Zindy aus Marzill, Folge 1
EIN LANDEI IN KÄFIGHALTUNG.In Marzill in Bayern soll geheiratet werden. Zindy, die Braut, weiß noch nicht so recht. Zindy, die lange auf sich warten lässt, während das ganze Dorf versammelt ist, um der Hochzeit beizuwohnen.
Die Braut heißt eigentlich Luzinda. Sie lebt in mir, wenn ich schreibe, so sicher wie ich NIE anfangen werde, in ihr zu leben. Ich ahne, was sie täte, wenn sie nicht in Berlin, sondern in Bayern leben würde. Und das schreibe ich jetzt auf.
Die Hälfte der Wartenden setzte sich, einer nach dem anderen, in Bewegung und schlenderte, abfällige Kommentare murmelnd, erst zögerlich, doch dann immer entschlossener Richtung ‚Goldener Hirsch’, der sich blau-weißer Tradition gemäß direkt neben der Kirche befand.
Es waren nur noch wenige da, als Zindy um die Ecke gerauscht kam. Gerauscht ist der richtige Ausdruck. Zindy, Mitte zwanzig und ungewöhnlich groß, brachte an die hundert Kilo auf die Waage, und es war nicht leicht für Bräutigam Franz Josef gewesen, ein passendes Hochzeitskleid für sie aufzustöbern. Und eben dieses schleppte Zindy im Moment hinter sich her, dass es nur so rauschte. Um den Leib, dort wo andere Frauen eine Taille haben, trug sie einen Bindfaden, mit dem man sonst Kartoffelsäcke zuzubinden pflegt.
Bräutigam Franz-Josef, Inhaber der Pflock-Werke, an die fünfzig und ein Strich in der Landschaft im Vergleich zu Zindy, ging gelassen auf sie zu. Als Unternehmer hatte er hunderte von Augenblicken erlebt, in denen es um alles oder nichts gegangen war. Sowas brachte ihn nicht aus der Ruhe. Und wieder einmal schien er zu bekommen, was er sich ausgesucht hatte.
„Entschuldigen Sie“, keuchte Zindy und sah Franzl zerknirscht an. „Mein Reißverschluss hat geklemmt, und es war niemand da, der ihn mir hochziehen konnte.“
„Du“, verbesserte Franzl. „Wir heiraten heute, Luzinda. Eheleute duzen sich. Darf ich deinen Behelfsgürtel lösen?“
Franzl bog um Cindys Massen herum und erreichte ihre Rückseite. Er suchte den Reißverschluss und fand ihn endlich zwischen den Abnähern.
Von vorn kam der Pfarrer.
„Da sind Sie ja endlich“, rief Hochwürden erleichtert. Er sah sich hektisch um. „Aber wo ist jetzt der Bräutigam? Herrgott nein, ich habe hinterher noch eine Beerdigung.“
Zindy griff nach hinten. Mit der linken Hand bekam sie etwas zu fassen, von dem sie nicht recht wusste, was es war. Mit rechts suchte sie nach der Bestätigung ihrer Vermutung. Handelte es sich bei dem gefühlten Objekt um ihren Chef, den sie heute heiraten sollte? Ihre Arme waren nicht lang genug, um Franzl rechts und links zu erfassen, aber sie fühlte den Ruck, mit dem Franzl den Reißverschluss nach oben zog. Erleichtert atmete Zindy auf.
„Himmiherrgottsakramentzefix“, schimpfte Franzl. „Wie soll ich den nur heute Nacht wieder aufbekommen?“
Zindy war sich der Dramatik des Augenblicks bewusst. Gerade in dem Moment, als Franzl den überflüssig gewordenen Kartoffelsack-Faden gelockert hatte und der zu Boden fiel. Ihr Blick glitt himmelwärts. Sie war nicht gläubig, obwohl sie in Bayern aufgewachsen war, aber wer konnte ihr jetzt noch helfen außer irgend ein höheres Wesen?
Das höhere Wesen erschien Zindy in Form eines Kaminkehrers, eines Schonsteinfegers, wie man in Berlin gesagt hätte, der Stadt, aus der ihre Eltern einst nach Bayern gezogen waren. Der Mann in schwarz stand auf dem Dachfirst und schob eine ruhige Kugel. Die Kugel glitt im Kamin auf und ab und reinigte. Was in Zindy eine neue Assoziation auslöste: Franzl und sie in der Hochzeitsnacht. Diese Vorstellung gab ihr den Rest. Ihr Blick fiel ins Bodenlose, auf ein Moped, eine Kreidler Florett, offensichtlich das Transportmittel des Kaminkehrers, denn an Lenker und auf dem Gepäckträger waren zusätzliche Gerätschaften angebracht.
