"Meine Mutter hat meine Frau von Anfang an abgelehnt, ohne sie überhaupt kennengelernt zu haben. Während des Hochzeitsgottes-dienstes saß sie in der letzten Reihe, um unmittelbar danach wieder zu verschwinden.

    Die ablehnende Haltung der Mutter war für uns wie ein Stachel im Fleisch. Wir alle wollten in einer guten Atmosphäre miteinander leben, doch schon in der eigenen Familie gab es jetzt eine Trennung. Meine Frau und ich versprachen uns, in der Liebe zu ihr nicht nachzulassen, trotz der zahlreichen verletzenden Briefe, die sie uns schrieb.

    Eines Tages - wir waren mitten in Umzugsvorbereitungen, erreichte uns die schreckliche Nachricht, dass mein Bruder sich das Leben genommen hatte. Wir ließen alles stehen und liegen mit dem einzigen Wunsch, für meine Eltern dazusein. Die ohnehin schon schwere Situation zu Hause gipfelte darin, dass nun auch meine Mutter nicht mehr leben wollte. Eine Woche lang waren wir Tag und Nacht sehr wachsam und immer in ihrer Nähe.

    Ohne dass wir es zunächst merkten, wurden diese Tage zum Beginn einer neuen Beziehung zwischen meiner Mutter und meiner Frau. Meine Mutter ließ sich in ihrem Schmerz von uns helfen. In der darauffolgenden Zeit schrieb sie liebevollere Briefe, rief ab und zu an und kam uns sogar einige Male besuchen.

    Zwei Jahre später stellte sich heraus, dass sie schwer krank war und operiert werden musste. Um unseren Urlaub nicht zu gefährden, informierte sie uns jedoch erst später davon.

    Nach der Operation zog die Mutter zu uns. Wieder machte unsere Beziehung einen Qualitätssprung. Zum ersten Male konnten wir über tiefere Dinge sprechen und miteinander beten. Als meine Mutter wieder einmal große Schmerzen hatte, bat der Arzt, der nicht sofort kommen konnte, meine Frau, ihr eine Spritze zu geben. Nie, so sagte mir meine Frau später, habe sie etwas so aus bewußter liebevoller Zuwendung zu einem anderen Menschen getan."   M.S.