Stell dir vor du begegnest einer netten jungen Frau - sympathisch, freundliches Wesen, nicht die Hübscheste, aber doch auf eine natürliche Art schön. Du kannst mir ihr über fast alles sprechen und zu den meisten Themen äußerst sie sich gerne. Sie sucht deine Nähe, will Zeit mit dir verbringen und du erlebst sie als glücklichen Menschen der gerne und viel lacht. Sie versucht dir gut zu sein und du machst mit. Nimmst an ihrem Leben teil - etwas dass du bis dahin vielleicht immer vermieden hast, einfach weil die Erfahrung dir schon früh eingebläut wurde dass du dich dadurch ausliefern und verletzbar machen kannst.
Sie stellt dich ihren Bekannten vor, ihrer Familie und muss sich gelegentlich Vorwürfe anhören: „Der passt doch gar nicht zu dir. Der ist zu dies, dass, jenes“ ... und trotzdem, sie verteidigt dich und steht zu dir. „Ich habe dich noch nie so glücklich gesehen, aber trotzdem, Der?“.
Du willst dich nicht darauf einlassen, weil du in etwa ahnst was geschehen kann. Und trotzdem ... irgendwann sitzt du neben ihr, sie greift deine Hand, blickt dir tief in die Augen und ... du verliebst dich. Da sind plötzlich diese Hummeln im Bauch, die Welt tanzt um dich herum und du fühlst dich als könntest du jedes Hindernis überspringen. Es ist ein schöner Moment der dir, wenn du nicht aufpasst, die Scheuklappen fest an die Schläfen nagelt.
Die erste Zeit unternehmt ihr viel. Du lernst neue Menschen kennen: Fremde die merken dass du nicht so bist wie sie und die dich um ihretwillen zwar willkommen heißen, die dir jedoch zu verstehen geben dass du jederzeit in ihren Augen austauschbar bist. Du machst gute Miene zum bösen Spiel und begleitest sie trotzdem. Sagst ihr dass es dir gefällt, denn du selbst kannst nicht mit einem Freundes- oder Bekanntenkreis aufwarten...
Wenn dich jemand wirklich liebt, dann baut er eine Verbindung zu dir auf.
Eine Verbindung die keine Einbahnstraße ist! Sie spürt früher oder später dass du nicht glücklich bist wenn ihr mit den Freunden unterwegs seid und sie beginnt sich von ihren Freunden immer mehr zurückzuziehen. Du kannst im Laufe deines Lebens noch so sehr gelernt haben Masken zu tragen, dich selbst zu verstecken. Wenn dir jemand ins Herz sieht, dann sind all die Masken wertlos geworden.
Egal wie sehr du sie auch drängst weiter an dem teilzunehmen, was sie seid Jahren als Freundschaft erlebt hat. Denn du kennst die gelegentliche Verzweiflung die aufkommt wenn niemand da ist. Aber sie hört nicht auf dich. Der Kontakt wird immer schwächer und bricht irgendwann komplett ein. Und ab diesem Moment bist du ihr Freund - ihr Bekanntenkreis...
Ob du es glaubst oder nicht, aber es kann sehr belastend werden wenn dich jemand zum Mittelpunkt seines Lebens macht. Immer mehr Erwartungen in dich steckt, dich immer mehr erhöht und anfängt jemanden in dir zu sehen, der du eigentlich gar nicht bist. Und es ist schmerzhaft wenn du beobachtest dass dieser Mensch immer mehr von sich selbst aufgibt, weil er dir ähnlich sein will. Besonders dann wenn du merkst dass er im Grunde nicht damit zurecht kommt, immer unzufriedener und unglücklicher wird...
Irgendwann dreht sich die Liebe und wird zu Mitleid. Du versuchst sie zurückzuhalten weiter auf deinem eigenen Weg zu Folgen:
„Nein, mach dies doch anders!“
„Warum denkst du die Dinge wären so?“
„Wie geht es eigentlich Michael/Thomas/XYZ? Willst du sie nicht einmal anrufen?“
Alles egal, alles gleichgültig, denn du bist da - was sollen da andere in ihrem Leben Platz einnehmen? Was mich bis heute erschreckt ist dass die guten Freunde, die sie hatte, kein Problem damit zu haben schienen, als sie ihnen aus dem Weg ging. Wirklich bemüht, hatte sich keiner von ihnen...
