Wie so alles begann!
Meine Geburt war zwar völlig normal, aber...!Irgendwie habe ich den sturen Kopf von meiner Mutter geerbt. Das ist nicht immer gut, wie man gleich sehen wird. Doch jetzt mal von Anfang an.
Meine Mutter war damals überglücklich, als der Arzt ihr eröffnete, dass sie in gesegneten Umständen sei, mit anderen Worten, meine Mutter war schwanger. Und zwar mit mir. Da begann aber schon das Dilemma.
Meine Mutter hatte genau Buch geführt über fruchtbare und unfruchtbare Tage, denn es war der Herzenswunsch dieser Frau, so schnell wie möglich ein Kind zu gebären. Wenn ich daran zurückdenke, kann ich meinen Vater eigentlich nur bedauern. Liebe nach Kalender. Na klar, zwischendurch auch, aber an den bestimmten Tagen dann zu Höchstleistungen gezwungen. Na gut, er hat’s ja geschafft.
Also, das Tagebuch meiner Mutter sagte ihr klipp und klar, dass ich am siebten Juli zur Welt kommen werde. Ihr Arzt hatte aber, wie unerhört, den sechsten Juli ausgerechnet. Meine Mutter und sich irren? Niemals! Ich hatte gefälligst am siebten zu kommen und keinen Tag früher, schon gar nicht einen Tag später.
Kann sich jemand vorstellen, dass die beiden sich regelrecht gestritten haben? Sechster, siebter, war das nicht völlig egal? Nein! Und nochmals nein! Und meiner Mutter schon gar nicht.
Somit begann nun am sechsten Juli anno 1950 ein Ausflug mit dem Lieblingsauto meines Vaters, einem
Volkswagen der ersten Nachkriegsgeneration, Ihr wisst schon, den mit dem geteilten Heckfenster und den lustigen gelb-orangenen Winkern rechts und links im Türholm, dazu auch noch die damalige Topfarbe mausgrau.
Ziel war das Heidelberger Schloss, trotz aller Warnungen des Arztes.
Dort angekommen musste mein armer Vater erst seine hochschwangere Frau und dann auch noch Oma, die natürlich auch mitwollte, aus dem Wagen hieven. Da es an diesem Tag sehr heiß war, liefen meinem Daddy reichlich viele Schweißtropfen von der Stirn. Erst durchs Gesicht und in die Augen, dann auch noch in den Hemdkragen. Armer Vater!
Dann ein Aufatmen als man endlich in der Vorhalle des Schlosses stand. Hier war es doch wesentlich kühler und angenehmer als draußen in der Hitze.
Ich pochte ziemlich heftig an die Bauchdecke meiner Mutter. Schließlich ließ auch mich diese Hitze nicht kalt, und ich hatte erbärmlichen Durst. Als endlich das kühle Nass durch die Kehle meiner Mutter rann und mich erreichte, gab auch ich wieder Ruhe. Vorläufig.
Dann begann die Führung. Mein Gott wie langweilig. Was ging mich das Leben von Fürsten, Königen und Kaisern an? Wen und wann sie heirateten? Gegen wen die alle Kriege führten! Nee, das war ja nun gar nichts für mich. Vehement setzte ich mich mit Fäustchen und Füßchen zur Wehr. Mit den Händen versuchte meine Mutter, mich zu beruhigen.
Aber echt, ich hatte keinen Bock mehr. Dieses blöde Gelaber ging mir tierisch auf den Geist.
Aber noch viel mehr dieses schon fast gestöhnte „Ahh!“, „Ohh!“, „Wie interessant!“, „Nein, so was!“ der Menschen, die dem Führer hinterher trabten, wie eine
Herde ihrem Leithammel.
Schluss, zu Ende, aus und vorbei, jetzt zeig ich euch mal, was wirklich interessant ist. Mit diesem Vorsatz machte ich mich auf den Weg in diese Welt. Oh Gott, ist das dunkel hier! Kann mir mal einer ’ne Taschenlampe geben? Und warum ist das denn nur so eng? Da muss man ja richtig arbeiten! Kinderarbeit ist doch verboten oder nicht? He, Vater, halt Mutter fest, jetzt komm ich!
Behutsam legte mein Vater seine Frau auf das königliche Parkett. Oma lief aufgeregt wie eine Henne durch den kürfürstlichen Krönungssaal. Mit wild fuchtelnden in die Luft gestreckten Händen rief sie nach einem Arzt, heißem Wasser und sauberen Tüchern. Seltsamerweise war ein Arzt in der Gruppe, der mir half, mich durch die Dunkelheit windend und drehend ins helle Licht dieser Welt zu blicken. Wie das blendete! Ich konnte erst gar nichts richtig erkennen. Nur schemenhaft nahm ich um mich herum gaffende Gesichter wahr.
Als ich mich völlig frei gestrampelt hatte, hielt mich dieser Unhold von Arzt an den Füßen nach oben. He! Was soll dass? Mir schießt das Blut in den Kopf!
Ich sah seine flache Hand auf mich beziehungsweise meinen Po zurasen. Vorsichtshalber begann ich schon mal vorher zu schreien. So lernte ich schon sehr früh, wer sich lauthals zur Wehr setzt, bekommt auch keine Prügel.
Was glotzt ihr mich denn alle so an? Habt ihr noch nie ein Baby gesehen?
Eine Dame mit Blümchenhut meinte: „Ach, wie niedlich!“
Eine andere mit Dutt: „Ist der süß!“
Ein Herr mit Kneifer musste natürlich auch seinen Senf dazugeben: „Unverantwortlich! Hochschwanger noch so ’ne Führung mitmachen!“
Die weiteren Kommentare ignorierte ich einfach, musste
aber noch mitkriegen, dass eine besorgte Mutter ihrem halbwüchsigen Sprössling mit beiden Händen die Augen zuhielt und vorwurfsvoll zischte: “Unerhört! Und das vor den Augen eines Kindes!“
Endlich wurde ich in eine Decke gehüllt, und eine weiche Unterlage schützte meine zarte Haut vor blauen Flecken. Wie ich später erfuhr, haben auf diesem hochbetagten Sessel schon die Kurfürsten von Baden gesessen.
Was aber für mich wichtiger war, endlich starrte nicht jedermann und jedefrau auf mein Dingeling, nur um festzustellen, dass ich alles hatte, um als Junge durchzukommen.
Als dann ein Krankenwagen kam, um mich und meine Mutter ins Krankenhaus zu bringen, war es nicht zu übersehen, dass ich den kurfürstlichen Sessel entsprechend meines Status eingeweiht hatte. Dies hat meinen Vater übrigens damals dreißig Mark für die Reinigung gekostet. Dafür hat er aber einen kleinen Prinzen bekommen, was nicht jeder Bürgerliche von sich behaupten kann.
Genüsslich meine Milch nuckelnd und schon leicht vor Erschöpfung dahindämmernd lag ich an der Brust meiner Mutter im Krankenhaus.
Na, Mama, biste jetzt sauer, weil dein Arzt Recht hatte? Geht halt nicht alles nach deinem Kopf!
Und weiter dachte ich: ‚Was mag dieses Leben noch so bringen?’
Dann entschwebte ich erst mal in Morpheus Arme.
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