Zindy geriet in Panik. Sie spurtete los. Sie durchbrach wie ein Schneepflug mühelos die Mauer der Wartenden. Ruckzuck flogen Kehrbesen und Kette auf den Boden und Zindy trat das Moped an. Knatternd machte sich der kleine Einzylinder an die Arbeit und fuhr los, als Zindy die Kupplung ruckartig kommen ließ.
*
Zindy knatterte der tief stehenden Sonne entgegen. Ihr Hochzeitskleid fegte die Straße, was Zindy ein Lächeln abforderte. Wenn sie auch durch ihre Größe und ihre tonnenförmige Figur äußerst unattraktiv auf Männer wirkte, so hatte sie doch einen ausgeprägten Humor und ein gesundes Selbstbewusstsein. Gott allein wusste, woher sie das haben konnte, denn es gab nicht viel in ihrem Leben, was ihr derzeit Freude machte. Vor allem, nachdem vor wenigen Tagen ihre Großeltern in Berlin verstorben waren. Das heißt, der letzte der beiden, Opa Paul.
Heiraten aus rein taktischen Gesichtspunkten kam für Zindy nicht in Frage. Seit sie auf Jamaika ihren Prinzen ‚Kissmequick’ kennen gelernt hatte, wusste sie, was Liebe ist. Er hatte sie geliebt, ohne seine hübsche Nase über ihre Figur zu rümpfen, immer und immer wieder, und am Ende ihres Urlaubs hatte er versprochen, sie irgendwann einmal besuchen zu kommen. Das war Zindys Traum, und irgendwann würde dieser Traum wahr werden.
Wenn ich jetzt im Pflockwerk nicht mehr arbeiten kann, weil ich den Chef beleidigt habe, bewerbe ich mich bei der Stadtreinigung als Straßenkehrmaschine, dachte sie und grinste.
Die Kinder, die johlend hinter ihr her gerannt waren, hatte sie hinter sich gelassen. Sie fuhr Richtung Freiheit, aber bald würde sicherlich Franzl Pflock in seinem S-Klasse-Mercedes hinter ihr auftauchen, neben ihr die Scheibe herunter lassen und sie voller Verständnis in der Stimme fragen, ob sie denn nicht umsteigen wolle, vom Moped in das Fahrzeug des Millionärs, was eine gewisse Symbolik ausstrahlte und doch so real sein konnte. Das war Zindy klar, und augenblicklich stellte sie die wesentlichen Entscheidungskriterien gegenüber. Hier ein Leben als gelangweilte, aber sorglose Produzentin eines Firmennachfolgers und da ein kleiner, spacker Mann, der sicherlich seinen Körper verbiegen musste, damit er seine zeugungsrelevanten Teile überhaupt nahe genug an Zindys Gegenstück heran kam. Irgendwann würde er aufgeben und den anderen Weg wählen. Sie sah sich im Geiste schon auf dem Gynäkologenstuhl, wenn alle Stricke rissen, wo ihr Franzls Samenspende per Spritze von der Größe eines Klistiers beigebracht werden würde. Eine schreckliche Vorstellung.
Vor Zindy tauchte ein Igel auf. Der hatte sich offensichtlich in den Kopf gesetzt, am Tage die Straße zu überqueren, was selbst bei wenig befahrenen Straßen ein ziemliches Risiko für ihn darstellte. Zindy sah ihn sehr spät, fast zu spät, und sie riß den Lenker herum und erwischte den Igel doch noch mit dem Saum ihres Hochzeitskleides. Sie schliff den armen Kerl wenige Meter hinter sich her und fuhr nach rechts an den Straßenrand. Sie stieg vom Moped, bedachte nicht, dass sie dabei war, ihren Fuß in einen mit Gras bewachsenen Straßengraben zu setzen und kugelte hinein. Das Moped lag auf der Seite und tuckerte im Leerlauf vor sich hin.
„Willst du nicht nach Hause kommen? Wir müssen ja nicht heiraten, wenn du nicht willst“, sagte Franzl, der plötzlich mit in die Taille gestützten Armen über ihr stand.
Zindy nestelte den Igel aus dem Brautkleid und versuchte ihn zu streicheln.
