Wie lange war es her, dass Friederike ihn das letzte Mal gesehen hatte?
Sie überlegte, zehn Jahre ungefähr musste es jetzt her sein, dass er das letzte Mal vor ihr stand. Keine guten Erinnerungen hatte sie an ihn. Sie war damals ein zehnjähriges Mädchen mit Zöpfen und voller Angst vor seinen bissigen Worten sowie den schmerzhaften Schlägen mit dem Lineal in die Handflächen.
Er der allmächtige Klassenlehrer, Herr S., der Friederike und den anderen Kindern furchtbare Angst einflößte, auch den Jungs, denn sie bekamen seine Strafen mit dem Rohrstock in den Kniekehlen zu spüren.
Friederike war in der vierten Klasse der Volksschule und seit er von ihren Eltern wusste, dass sie im neuen Schuljahr die Realschule besuchen würde, war sie erst recht „unten durch“.
Gemocht hatte er Kinder, deren Eltern in der Papageiensiedlung wohnten, noch nie. Es war ein Viertel der Stadt, das Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erbaut und vorwiegend von den vielen Flüchtlingen und Aussiedlern bewohnt wurde. Den Namen hatte es bekommen, weil die Häuser in bunten Pastellfarben gestrichen waren.
Außer Friederike wohnten auch noch Gudrun, Elsbeth und Rudolf dort und wann immer es ungeklärte Kinderstreiche in der Schule gab, etwas zu Bruch ging oder gar etwas fehlte, dann konnte es nach seiner Meinung nur einer von ihnen sein, denn denen war schließlich alles zu zutrauen.
Und er ließ auch keinen Zweifel daran, dass er es unerträglich fand, wenn Mädchen zu einer weiter führenden Schule wechselten, die sollten gefälligst die Volksschule beenden und später heiraten und Kinder kriegen.
Alles andere war verschwendete Energie, basta.
Und von diesen Kindern aus der Papageiensiedlung hatte nun ausgerechnet Friederike die Aufnahmeprüfung für die Realschule bestanden.
Und das, obwohl sie doch nicht rechnen konnte und es seiner Meinung nach auch niemals lernen würde. Mädchen im Allgemeinen und Friederike im Besonderen waren eben viel zu blöd. Zugegeben, Mathe war nie ihr Lieblingsfach gewesen, aber sie fühlte sich überhaupt nicht blöd.
Dann kam der letzte Tag in seiner Klasse, die Zeugnisse wurden ausgegeben. In Mathe hatte sie erwartungsgemäß ein ausreichend bekommen.
Hämisch grinsend mit den Worten: „Es ist dir doch klar, dass die 4 sehr wohlwollend war, eigentlich hättest du eine 5 verdient, aber ich weiß ja, wer so dumm ist wie du, wird reumütig an diese Schule zurückkehren“ gab er Friederike das Zeugnisheft.
Und sie, die sich immer geduckt hatte, nahm all ihren Mut zusammen und wagte trotz der aufsteigenden Tränen zu antworten:
„Nein, an diese Schule niemals, und wenn ich Tag und Nacht lernen muss“.
Verblüfft blieb er stumm, und dieses verblüffte Gesicht, das hatte sie in Erinnerung behalten.
Und jetzt stand er also plötzlich vor ihr, hier im Finanzamt ihrer Stadt, wo sie seit einiger Zeit als Verwaltungsangestellte arbeitete. Und wie der Zufall es wollte, gehörte er zu ihrem Bereich. Sie erkannte ihn sofort.
Viele Steuerpflichtige bezahlten damals noch direkt an der Finanzkasse, so auch er, ihre Vermögenssteuer. Friederike empfand es als äußerst komisch, dass ausgerechnet sie, die doch so blöd war und nicht rechnen konnte, ihm jetzt den Kassenbeleg ausfüllen musste, mit dem er dann am Kassenschalter zahlen konnte.
Er hatte sie nicht erkannt, sie sagte daher sehr freundlich lächelnd: “Wenn Sie bitte genau prüfen wollen Herr S., kann ja sein, dass ich nicht nur zu blöd zum Rechnen bin, sondern auch zu dumm, die richtigen Zahlen abzuschreiben.“
Er stutzte, und sein verblüfftes Gesicht, als es ihm dämmerte, war fast identisch mit dem von vor zehn Jahren.
© Sibylle E. (2008, überarbeitet 2012)
Bild: Gerd Altmann / Pixelio.de
