Obwohl Max scheinbar mit einer Unbekümmertheit durchs Leben ging, die manchmal schon an Leichtsinn grenzte, wusste nur er selbst, wie sehr ihn manche Ereignisse aufwühlen konnten. Er hatte im Laufe der Zeit erkannt, dass er in solchen Momenten besser für sich alleine war. Nicht, dass die Gefahr bestand in dieser Verfassung einer tiefen Depression anheim zu fallen, wenn die Dinge nicht den gewünschten Verlauf nahmen. Aber die Leichtigkeit, die ihn die schönen Augenblicke des Lebens haben genießen lassen, hatten ihre Wurzeln auch in Kenntnis der dunklen Seite des Daseins geschlagen. Denn das Licht kann nur in Akzeptanz der Dunkelheit erfahren werden. Woher wüsste man sonst, dass es hell und strahlend leuchtet.
In diesen Momenten vermied er fast jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Das war besser für die Anderen und erst recht für ihn. Er selbst konnte die Gesellschaft unter Miesepetern nicht ausstehen, hatte aber gelernt, dass es solche Unpässlichkeiten schon mal gab. Wartete er nun einfach, bis dieser Anfall von Niedergeschlagenheit vorbei war? Sicher war es immer eine Frage der Zeit, die Ereignisse, mit Abstand betrachtet, verblassen ließen. Doch diese Überlegung allein reichte bei Weitem nicht aus. In jeder Erfahrung steckt auch etwas Sinnhaftes, hatte er mal gelesen, und je mehr er sich mit diesem Thema beschäftigte, desto deutlicher reifte in ihm die Erkenntnis, dass ein Leben, so wie er es führte, mit all diesen Ups und Downs, nichts anderes als ein Reifeprozess war. Er war Akteur und Beobachter zugleich. Nur manchmal wusste er nicht, welche Rolle er gerade einnahm. Im Rückblick aber schien sich manchmal der Schleier des Unbegreiflichen zu lüften und da tauchten oft gebrauchte Sätze auf wie der, ob nicht vielleicht der Weg das Ziel ist?
Wenn er dann so zurück blickte, schien es ihm, dass alles in seinem Leben doch folgerichtig verlaufen war. Jede Begegnung mit anderen Menschen war zu ihrer Zeit gut und richtig. Wenn er heute noch wüsste, was aus dem einen oder anderen geworden ist, gerne hätte er mit ihnen noch mal Kontakt aufgenommen und ein wenig geplaudert, auch um eigenes Fehlverhalten aus früheren Zeiten korrigieren zu können. Er selbst trug niemanden etwas nach.
An diesem Abend freute er sich darauf, nach langer Zeit mal wieder mit seinem Bruder Stefan zusammentreffen zu können. Auch wenn es manchmal Wochen oder Monate dauerte bis sie sich sahen, nahm keiner dem anderen krumm, dass er sich längere Zeit nicht gemeldet hatte. Jeder führte ein Leben nach seiner Façon. Max war der Erstgeborene und ärgerte seinen um mehr als zehn Jahre jüngeren Bruder gerne mal damit, dass der seine Geburt mehr einem schrecklichen Unfall, denn einer geplanten Zeugung zu verdanken hat. Aber der 'Kleine' hatte sich mittlerweile an den nicht ganz schmerzfreien Humor seines älteren Bruders gewöhnt und antwortete: "Ist schon gut Alter. Wo treibst Du Dich denn wieder mal rum?" Dann wurde Max schlagartig klar, wie unterschiedlich ihre Lebensläufe doch waren. Der Jüngere, immer auf ein wenig mehr Sicherheit bedacht, grinste sich dann manchmal eins weg, wenn sein älterer Bruder von den jüngsten Ereignissen berichtete, wobei er noch längst nicht alles ausplauderte, was so alles passiert war. Das Gute aber war, dass beide mit ihrem Leben, jeder mit seinem, zufrieden waren.
Und wenn Stefan von Geschehnissen aus seinem Leben berichtete, war Max danach derjenige, der dann von neuen Ideen erzählte und dabei manchmal so ins Schwärmen geriet, dass Stefan ihm schon mal vorschlug, er solle für seine Predigt doch besser eine Kanzel besteigen. Auch darüber konnten beide herzlich lachen. Max versuchte auch nicht mehr seinen kleinen Bruder zu missionieren. Dazu schien er ihm schon zu alt. Temperamente sind nun mal unterschiedlich. Und während Stefan in Partnerschaftsdingen mehr für ein zwangloses Bratkartoffelverhältnis zu begeistern war, mit anschließender Sofa und TV Garantie, war der ältere von beiden an guten Tagen nicht zu bremsen. Dann sprudelte es aus ihm heraus und manchmal wunderte er sich, dass nicht jede(r) diesem Tempo Schritt halten konnte. Aber diese Momente waren es, die ihm Lebensglück bescherten. Das Dasein ist auch ein Abenteuer und es ist allemal besser am Steuer zu stehen, als im Bauch einer Galeere die Ruder zu betätigen. Es interessierte ihn auch weniger wo jemand herkam, als vielmehr wo die Reise hingehen könnte. Letztendlich reicht ein angstbefreiter Wahnsinniger doch aus, sich gemeinsam auf den Weg zu machen.
Wenn dann das brüderliche Gespräch in ruhigeres Fahrwasser geriet und man darüber räsonierte, was denn so alles in der Vergangenheit nicht geklappt hatte, wozu die eine oder andere Erfahrung denn gut sein konnte und man die Summe beider Hochs und Tiefs miteinander verglich, so erkannte Max, dass seine Tiefs zwar häufiger und schmerzhafter waren, aber die Hochs ihm beglückender und prächtiger vorkamen. Und die ließen in eigener Betrachtung das Leben heller erstrahlen und hatten ihn mehr beeindruckt, als manch dunkles Tal, welches zwischen den Gipfeln zu durchqueren war. Aber darüber schwieg er seinem Bruder gegenüber. Der wäre dann vielleicht doch noch übergelaufen. Manchmal scheint die Angst des Scheiterns die Menschen wie mit Stricken an den Boden zu fesseln.
So sind die Leben, jeder nach seiner Façon.