„Danke, dass Sie den Kleinen nicht tot gefahren haben“, sagte Zindy. „Sie kleiner Mann im großen Auto. Haben Sie eine Zigarette?“
Sie klopfte ihr Brautkleid ab, aber Brautkleider haben keine Taschen für Zigaretten. Weil sowohl beim Standesamt als auch in der Kirche das Rauchen verboten ist.
Egal was auch immer sie jetzt sagen würde, sie war sowieso so gut wie gekündigt.
„Ich rauche nicht. Sie haben ihn ja vor mir gerettet“, stellte Franzl nüchtern fest. „Vor dem kleinen Mann mit dem unbändigen Wunsch nach einem Nachfolger. Und Sie sollten auch nicht rauchen. Das schadet der Frucht.“
„Warum haben Sie eigentlich ausgerechnet mich ausgewählt?“
Er sagt Sie zu mir, dachte Zindy, als sie ihre Massen mühsam aus dem Straßengraben wuchtete. Wenn er Sie sagt, und vor allem wie er das sagt, bin ich nicht mehr seine Braut, aber immer noch seine Angestellte, und das ist gut so.
„Weil bei Ihrem Becken Kinderkriegen für eine Frau so leicht wie Stuhlgang sein dürfte“, sagte Franzl. „Ich weiß nicht, wieviele Versuche ich noch habe. Es sollte gleich beim ersten Mal klappen.“
Seine Versuche, ihr aus dem Graben zu helfen, wehrte sie wortlos ab. Die Gewichtsverhältnisse waren zu ungleich. Eher hätte sie ihren Chef zu sich herunter gezogen, aber das wollte sie auf keinen Fall. Denn das hätte mit Sicherheit zu Missverständnissen geführt.
*
„Langsamer Walzer“, murmelte Zindy. „Bah, so etwas Langweiliges.“ Sie sog an ihrer Zigarette.
Die Mitarbeiter der Pflock-Werke feierten schon am nächsten Abend ihr alljährliches Betriebsfest, und der langsame Dreivierteltakt gab den Beteiligten die Gelegenheit, während des ganzen Jahres aufgestaute Sehnsüchte und verhinderte Leidenschaften wahr werden zu lassen. Fest aneinander geschmiegt bewegten sie sich auf der Stelle, und so manche Hand presste sich auf den Po des Tanzpartners, so als befürchtete man, dass der sonst abfiele.
„Was hast du gegen einen langsamen Walzer?“ fragte Christ, die mit ihr am Tisch saß.
„Ich hätt’ gern etwas Flotteres“, behauptete Zindy.
„Du tanzt doch eh nicht“, stellte Christl trocken fest. „Schon, weil dich niemand auffordert. Soll ich dir mal einen Voodoo-Zauber raussuchen?“
„Scheiß was auf Voodoo. Ich mag sowieso nicht tanzen“, nörgelte Zindy, als unverhofft der Herr Möbius vor ihr auftauchte und per Kopfnicken andeutete, dass er mit ihr zu tanzen gedachte.
Christl wurde gelb vor Neid und riß den Mund auf.
Gerd Möbius war der begehrteste Junggeselle in der Firma. Seit er geschieden war, entwickelten diverse Frauen Strategien, die man ihnen nie zugetraut hätte, um an ihn heran zu kommen. Aber Möbius hielt nichts von Liebschaften unter Mitarbeitern, schon, weil er nicht wusste, wie Franzl Flock dazu stehen würde, falls er davon erfuhr. Aber das war der Stand von gestern, und heute machte sich Gerd an die Frau heran, die er vor dem Gespräch mit dem Chef am allerwenigsten heran gemacht hätte.
Zindy schob Christl den Aschenbecher mit der Zigarette unter und nickte ihr aufmunternd zu. Solidarisch sog Christl daran und hustete prompt.
Gerd führte Zindy auf die Tanzfläche und versuchte, seinen Arm so zu plazieren, dass er nicht abgleiten konnte. Das war nicht so leicht, und die Sachlage erinnerte ihn, den passionierten Bergsteiger, an die Aufgabe, in einem viel zu weiten Kamin nach oben zu kommen.
„Klemmen Sie Ihren Daumen doch hinter meinen Gürtel“, schlug Zindy vor. „Auf die paar Kilo kommt es nun auch nicht mehr an.“
Gerd Möbius war völlig aus dem Häuschen. Dieses fette Weib war tatsächlich in der Lage, selbstironisch die Situation zu entkrampfen. Warum gibt es nicht beides? fragte er sich. Eine hübsche Frau, die dazu noch soviel Mutterwitz mitbringt?
