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Der moderne Mensch, ein Single wider Willen? Alleine Leben ist schön?
Aus FOCUS Nr. 44 (2000)
Modernes Leben
Die große Single-Lüge
In der Statistik tauchen sie oft, in der Realität eher selten auf. Soziologe Laszlo Vaskovics klärt das Single-Missverständnis
Von FOCUS-Autorin Stella BettermannFOCUS: Herr Professor Vascovics, 36 Prozent der deutschen Bevölkerung, in Großstädten sogar 40 bis 50 Prozent, leben in Einzelhaushalten – und gelten daher als Single. Doch Sie sagen, den modernen Single gibt es so nicht ...
Hat auf absehbare Zeit jemand außerhalb der Familie-Wagner Chancen auf die Festspielleitung in Bayreuth?
Gefragt von Low n Grin Vaskovics: Die Frage ist eher: Wie oft kommt er vor? Bislang galt der Single als Prototyp der Moderne. Manche meinen, Singles sind Zeitpioniere, die etwas vorleben, was in Zukunft noch viel mehr Menschen nachmachen werden.
Es gibt den Single-Typ, allerdings ist er nicht so verbreitet, dass wir sagen müssten, wir leben bereits in einer Single-Gesellschaft. Das ist Unfug.
FOCUS: Wie hoch ist Ihrer Ansicht nach der Anteil der Singles?
Vaskovics: Um etwas über sie auszusagen, muss man erst mal die Familien anschauen. Wie viele davon gibt es? Die amtliche Statistik sagt: In Bayern sind es 1,4 Millionen Familien mit im Haushalt lebenden minderjährigen Kindern – über minderjährige Kinder ist Familie nämlich statistisch definiert.
Verändern wir nun nur ein einziges Kriterium des Begriffes Familienhaushalt und lassen auch die als Familie gelten, bei denen die Kinder schon volljährig sind, aber noch bei den Eltern leben, dann verändert sich die Größenordnung schon auf zwei Millionen Familien in Bayern. Diese Relation ist übrigens in etwa auch auf andere Bundesländer übertragbar.
Würden wir jetzt auch noch junge Erwachsene, die – zum Beispiel studienbedingt – in einer anderen Stadt leben, aber finanziell abhängig von den Eltern sind, zu den Familien zählen, dann würden wir bei den Familien auf eine noch höhere Zahl kommen. Und auf eine kleinere Zahl von Menschen, die nicht in einem Familienverband leben, also als Singles gelten.
Die Familienbildung erfolgt bei den jungen Menschen heute etwas später. Deshalb verweilen junge Leute, die sich noch in der vorfamiliären Phase befinden, etwas länger in diesem Stadium, werden aber in der Statistik als typische Singles erfasst.
FOCUS: Können das theoretisch auch junge Leute sein, die schon eine feste Partnerschaft führen?
Vaskovics: Das tut sogar die Mehrheit der 18- bis 30-Jährigen! Und knapp die Hälfte davon lebt wiederum in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. Übrigens zerlegt die Statistik solche nichtehelichen Lebensgemeinschaften in zwei Einzelhaushalte, selbst dann, wenn ein Kind da ist.
FOCUS: Die Missverständnisse über Singles sind also durch die ungenaue amtliche Statistik bedingt?
Vaskovics: Hauptsächlich, aber manche Sozialwissenschaftler nehmen dann diese Daten der Haushaltsstatistik, um ihre populären Thesen zur Single-Gesellschaft zu stützen.
FOCUS: Für das Staatsinstitut für Familienforschung haben Sie gerade eine Untersuchung mit dem Titel „Älter werden als Single“ fertiggestellt. Können Sie die Ergebnisse erläutern?
Vaskovics: Auch hier ist es sinnvoll, den Begriff Single enger zu fassen, als dies in der amtlichen Statistik geschieht, in der jeder Einzelhaushalt automatisch als Single-Haushalt gilt.
