Verdrehte Welt, dachte ich, als es darum ging, verletzte Männerseelen zu verstehen. Gerade Frauen, denen  man doch ständig nachsagt, sie seien total empathisch und verstünden andere Menschen, auch ohne über deren konkrete Probleme  sprechen zu müssen, meinten, man könne gefühlsmäßig begründete Ängste und Reaktionen mit dem Verstand packen.

 

Kurz kam mir die Erinnerung, dass Frauen viel radikaler in ihren Konsequenzen aus Erfahrungen als Männer sein sollen. Kann es sein, dass meine Reaktionen auf Beziehungs-Stress typisch männlich sind, und dass Frauen völlig anders fühlen und viel lockerer mit diesen Problemen umgehen?

 

Man soll ja nicht verallgemeinern, also werde ich konkret.

 

Beispiel:

 

Es gibt gewisse Dinge, die man einer Frau einfach nicht beichten sollte, die man nicht genau kennt. Weil die meisten völlig andere Reaktionen auf Beichtgeheimnisse zeigen als Männer.

 

Viele Frauen plappern irgendwelche intimen (mit "intim" meine ich nicht unbedingt "sexuell") Erlebnisse vor sich hin, kichern mit Freundinnen darüber, und die Art, wie sie das sagen, bedeutet für sie keine besondere Überwindung..

 

Öffnen sich manche Männer, was wesentlich seltener vorkommt, kehren sie ihr Innerstes nach außen, und du erfährst ihre Seele, nimmst teil an einem Stück ihrer selbst, und sie zeigen dir dadurch, dass sie dir vertrauen. Und wehe, du missbrauchst ihr Vertrauen und verwendest später diese Kenntnisse gegen sie. Und sei es nur dadurch, dass du sie daran erinnerst.

 

Du argumentierst also irgendwann später:

 

„Aber du hast mir doch selber gesagt, dass du in deiner letzten Beziehung fremd gegangen bist. Hinter den Pelzmänteln in der Theatergarderobe. Wer sagt mir denn, dass du das jetzt nicht wieder gemacht hast“?

 

Er würde es nie wieder tun, denn wollte er das, würde er dir seine Sünden nicht beichten. Durch die Beichte zeigt er dir nämlich, dass er seine Fehler eingesehen hat. Angeben wollte er damit nicht. 

 

Auf deine Art, ihn daran zu erinnern,  erreichst du nur, dass er das Vertrauen in dich verliert.  Ein männlicher Ehrenkodex sagt: Eher lasse ich mich töten als intime Kenntnisse zu verwenden oder preis zu geben.

 

Oder Beispiel 2:

 

Dein Mann will von dir verstanden werden und einen Konflikt zwischen euch begraben. Er meint zu wissen, wie er dir seine Meinung so rüber bringt, dass sie dich nicht provoziert. Er klagt nicht an, sondern schildert dir seine Empfindungen. Er sagt nicht:

 

„Wenn du nicht immer soviel meckern würdest, wenn ich mit einer Fahne nach Hause komme, müsste ich meinen Kumpels nicht in der Kneipe erzählen, wie unglücklich ich mit dir bin.“

 

Das brächte ihn nämlich selber auf die Palme, und er glaubt, dass es dir ebenso ginge. Er sagt stattdessen:

 

„Franz, Karl und ich, wir sind noch einen trinken gegangen, weil ich spürte, dass Franz sein Herz ausschütten wollte. Da konnte ich schließlich nicht gleich wieder abhauen. Und dann haben Karl und ich ihn getröstet und erzählt, dass es uns mit unseren Frauen auch nicht anders geht.“

 

Und jetzt darfst du um Himmels Willen nicht sagen:

 

„Was? Du erzählst fremden Leuten von unserem Eheleben? Bist du denn verrückt? Was geht die das an.“

 

Nein, der Mann tratscht nicht,  er hat eine intime Session mit seinen besten Freunden, denen er voll vertraut. Er öffnet sich doch auch zu deinen Gunsten, denn vielleicht lernt ihr beide daraus und macht es in Zukunft besser.

 

Belassen wir es bei zwei Beispielen. Man könnte sie unendlich ausdehnen.

 

Wo sind sie also, die Männerversteherinnen? Wann begreift ihr Frauen, dass Männer empfindliche Seelen haben und nicht nur aus Gier nach Sex, Autos und Fußball bestehen?

 

Manchmal sind solche Äußerlichkeiten nämlich nichts als Show, die er braucht, um seine Unsicherheit vor euch zu verbergen.