„Wo gibt es eigentlich so lange Gürtel?“, fragte Möbius, als sich die beiden in Bewegung setzten und während der Drehung die Gewichte von einem Bein auf das andere verlagerten. Eine Frau, die solche Sprüche von sich gab, konnte seinen Spott sicherlich vertragen
Zindy schnalzte mit der Zunge.
„Waren Sie schon mal im Wilden Westen?“, fragte sie. „Wo die Kälber mit dem Lasso eingefangen werden, damit man ihnen das Brandzeichen verpassen kann?“
„Nee“, rief Gerd Möbius gespannt.
„Sehen Sie“, sagte Zindy. „Wenn Sie zwei von den Lassos zusammen knoten, haben Sie einen halben Gürtel.“
Gerd grinste. Er dachte an seinen Auftrag und überlegte, wie er diese Frau würde in Schwingungen versetzen können. Er drückte Zindy fest an sich und rubbelte mit den Fingerspitzen über ihre Wirbel, das heißt, er strich dort entlang, wo er Wirbel vermutete.
Zindy genoss seine Berührungen. Sie lächelte in sich hinein. Nach Prinz Kissmequick hatte sie kein Mann mehr begehrt, und nun ausgerechnet dieser Adonis.
„Rauchen Sie eigentlich?“, fragte Gerd Möbius, der zwangsläufig Zindys Atem roch.
„Nein, es ist das leidige Passivrauchen“, log Zindy.
Noch ein Prinz, dachte sie. Und Gerd genoss ihre Reaktion, bis sie plötzlich berlinerte.
„Ejon, nimm det Knie da weg“, piepste sie.
„Wie bitte?“, fragte Gerd erstaunt.
Zindy senkte die Stimme auf Männertiefe.
„Wat heeßt hier Knie? Det isser“, brummte sie.
Gerd lachte auf. „Was ist los?“
„Ein Berliner Witz“, erklärte Zindy. „Die beiden tanzen, genau wie wir, und sie spürt einen leichten Druck in ihrer Schamgegend.“
„Einen leichten“, fragte Gerd und lachte.
Zindy legte den Kopf schelmisch auf die Seite.
„Naja, sagen wir einen mittleren.“
*
Franzls Hand ruhte auf Vronis Schultern und nicht in ihrer Taille, geschweige denn auf ihrem Po. Von seiner Seite aus war dieser Tanz eher eine Pflichtübung zwischen Chef und Sekretärin. Vroni hingegen, über 50 und nicht mehr zeugungsfähig, hielt es fast für selbstverständlich, dass Franzl sie irgendwann heiratete. Schließlich hatten sie das 25jährige Firmenjubiläum gemeinsam längst hinter sich gebracht, und nie hatte es Streit oder Meinungsverschiedenheiten gegeben. War das nicht Garantie für einen Lebensabend in Harmonie genug?
Franzl beobachtete Gerd und Zindy. Eben küssten sich die beiden, und Franzl war sich sicher, dass ein Zündplätzchen, dass man zwischen die beiden geklemmt hätte, explodiert wäre. Diese Frau war weich genug gekocht, um ein unbändiges Verlangen nach einem Mann zu spüren. Er war bereit, die Suppe auszulöffeln, die der begabte Herr Möbius für ihn gekocht hatte.
„Ich glaube, ich lasse mich nach Hause fahren.“ Franzl gähnte demonstrativ.
„Wo ist dein Autoschlüssel?“, fragte Vroni diensteifrig. „Wie immer in deiner Hosentasche?“
Sie schickte sich an, mit ihren langen Spinnenfingern in Franzls Hose zu fahren. Franzl schlug ihr auf die Hand.
„Da ist er nicht“, fauchte er. „Außerdem fährt mich die liebe Luzinda und nicht du.“
Vroni ließ ihn los und stieß ihn von sich.
„Hast du von der noch immer nicht die Nase voll? Erst führt sie dich vor der versammelten Gemeinde vor, und jetzt läufst du ihr immer noch nach? So ein alter Geck.“
„Bastel’ mir ein Mäxchen und ich folge dir auf’s Wort“, schlug Franzl vor. Er marschierte zu Gerd und Zindy und klatschte Zindy ab. Er hüpfte um die beiden herum und klatschte und klatschte, aber die beiden bemerkten ihn gar nicht. Dazu bedurfte es eines ziemlich derben Pferdekusses in Gerds Knie. Gerd zuckte schmerzhaft zusammen. Zindy spürte den Stoß durch Mark und Bein.