Sie wird immer unzufriedener, es gibt immer mehr Punkte die sie dazu bringen zu verurteilen: Jüngere Frauen, die vielleicht dem gewöhnlichen Schönheitsideal eher entsprechen, mutieren zu Konkurrentinnen, auch wenn sie sie nur im TV sieht. Und die Glotze läuft immer öfter. Denn was soll man nach draußen gehen, wenn man doch alles hat was man meint zu brauchen? Wo am Anfang gemeinsame Unternehmungen waren, spielt sich das Leben immer mehr vor der Glotze ab. Arbeiten - TV - Du, arbeiten - TV - Du. Kein Raum mehr für echtes Leben oder neue Inspiration...
Wenn über Ressourcenknappheit, Katastrophen oder Unrecht berichtet wird, dann sind die Menschen es eben selber Schuld. „Sie könnten ja Brunnen graben.“ „Und die junge Tusse, selber Schuld wenn sie sich so billig verkauft!“ „Ach, schau dir den Idioten an, der denkt er würde Superstar?“ „Sag mal, mit wem telefonierst du denn jetzt?“ „Also ich finde es nicht richtig dass du mir so wenig Zeit einräumen willst!“ ... Mitgefühl oder Verständnis wird zum Wagnis, wenn man beginnt sein Leben in den TV-Sessel zu verfrachten statt ein eigenes Leben zu führen und an der Realität teilzunehmen...
Du stehst da, denkst an jene lebenslustige Frau zurück die dir damals, vor sechs Jahren begegnete: Keine ausgesprochene Schönheit, aber ein Mensch der wegen dem strahlte, was er war. Jemand der im Leben stand, der Bekannte und Freunde hatte. Dinge die sie aufgab, aus der Überzeugung heraus dir damit einen Gefallen zu tun. Du wolltest dich nicht darauf einlassen, hast es aber getan und im Endeffekt hast du ihr den Glanz genommen, den sie verströmte. Du magst versucht haben es zu verhindern, aber du warst nicht konsequent genug. Du hättest dich einfach nicht darauf einlassen dürfen...
Du bist nicht ganz dumm und weißt wo es wirklich enden würde, also ziehst du die Reissleine. Noch kann sie Kontakt mit ihren Freunden aufnehmen, wieder in ihr altes Leben kommen. Allerdings muss dafür dass verschwinden, was sie als Mittelpunkt betrachtet und was sie bei all der Liebe doch niemals wirklich verstehen wird. Dass ... bist Du!
Also willst du es beenden. Du sagst es ihr und unweigerlich werden Tränen fließen, denn sie hat so vieles für dich aufgegeben. Wenn du schwach bist, wirst du den Rückzug nicht lange aufrecht halten.
Ich habe gelernt dass Knochen, Organe und Haut heilen. Blaue Flecken verschwinden, Spucke lässt sich abwaschen und Worte? Worte kannst ich mittlerweile gut überhören. Sicher, alles hinterlässt Narben - in der ein oder anderen Form - aber ich kann damit leben. Und dann musste ich erkennen dass die Tränen einer anderen Person schmerzlicher sein können als gebrochene Glieder und sie mich stärker von den Beinen reißen können als ein Blutverlust. Ich lernte plötzlich eine völlig neue Art der Verwundbarkeit kennen...
Sie bettelt und fleht, weint und jammert und du kannst es nicht ertragen der Grund für diesen Schmerz zu sein. Also gehst du wieder zurück. Die erste Zeit ist da wieder ein Stück des alten Menschen zu sehen: Die, die sie war bevor du ihren Weg gekreuzt hast. Auch ihre alten Freunde sind wieder ein Stück weit in ihr Leben gekommen und du denkst dass es diesmal besser wird.
Aber dass ist ein Trugschluss!
Sie wird wieder versuchen dich zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen. Sie wird dich wieder idealisieren und sie wird wieder darunter leiden dass im Grunde anders ist. Und du? Du wirst die meiste Zeit einen sehr bitteren Beigeschmack empfinden, denn im Endeffekt bist du für sie verantwortlich. Ich weiß, jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich. Aber ich sehe es anders. Kindern überlässt man ebensowenig sehr viel Verantwortung wie Behinderten oder Schwachen, aber Stärke drückt sich nicht immer nur im Wissen, oder der Fähigkeit aus sich wie ein Jäger zu bewegen!
Wer stark ist, der trägt auch Verantwortung. Auch für die, die er in sein Leben lässt...
Die drei ersten Jahre verbanden mich zunächst Liebe und dann Freundschaft mit ihr. Die drei letzten Jahre war ich aus falsch verstanden Mitleid mit ihr zusammen. Ich habe ihr dadurch drei Jahre lang die Chance geraubt zu sich selbst zurück zu finden, oder einem Menschen zu begegnen der wirklich zu ihr passen würde. Ebenso wie ich mir die gleiche Chance genommen habe - obwohl ich es hätte wissen müssen...