FOCUS: Wie haben Sie die älteren Singles definiert?
Vaskovics: Allein lebend, in den letzten fünf Jahren keine feste Partnerschaft, kein Kind vorhanden. Wir mussten allerdings 20 000 Adressen Alleinlebender im Alter von 55 bis 75 abchecken, um auf tausend Personen zu kommen, bei denen unsere Definition gegeben war – so drastisch sind die Relationen.
Und auch bei den Tausend stellte sich dann heraus: Die waren nicht immer das, was man unter einem Single verstehen würde. Da gab es beispielsweise alte Herren, die ein Leben lang mit ihrer Mutter zusammengelebt hatten.
FOCUS: Also eher Muttersöhnchen als moderne Singles?
Vaskovics: In jedem Fall Menschen, die von ihrer Lebensweise und Lebenseinstellung her alles andere sind als das, was man unter einem modernen Single verstehen würde!
FOCUS: Der Personenkreis, der amtlich als Single erfasst ist, besteht also überwiegend aus ganz jungen und ganz alten Menschen?
Vaskovics: Ja, ein großer Teil darunter hat die Familienphase bereits abgeschlossen – oder noch vor sich. Bei der Single-Diskussion werden aber diese Einpersonenhaushalte ohne Differenzierung argumentativ angeführt. Und dann heißt es: In München gibt es schon mehr als die Hälfte Einpersonenhaushalte – typische Single-Gesellschaft!
FOCUS: Dieses Missverständnis hatte Auswirkungen – Singles werden mit Mini-Packungen und Single-Partys umworben, es gibt eine ganze Industrie, die sich auf sie konzentriert.
Vaskovics: Vieles davon ist aber ja auch danebengegangen. Vor kurzem sah ich in Berlin einige riesige Wohnkomplexe, die für Single-Haushalte gedacht waren, und die stehen jetzt mehr oder minder leer oder mussten für andere Zwecke vermietet werden.
FOCUS: Ist die Aufsplitterung großer Wohnungen in Apartments folglich ein Fehler bei der Wohnungsplanung?
Vaskovics: Da muss man vorsichtig sein: Wenn eine Studentin von Bamberg nach München kommt, sucht sie sich eben eine kleine Wohnung. Aber vielleicht ist sie kein Single in dem Sinne, da ihr Freund in Bamberg geblieben ist und die beiden in drei Jahren eine Familie gründen wollen.
Wichtig wäre es, Singles im dynamischen Lebensverlauf zu betrachten: Die Single-Lebensform kann ja durchaus in bestimmten Phasen des Lebensverlaufes auftreten, unterschiedlich kurz oder lang sein.
FOCUS: Als Übergangsphase zwischen dem Scheitern der einen und dem Beginn der nächsten festen Beziehung, etwa drei Jahre später?
Vaskovics: In der Regel sind die Single-Phasen bei jungen Erwachsenen kürzer. Single-Dasein ist da mehrheitlich ein temporäres Phänomen.
FOCUS: Wie gering ist der Anteil der echten, klischeegerechten Singles? Gibt es dazu Zahlen?
Vaskovics: Nein. Laut der amtlichen Statistik leben in Bayern etwa 15 Prozent der Bevölkerung in Einpersonenhaushalten. Aber: Es handelt sich, wie erläutert, mehrheitlich um alte, verwitwete Personen beziehungsweise um Jüngere, von denen ein größerer Teil durchaus eine Familie gründen möchte.
Und es gibt auch Untersuchungen, allerdings keine repräsentativen, die besagen, dass etwa ein Viertel der 18- bis 45-jährigen Singles diese Lebensform von Anfang an so geplant und realisiert hat. Die Krux ist nur: Wie viele, die sich jetzt so äußern, sind in ein paar Jahren immer noch Singles? Um das herauszufinden, müsste man Längsschnittuntersuchungen anstellen, aber davon gibt es in Deutschland nur sehr wenige. Also greift man immer wieder auf Momentaufnahmen zurück, inklusive der Daten aus der Volkszählung und dem Mikrozensus. Bei den Mikrozensus-Erhebungen hat man nun das Kriterium „nichteheliche Lebensgemeinschaft“ aufgenommen, die Volkszählung hat es noch nicht übernommen.
