder auf den langen Weg zurück gemacht.
Das wars dann mit Hund. Dann eben nicht.

2.Kapitel.

„Du, unter dem Funkturm ist eine Hundeschau. Lauter Rassehunde. Wollen wir mal kucken?“

Ich wollte!

In den Messehallen empfing uns ein unglaubliches Wirrwarr von Gerüchen, Geräuschen, Hunden und Menschen.
Hier eine ältere Dame mit lila Haaren und einem kleinen Etwas auf den wohlmanikürten gleichwohl etwas faltigen Händen: „ Das ist ein Chihuahua!“
Aha.
Der Chi-irgendwas bedachte mich mit arrogantem Blick und spitzem Gebell.
Und tschüss.
Da ein bärtiges Urgestein a`la Reinhold Messner: „Das ist ein ungarischer Hirtenhund.“
Nett, und wo ist da vorne? Oh ja. Da wo`s eben nach meiner Hand geschnappt hat!

Kurz gesagt, es stimmt, das sich Hund und Herr in der Optik oft sehr ähnlich sind.
So ähnlich, das wir beide mitunter ausgesprochen fassungslos Menschen mit ihren Windhunden, Möpsen und anderen Vierbeinern bestaunten .
Wir erlebten Hunde die Akita Inu hiessen, King Charles Cavalier Spaniel (keine oder wenig Ähnlichkeit mit dem Charles aus England), und viele viele andere Hunderassen.
Überall wurde mehr oder weniger gebellt, geknurrt, gescharrt, geschnieft.
Es war eine tolle Geräuschkulisse.
Bis wir in die nächste Halle kamen..........

3. Kapitel.


„ Kuck mal, die da ! Nee, die doch nicht, DIIIEEE da hinten!“
Wir waren auf die Eurasier gestossen.
Eurasier?
Eurasier??

Ein sehr netter Mann, ganz ohne skurrile Eigenheiten klärte uns auf: „ Eurasier werden seit etwa 40 Jahren gezüchtet. Anfangs aus den Rassen Wolfsspitz (Europa), Chowchow (Asien)“
„ Aha, deswegen Eurasier.“
„Genau, später wurde dann noch ein Samojede eingekreuzt.“

Wiederum Aha.
Samojede. ?
Samojede ??

„ Ja, das sind doch diese weissen Schlittenhunde. Die bekanntesten sind die Huskies mit den blauen Augen, dann gibt es noch die Malamuten und eben die Samojeden.“

Also, diese Wundertiere waren doch einer genaueren Betrachtung wert. Zunächst fiel auf, das die dort ausgestellten Hunde ausgesprochen ruhig, lieb und ausgeglichen wirkten. Kein Gezerre und Gebelle.

Tut mir leid Tüte!

Die hingehaltene Hand wurde zunächst mit vornehmer Zurückhaltung gemustert, beschnuppert und für Wert befunden mal eben aufzustehen um den Rest von dieser Hand zu begutachten.

Meinerseits fand dann auch eine ausführliche, auch haptische Begutachtung statt: „Mann hat der ein Kuschelfell. Da ist doch bestimmt jede Menge Pflege nötig?“

„Achiwo, so dramatisch ist das nicht.“

(Unterdessen weiss ich: GELOGEN!)

„ Und wie sieht’s mit Krankheiten aus? Man hört doch so oft von Hüftschäden undsoweiter ?“

„Nicht bei unseren Eurasiern ! Die werden nur aus Liebhaberei gezüchtet, nicht aus gewerblichen Gründen!“

Das hört sich ja toll an. Beladen mit Infomaterial über Hunde fast aller Rassen im Allgemeinen und Eurasiern im Besonderen strebten wir der Spandauer Heimat zu.

Alsbald stellte sich bei mir eine unstillbare Neugier ein, bezüglich eingehender Informationen über diese Eurasier.

Internet
Suchmaschine
Eurasier

Über mich brach eine schier unfassbare Flut von Bildern und Minivideos von süssen Welpen, majestätischen Seniorhunden und wild spielenden halbstarken Eurasiern herein.
Verbunden mit viel Wissenswertem und Kontaktadressen.

Toll!
Bei einer dieser Adressen erfuhr ich, das man Weihnachten einen Welpen in der Nähe vom Bodensee haben könnte.
Am Bodensee!
Das waren über 700 Kilometer!
Na gut, fragen kostet ja nichts.
„Ja, sie können beide Ende November rumkommen ( als wär’s um die Ecke! ) und sich den Wurf ansehen.“
„ Ich würde dann alleine kommen, da meine Frau noch arbeiten muss.“
„ Neinnein, ihre Frau möchten wir auch kennenlernen, sonst gibt’s keinen Hund!“

Hmm.
Harte Sitten.
Na egal.
Ab in die schwäbische Alb.

4. Kapitel



Ach Gott waren diese Welpen niedlich. „Nüüüüüdlich“ wie meine Frau meinte. „Nüüüdlich“ mit wenigstens 3 „Ü“.

Von dem Züchterehepaar wurden wir unverhohlen gemustert und einer eingehenden visuellen und charakterlichen Prüfung unterzogen.
„Na gut, Ende Dezember können sie den da hinten haben . Den Grauen mit dem roten Nacken.“

Nix mit Aussuchen. Zugeteilt wurde der uns.
Der Hund
Der Dusty.
Jawohl Dusty.
Wer so schön grau und staubig aussieht muss einfach Dusty heissen.


5.Kapitel

Wieder zu Hause wurde ich reichlich aktiv. Stöbern im Internet, Körbchen kaufen, Fressen kaufen, Spielzeug kaufen, dies kaufen, das kaufen, kaufen, kaufen......
Das milde Lächeln meiner Frau hat mich dann auch nur kurz irritiert. Kaufen, kaufen...

Dann die Nachricht: Am 2. Weihnachtsfeiertag ist Welpenübergabe. Am 1. Feiertag rein ins Wohnmobil, ab in Richtung Süddeutschland. Bei 10 Grad plus losgefahren, angekommen im tiefen Winter. Egal. Dusty holen!
Der nächste Tag war dann voller Reden. Vom Zuchtwart, vom Züchter, vom Vorstand, vom Tierarzt.
Am Nachmittag dann endlich durften wir unseren neuen Hausgenossen in Empfang nehmen. Versehen mit den besten Wünschen, reichlich Welpenfutter machten wir uns auf den Weg nach Berlin.
Wegen Pipi (vom Hund !, na gut, ich auch mal )haben wir alle 2 Stunden Pause gemacht und uns über unseren Hund gefreut.
Der allerdings dürfte sich gewundert haben, das es jedes Mal ,wenn die Tür aufging, es draussen anders aussah.

Nach langer Reise mit einer Übernachtung in Ansbach ,durfte der Hund dann sein neues Reich in Augen- bzw. Nasenschein nehmen.
Wurde wohl für brauchbar befunden und mit einem Bächlein – natürlich auf dem Teppich-quittiert.

So und ähnlich sind Tag für Tag, Woche für Woche ins Land gegangen und auf einmal sind über 3 Jahre vergangen.
Bächlein gibt es allerdings schon lange nicht mehr.

Fazit: Ich würde es jederzeit wieder tun.
Vor allem, seit ich mich von meiner Frau getrennt habe.
Ende