„War er das?“, fragte Zindy.
„Diesmal war’s das Knie“, flüsterte Gerd mit verzerrter Stimme. „Aber das vom Chef.“
„Sie möchten mich bitte nach Hause fahren“, sagte Franzl.
„Wer, ich?“, fragte Gerd und deutete mit dem Zeigefinger auf sich selber..
„Nein, Fräulein Luzinda fährt mich“, klärte Franzl auf. „Das geht. Der Fahrersitz ist breit genug.“
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Es waren nur noch wenige da, als Zindy um die Ecke gerauscht kam. Gerauscht ist der richtige Ausdruck. Zindy, Mitte zwanzig und ungewöhnlich groß, brachte an die hundert Kilo auf die Waage, und es war nicht leicht für Bräutigam Franz Josef gewesen, ein passendes Hochzeitskleid für sie aufzustöbern. Und eben dieses schleppte Zindy im Moment hinter sich her, dass es nur so rauschte. Um den Leib, dort wo andere Frauen eine Taille haben, trug sie einen Bindfaden, mit dem man sonst Kartoffelsäcke zuzubinden pflegt.
Bräutigam Franz-Josef, Inhaber der Pflock-Werke, an die fünfzig und ein Strich in der Landschaft im Vergleich zu Zindy, ging gelassen auf sie zu. Als Unternehmer hatte er hunderte von Augenblicken erlebt, in denen es um alles oder nichts gegangen war. Sowas brachte ihn nicht aus der Ruhe. Und wieder einmal schien er zu bekommen, was er sich ausgesucht hatte.
„Entschuldigen Sie“, keuchte Zindy und sah Franzl zerknirscht an. „Mein Reißverschluss hat geklemmt, und es war niemand da, der ihn mir hochziehen konnte.“
„Du“, verbesserte Franzl. „Wir heiraten heute, Luzinda. Eheleute duzen sich. Darf ich deinen Behelfsgürtel lösen?“
Franzl bog um Cindys Massen herum und erreichte ihre Rückseite. Er suchte den Reißverschluss und fand ihn endlich zwischen den Abnähern.
Von vorn kam der Pfarrer.
„Da sind Sie ja endlich“, rief Hochwürden erleichtert. Er sah sich hektisch um. „Aber wo ist jetzt der Bräutigam? Herrgott nein, ich habe hinterher noch eine Beerdigung.“
Zindy griff nach hinten. Mit der linken Hand bekam sie etwas zu fassen, von dem sie nicht recht wusste, was es war. Mit rechts suchte sie nach der Bestätigung ihrer Vermutung. Handelte es sich bei dem gefühlten Objekt um ihren Chef, den sie heute heiraten sollte? Ihre Arme waren nicht lang genug, um Franzl rechts und links zu erfassen, aber sie fühlte den Ruck, mit dem Franzl den Reißverschluss nach oben zog. Erleichtert atmete Zindy auf.
„Himmiherrgottsakramentzefix“, schimpfte Franzl. „Wie soll ich den nur heute Nacht wieder aufbekommen?“
Zindy war sich der Dramatik des Augenblicks bewusst. Gerade in dem Moment, als Franzl den überflüssig gewordenen Kartoffelsack-Faden gelockert hatte und der zu Boden fiel. Ihr Blick glitt himmelwärts. Sie war nicht gläubig, obwohl sie in Bayern aufgewachsen war, aber wer konnte ihr jetzt noch helfen außer irgend ein höheres Wesen?
Das höhere Wesen erschien Zindy in Form eines Kaminkehrers, eines Schonsteinfegers, wie man in Berlin gesagt hätte, der Stadt, aus der ihre Eltern einst nach Bayern gezogen waren. Der Mann in schwarz stand auf dem Dachfirst und schob eine ruhige Kugel. Die Kugel glitt im Kamin auf und ab und reinigte. Was in Zindy eine neue Assoziation auslöste: Franzl und sie in der Hochzeitsnacht. Diese Vorstellung gab ihr den Rest. Ihr Blick fiel ins Bodenlose, auf ein Moped, eine Kreidler Florett, offensichtlich das Transportmittel des Kaminkehrers, denn an Lenker und auf dem Gepäckträger waren zusätzliche Gerätschaften angebracht.
Zindy geriet in Panik. Sie spurtete los. Sie durchbrach wie ein Schneepflug mühelos die Mauer der Wartenden. Ruckzuck flogen Kehrbesen und Kette auf den Boden und Zindy trat das Moped an. Knatternd machte sich der kleine Einzylinder an die Arbeit und fuhr los, als Zindy die Kupplung ruckartig kommen ließ.