Zur Single-Diskussion habe ich aber noch einen Einwand: Man muss sich fragen, ob diejenigen, die tatsächlich als Single leben, diese Lebensform freiwillig angestrebt haben oder sie ganz im Gegenteil als Konsequenz von Lebensumständen praktizieren, und die Betreffenden gar keine anderen Alternativen haben, als so zu leben.
FOCUS: Was ergibt Ihre Forschung zu dieser Frage?
Vaskovics: Ein Beispiel: Wir haben ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Allein erziehen in Deutschland“ durchgeführt – Alleinerziehende gelten in der Soziologie ja auch als ein Typ der Singles. Es zeigte sich aber, dass sich nur 14 Prozent aus freien Stücken für diese Lebensform entschieden hatten. Bei einem großen Teil lagen für das Alleinerziehen dagegen zwingende Gründe vor – etwa Verwitwung oder eine unabwendbare Ehescheidung. Die Lebensform allein erziehend war also durch Lebensumstände verursacht, die die Betreffenden übrigens oft als sehr problematisch ansahen.
FOCUS: Sind die Fehldeutungen der Single-Statistik Ihren Kollegen bislang nicht aufgefallen?
Vaskovics: Die Vertreter der empirischen Sozialforschung weisen immer wieder darauf hin, dass aus der Haushaltsstatistik im Hinblick auf die Zahl der Singles falsche Schlussfolgerungen gezogen werden. Konkrete Untersuchungen gibt es aber sehr wenige. Deshalb sind die erwähnten Untersuchungen so wichtig, weil sie harte Argumente zur Gesamtdiskussion liefern: Es stimmt nicht, dass wir in einer Single-Gesellschaft leben! Dagegen stellen wir immer wieder fest, dass die Familie eine hohe Wertschätzung erfährt, auch bei jungen Leuten.
FOCUS: Also keine Single-, sondern eine familiär orientierte Gesellschaft?
Vaskovics: Früher ist man davon ausgegangen, dass sich die Familie mit dem Auszug der Kinder auflöst. Nun stellen wir fest, das stimmt gar nicht. Sowohl das familiäre Kommunikationsnetz als auch die Familie als Solidargemeinschaft bleiben bestehen.
FOCUS: Wie sieht das aus?
Vaskovics: Zunächst einmal unterstützen Eltern erwachsene Kinder noch lange Zeit. Gegenseitige Unterstützung wird auch später reaktiviert, bei Hilfe- und Pflegebedarf. Engere Verwandtschaft erweist sich dann als ungeheuer tragfähig.
Wegen der höheren Lebenserwartung sind dabei zwischenzeitlich drei, vier Generationen miteinander vernetzt. Ob verheiratet oder nicht, ob unter demselben Dach oder allein lebend, ist da nicht mehr die zentrale Frage.
36 % der Deutschen leben laut Statistik in Einzelhaushalten, in Großstädten sind es 40-50 %
25 % der 18- bis 45-Jährigen geben als Lebensform Single an
Unter den 55- bis 75-Jährigen gibt es nur 5-10 % echte Singles
Prof. Dr. Laszlo Vaskovics
Soziologe,
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Das Staatsinstitut für Familienforschung in Bamberg steht unter seiner Leitung. Jüngste Forschungsarbeiten: „Allein erziehen in Deutschland“
Veröffentlichung in der Schriftenreihe des Bundesfamilienministeriums geplant
„Älter werden als Single“
Studie für das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales
Unterhaltungsfrage von: Ehemaliges Mitglied
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