8:40 Uhr, ich sitze im Flieger nach La Palma, ein mulmiges Gefühl im Magen, nicht nur verursacht durch das ständige aufsteigen und dann der Blick über den Wolken. Nicht nur verursacht davon, dass wir so hoch sind, dass auf dem Bildschirm eine Außentemperatur von -60° angezeigt wird.
Kurz blitzt es durch meine Gedanken, wenn jetzt die Hülle des Flugzeuges verletzt würde, ich würde innerhalb kürzester Zeit erfrieren und nicht mehr merken, wenn die Maschine abstürzt. Quasi schock gefrieren.
Eine Flugbegleiterin fragt grade, „möchten sie etwas trinken?“. „Nein, danke“. Kurze Zeit später kommt sie mit Sandwichs, fragt „mit Käse, Schinken oder Lachs?“ „Nein danke, ich möchte nichts“? „Auch nicht den Joghurt?“ „Nein, auch nicht den Joghurt“.
Ich konzentriere mich auf mein Buch. Nur nicht daran denken wo ich bin und wohin ich fliege und was mich eventuell erwartet. Die Zeit vergeht, vergeht sogar sehr schnell.
Die Ansage „in wenigen Minuten erreichen wir La Palma“, bleiben sie bitte angeschnallt, stellen sie die Rückenlehne aufrecht“. Ich schaue wie gebannt auf den Monitor vor mir. Sehe wie die Maschine immer weiter absinkt, sich die Flughöhe vermindert. Es knackt ein paar mal in den Ohren, ich schlucke und sie sind wieder frei. Die gefürchteten Ohrenschmerzen sind ausgeblieben.
Es rumpelt ein wenig, die Maschine hüpft noch einmal kurz hoch und setzt wieder auf und rollt dann weiter, bis sie endlich steht. Ich sitze nahe am Ausgang und habe einen Gangplatz, bin einer der ersten die am Ausgang sind, gehe die Gangway runter, steige in den Bus, steige am Flughafengebäude wieder aus, betrete es, warte auf meine Gepäck, den 2. Koffer auf dem Band erkenne ich als den meinen. Ich nehme ihn vom Band. Gehe Richtung Ausgang. Mein Herz klopft.
Und das sehe ich sie, meine Mutter. Sie hat sich nicht viel verändert in den Jahren. Ihre 78 Jahre sieht man ihr nicht an. Sie kommt mit einem Lächeln auf mich zu, umarmt mich, ich erwidere die Umarmung, eine Träne wischt sie sofort weg. Doch ich habe sie gesehen. Wir gehen zu ihrem Auto, fahren nach Puerto Naos. Dort haben sie eine Wohnung, meine Mutter und mein Stiefvater. Ich bin noch etwas gehemmt. Weiß noch nicht so recht, was ich sagen soll. Meine Mutter erklärt mir, wo was ist, das dort, das sind Bananenplantagen, dort in dem Ort findet Sonntags ein Bauernmarkt statt, da ist der Zahnarzt, dort hinten die Klinik usw.. Unterwegs halten wir an und gehen einkaufen.
Und dann fahren wir weiter. Wir kommen in Puerto Naos an, das Meer glitzert in der Sonne, ich hole meinen Koffer aus dem Kofferraum, sie nimmt ihre Einkäufe. Sie schließt auf. Mein Stiefvater wartet schon, begrüßt mich. Er hat den Tisch gedeckt und den Kaffee gekocht und wir setzen uns erst einmal auf die Terrasse. Die Sonne scheint und im Gegensatz zu Nürnberg sind es hier 25°. Das Meer rauscht.
Ein Gespräch kommt zustande, wir reden über geplantes, über das Wetter auf La Palma, das sie immer 9 Monate im Jahr dort sind, über die Freunde die sie dort haben. Die Vergangenheit ruht. Ich merke, beide sind weicher geworden, besonders meine Mutter. Merke auch ihre Angst und beschließe, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
Es waren sehr schöne 14 Tage, ich habe mich gut erholt, wir haben darüber gesprochen, was in der Wohnung, in die ich ja einziehen werde, gemacht werden muss, alles ist in die Wege geleitet und meine Mutter hat mich das erste Mal in meinem Leben geküsst und ich habe gemerkt, sie will mit mir ihren Frieden machen. Die Vergangenheit ist vorbei, was mich belastet hat und was gewesen ist, habe ich in der Therapie aufgearbeitet. Jetzt gibt es nur noch die Gegenwart und die Zukunft. Selbst die Sticheleien meines Stiefvaters, ab und an versucht er es halt immer noch, kann ich überhören.
Gestern bin ich nach Hause gekommen, am Wochenende fahre ich zu meiner neuen Wohnung und dann beginnt die Zukunft.
Text: Nika Nachtwind
14.04.2011