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Zindy knatterte der tief stehenden Sonne entgegen. Ihr Hochzeitskleid fegte die Straße, was Zindy ein Lächeln abforderte. Wenn sie auch durch ihre Größe und ihre tonnenförmige Figur äußerst unattraktiv auf Männer wirkte, so hatte sie doch einen ausgeprägten Humor und ein gesundes Selbstbewusstsein. Gott allein wusste, woher sie das haben konnte, denn es gab nicht viel in ihrem Leben, was ihr derzeit Freude machte. Vor allem, nachdem vor wenigen Tagen ihre Großeltern in Berlin verstorben waren. Das heißt, der letzte der beiden, Opa Paul.
Heiraten aus rein taktischen Gesichtspunkten kam für Zindy nicht in Frage. Seit sie auf Jamaika ihren Prinzen ‚Kissmequick’ kennen gelernt hatte, wusste sie, was Liebe ist. Er hatte sie geliebt, ohne seine hübsche Nase über ihre Figur zu rümpfen, immer und immer wieder, und am Ende ihres Urlaubs hatte er versprochen, sie irgendwann einmal besuchen zu kommen. Das war Zindys Traum, und irgendwann würde dieser Traum wahr werden.
Wenn ich jetzt im Pflockwerk nicht mehr arbeiten kann, weil ich den Chef beleidigt habe, bewerbe ich mich bei der Stadtreinigung als Straßenkehrmaschine, dachte sie und grinste.
Die Kinder, die johlend hinter ihr her gerannt waren, hatte sie hinter sich gelassen. Sie fuhr Richtung Freiheit, aber bald würde sicherlich Franzl Pflock in seinem S-Klasse-Mercedes hinter ihr auftauchen, neben ihr die Scheibe herunter lassen und sie voller Verständnis in der Stimme fragen, ob sie denn nicht umsteigen wolle, vom Moped in das Fahrzeug des Millionärs, was eine gewisse Symbolik ausstrahlte und doch so real sein konnte. Das war Zindy klar, und augenblicklich stellte sie die wesentlichen Entscheidungskriterien gegenüber. Hier ein Leben als gelangweilte, aber sorglose Produzentin eines Firmennachfolgers und da ein kleiner, spacker Mann, der sicherlich seinen Körper verbiegen musste, damit er seine zeugungsrelevanten Teile überhaupt nahe genug an Zindys Gegenstück heran kam. Irgendwann würde er aufgeben und den anderen Weg wählen. Sie sah sich im Geiste schon auf dem Gynäkologenstuhl, wenn alle Stricke rissen, wo ihr Franzls Samenspende per Spritze von der Größe eines Klistiers beigebracht werden würde. Eine schreckliche Vorstellung.
Vor Zindy tauchte ein Igel auf. Der hatte sich offensichtlich in den Kopf gesetzt, am Tage die Straße zu überqueren, was selbst bei wenig befahrenen Straßen ein ziemliches Risiko für ihn darstellte. Zindy sah ihn sehr spät, fast zu spät, und sie riß den Lenker herum und erwischte den Igel doch noch mit dem Saum ihres Hochzeitskleides. Sie schliff den armen Kerl wenige Meter hinter sich her und fuhr nach rechts an den Straßenrand. Sie stieg vom Moped, bedachte nicht, dass sie dabei war, ihren Fuß in einen mit Gras bewachsenen Straßengraben zu setzen und kugelte hinein. Das Moped lag auf der Seite und tuckerte im Leerlauf vor sich hin.
„Willst du nicht nach Hause kommen? Wir müssen ja nicht heiraten, wenn du nicht willst“, sagte Franzl, der plötzlich mit in die Taille gestützten Armen über ihr stand.
Zindy nestelte den Igel aus dem Brautkleid und versuchte ihn zu streicheln.
„Danke, dass Sie den Kleinen nicht tot gefahren haben“, sagte Zindy. „Sie kleiner Mann im großen Auto. Haben Sie eine Zigarette?“
Sie klopfte ihr Brautkleid ab, aber Brautkleider haben keine Taschen für Zigaretten. Weil sowohl beim Standesamt als auch in der Kirche das Rauchen verboten ist.
Egal was auch immer sie jetzt sagen würde, sie war sowieso so gut wie gekündigt.
