"Vor einigen Jahren haben mein Mann und ich uns nach sechsjähriger Ehe getrennt. Die drei Kinder, damals zwischen zwei und fünf Jahren, blieben bei mir. Ab sofort musste ich allein für den Lebensunterhalt von uns Vieren sorgen.
Oft fühlte ich mich am Rand der Gesellschaft, falsch beurteilt, angegriffen, verraten und ausgenützt und fand mich an den äußersten Grenzen meiner Kraft.
So setzte es mir zu, als ich erfuhr, dass mein Mann ein Studium absolvierte, statt an den Unterhalt seiner Familie zu denken. Oder aber ich verstand es nicht, dass Alimenteninkassostelle, Stipendienkasse und so weiter uns als 'Grenzfall' bezeichneten und Gründe fanden, nicht helfen zu müssen.
Es demütigte mich, als mein Mann sich wieder verheiratete und ich auf die Publikation in der Zeitung hin viele neugierige, indiskrete Telefonanrufe beantworten musste.
Ich wollte nicht weiter gerichtlich vorgehen, wusste ich doch, dass er selbst unter seiner Eigenart mehr litt als ich. Ich wollte ihm nicht schaden.
Das half mir, den Frieden im Herzen und in der Familie zu wahren.
Seit drei Jahren sind alle drei Kinder im Studium. Ich musste ein volles Arbeitspensum übernehmen, um Monat für Monat alle Ausgaben bestreiten zu können. Nach kurzer Zeit spürte ich, dass es neben dem Haushalt und der Belastung der vielen Jahre für mich zuviel wurde. Auf der Rückseite des Holzkreuzes in unserem Wohnzimmer hatte ich den Satz geschrieben, den ich in dem Text einer bekannten Gründerin und Schriftstellerin unserer Tage (Chiara Lubich) gefunden hatte: "Ob es uns gut oder schlecht geht, wir glauben immer an die unendliche Liebe Gottes!"
Eines Abends, bevor der älteste Sohn von zu Hause auszog, setzten wir uns zusammen und beschlossen, alle Dokumente und einen hohen Schuldschein nicht bezahlter Alimente, die den Vater belasteten, zu vernichten.
Dieses konkrete Verzeihen heilte eine Wunde vollends in mir und schenkte mir neue Kraft und Freiheit.
Mein Sohn, der den Vater im Ausland besuchte, teilte ihm diese Entlastung mit.
Der Vater, der darüber sehr gerührt war und sich offensichtlich über den Studieneifer seiner Kinder freute, hatte damals bereits kleinere Beträge als Beteiligung an den Kosten zu zahlen begonnen.
Nun aber hat er sogar seine Zahlungen erhöht und schickt sie regelmäßig, so dass sie beinahe der gerichtlich festgesetzten Summe pro Monat entsprechen... E.G."