„Ich rauche nicht. Sie haben ihn ja vor mir gerettet“, stellte Franzl nüchtern fest. „Vor dem kleinen Mann mit dem unbändigen Wunsch nach einem Nachfolger. Und Sie sollten auch nicht rauchen. Das schadet der Frucht.“
„Warum haben Sie eigentlich ausgerechnet mich ausgewählt?“
Er sagt Sie zu mir, dachte Zindy, als sie ihre Massen mühsam aus dem Straßengraben wuchtete. Wenn er Sie sagt, und vor allem wie er das sagt, bin ich nicht mehr seine Braut, aber immer noch seine Angestellte, und das ist gut so.
„Weil bei Ihrem Becken Kinderkriegen für eine Frau so leicht wie Stuhlgang sein dürfte“, sagte Franzl. „Ich weiß nicht, wieviele Versuche ich noch habe. Es sollte gleich beim ersten Mal klappen.“
Seine Versuche, ihr aus dem Graben zu helfen, wehrte sie wortlos ab. Die Gewichtsverhältnisse waren zu ungleich. Eher hätte sie ihren Chef zu sich herunter gezogen, aber das wollte sie auf keinen Fall. Denn das hätte mit Sicherheit zu Missverständnissen geführt.
*
„Langsamer Walzer“, murmelte Zindy. „Bah, so etwas Langweiliges.“ Sie sog an ihrer Zigarette.
Die Mitarbeiter der Pflock-Werke feierten schon am nächsten Abend ihr alljährliches Betriebsfest, und der langsame Dreivierteltakt gab den Beteiligten die Gelegenheit, während des ganzen Jahres aufgestaute Sehnsüchte und verhinderte Leidenschaften wahr werden zu lassen. Fest aneinander geschmiegt bewegten sie sich auf der Stelle, und so manche Hand presste sich auf den Po des Tanzpartners, so als befürchtete man, dass der sonst abfiele.
„Was hast du gegen einen langsamen Walzer?“ fragte Christ, die mit ihr am Tisch saß.
„Ich hätt’ gern etwas Flotteres“, behauptete Zindy.
„Du tanzt doch eh nicht“, stellte Christl trocken fest. „Schon, weil dich niemand auffordert. Soll ich dir mal einen Voodoo-Zauber raussuchen?“
„Scheiß was auf Voodoo. Ich mag sowieso nicht tanzen“, nörgelte Zindy, als unverhofft der Herr Möbius vor ihr auftauchte und per Kopfnicken andeutete, dass er mit ihr zu tanzen gedachte.
Christl wurde gelb vor Neid und riß den Mund auf.
Gerd Möbius war der begehrteste Junggeselle in der Firma. Seit er geschieden war, entwickelten diverse Frauen Strategien, die man ihnen nie zugetraut hätte, um an ihn heran zu kommen. Aber Möbius hielt nichts von Liebschaften unter Mitarbeitern, schon, weil er nicht wusste, wie Franzl Flock dazu stehen würde, falls er davon erfuhr. Aber das war der Stand von gestern, und heute machte sich Gerd an die Frau heran, die er vor dem Gespräch mit dem Chef am allerwenigsten heran gemacht hätte.
Zindy schob Christl den Aschenbecher mit der Zigarette unter und nickte ihr aufmunternd zu. Solidarisch sog Christl daran und hustete prompt.
Gerd führte Zindy auf die Tanzfläche und versuchte, seinen Arm so zu plazieren, dass er nicht abgleiten konnte. Das war nicht so leicht, und die Sachlage erinnerte ihn, den passionierten Bergsteiger, an die Aufgabe, in einem viel zu weiten Kamin nach oben zu kommen.
„Klemmen Sie Ihren Daumen doch hinter meinen Gürtel“, schlug Zindy vor. „Auf die paar Kilo kommt es nun auch nicht mehr an.“
Gerd Möbius war völlig aus dem Häuschen. Dieses fette Weib war tatsächlich in der Lage, selbstironisch die Situation zu entkrampfen. Warum gibt es nicht beides? fragte er sich. Eine hübsche Frau, die dazu noch soviel Mutterwitz mitbringt?
„Wo gibt es eigentlich so lange Gürtel?“, fragte Möbius, als sich die beiden in Bewegung setzten und während der Drehung die Gewichte von einem Bein auf das andere verlagerten. Eine Frau, die solche Sprüche von sich gab, konnte seinen Spott sicherlich vertragen
Zindy schnalzte mit der Zunge.
„Waren Sie schon mal im Wilden Westen?“, fragte sie. „Wo die Kälber mit dem Lasso eingefangen werden, damit man ihnen das Brandzeichen verpassen kann?“
„Nee“, rief Gerd Möbius gespannt.
„Sehen Sie“, sagte Zindy. „Wenn Sie zwei von den Lassos zusammen knoten, haben Sie einen halben Gürtel.“
Gerd grinste. Er dachte an seinen Auftrag und überlegte, wie er diese Frau würde in Schwingungen versetzen können. Er drückte Zindy fest an sich und rubbelte mit den Fingerspitzen über ihre Wirbel, das heißt, er strich dort entlang, wo er Wirbel vermutete.
Zindy genoss seine Berührungen. Sie lächelte in sich hinein. Nach Prinz Kissmequick hatte sie kein Mann mehr begehrt, und nun ausgerechnet dieser Adonis.
„Rauchen Sie eigentlich?“, fragte Gerd Möbius, der zwangsläufig Zindys Atem roch.
„Nein, es ist das leidige Passivrauchen“, log Zindy.
Noch ein Prinz, dachte sie. Und Gerd genoss ihre Reaktion, bis sie plötzlich berlinerte.
„Ejon, nimm det Knie da weg“, piepste sie.
„Wie bitte?“, fragte Gerd erstaunt.
Zindy senkte die Stimme auf Männertiefe.
„Wat heeßt hier Knie? Det isser“, brummte sie.
Gerd lachte auf. „Was ist los?“
„Ein Berliner Witz“, erklärte Zindy. „Die beiden tanzen, genau wie wir, und sie spürt einen leichten Druck in ihrer Schamgegend.“
„Einen leichten“, fragte Gerd und lachte.
Zindy legte den Kopf schelmisch auf die Seite.
„Naja, sagen wir einen mittleren.“
*
Franzls Hand ruhte auf Vronis Schultern und nicht in ihrer Taille, geschweige denn auf ihrem Po. Von seiner Seite aus war dieser Tanz eher eine Pflichtübung zwischen Chef und Sekretärin. Vroni hingegen, über 50 und nicht mehr zeugungsfähig, hielt es fast für selbstverständlich, dass Franzl sie irgendwann heiratete. Schließlich hatten sie das 25jährige Firmenjubiläum gemeinsam längst hinter sich gebracht, und nie hatte es Streit oder Meinungsverschiedenheiten gegeben. War das nicht Garantie für einen Lebensabend in Harmonie genug?
Franzl beobachtete Gerd und Zindy. Eben küssten sich die beiden, und Franzl war sich sicher, dass ein Zündplätzchen, dass man zwischen die beiden geklemmt hätte, explodiert wäre. Diese Frau war weich genug gekocht, um ein unbändiges Verlangen nach einem Mann zu spüren. Er war bereit, die Suppe auszulöffeln, die der begabte Herr Möbius für ihn gekocht hatte.
„Ich glaube, ich lasse mich nach Hause fahren.“ Franzl gähnte demonstrativ.
„Wo ist dein Autoschlüssel?“, fragte Vroni diensteifrig. „Wie immer in deiner Hosentasche?“
Sie schickte sich an, mit ihren langen Spinnenfingern in Franzls Hose zu fahren. Franzl schlug ihr auf die Hand.
„Da ist er nicht“, fauchte er. „Außerdem fährt mich die liebe Luzinda und nicht du.“
Vroni ließ ihn los und stieß ihn von sich.
„Hast du von der noch immer nicht die Nase voll? Erst führt sie dich vor der versammelten Gemeinde vor, und jetzt läufst du ihr immer noch nach? So ein alter Geck.“
„Bastel’ mir ein Mäxchen und ich folge dir auf’s Wort“, schlug Franzl vor. Er marschierte zu Gerd und Zindy und klatschte Zindy ab. Er hüpfte um die beiden herum und klatschte und klatschte, aber die beiden bemerkten ihn gar nicht. Dazu bedurfte es eines ziemlich derben Pferdekusses in Gerds Knie. Gerd zuckte schmerzhaft zusammen. Zindy spürte den Stoß durch Mark und Bein.
„War er das?“, fragte Zindy.
„Diesmal war’s das Knie“, flüsterte Gerd mit verzerrter Stimme. „Aber das vom Chef.“
„Sie möchten mich bitte nach Hause fahren“, sagte Franzl.
„Wer, ich?“, fragte Gerd und deutete mit dem Zeigefinger auf sich selber..
„Nein, Fräulein Luzinda fährt mich“, klärte Franzl auf. „Das geht. Der Fahrersitz ist breit genug.“
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