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Philosophische Proseminare

  • Politeia

    Das Hauptwerk von Platon (427-347 v. Chr.) ist vielleicht das wirkungsmächtigste Werk der ganzen Philosophiegeschichte und ein bis heute umstrittenes. Nicht zuletzt verdankt es seine 'Unsterblichkeit' dem berühmten Höhlengleichnis, das wir hier genauer unter die Lupe nehmen wollen.

    Der Text des Gleichnisses kann in meinem gleichnamigen Platinnetz-Artikel nachgelesen werden.

    Die Schleiermacher-Übersetzung der gesamten Politeia ist preisgünstig als Rowohlt-Taschenbuch erhältlich. Ein Online-Text ist unter der Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ abgelegt.

Beiträge

  • M. 04.02.2008, 21:00:46

    Hi Leo,

    sorry, aber nach den ersten Zeilen war mir der Text zu schwerlich zu lesen. Nichts desto trotz möchte ich dir meine Ansicht zum Höhlengleichnis kundtun:

    Erstmal hallo an alle
    Ich denke, dass das Höhlengleichnis folgendes sagen möchte. Sehr viele Menschen sind in ihren Meinungen so festgefahren, dass sie sie unter keinen Umständen ändern möchten, selbst wenn sie die besten Argumente hören würden die ihre gegenwärtige Meinung als falsch outen würde. Die Macht der Meinung scheint, und das werdet ihr mir vielleicht bestätigen können, so stark, dass manche Menschen lieber sterben würden, als ihre Meinungen zu ändern, ---> was alle Kriege dieser Welt beweisen.
    Was hält ihr davon? Ich kann auch gerne Beispiele nennen.
    mfg,
    Marc

  • L. Josef 31.01.2008, 16:46:46

    "Wieso wendet er sich nicht endgültig ab und überlässt die Höhlenbewohner sich selbst und ihrem eigenen Schicksal?" (Monika R.)

    Sokrates und sein Musterschüler Platon sind von einem pädagogischen Optimismus sondergleichen beseelt. Was die sophistischen Falschmünzer fertigbringen, ist den philosophischen Goldschürfern erst recht zuzutrauen: am Ende noch den verführtesten Menschen vom Echten und Wahren zu überzeugen. Denn in eines jeden Seele muss es Widerhall finden, sind die Seelen doch ausnahmslos edle Geister, deren Leben in der Sinnen- und Körperwelt zwar mehr oder weniger stark behindert wird, aber keineswegs verlischt. Außerdem kann, wer sein Leben für eine bessere Menschenwelt aufs Spiel setzt, nur seinen ohnehin sterblichen Leib verlieren; seine Seele wird dagegen an ihren angestammten Ort zurückkehren, um neue Aufträge anzunehmen.

    Damit sind verschiedene Motive in Platons Philosophie angesprochen. Von der "Lehrbarkeit der Tugend", worauf ich in meiner Antwort den Hauptakzent habe legen wollen, handelt eingehend der Dialog "Menon", der sofort in medias res geht:

    "Kannst du mir sagen, Sokrates, ob die Tugend lehrbar ist? Oder ist sie nicht lehrbar, sondern durch Übung zu erlangen? Oder wird sie den Menschen weder durch Übung noch durch Lehre, sondern von Natur oder sonst irgendwie zuteil?"

  • Ehemaliges Mitglied 25.01.2008, 14:42:42

    Danke Leo für die Mühe und den Artikel über das Höllengleichnis. Wenn ich dies richtig interpretiere, geht es Platon nur darum zu zeigen, dass die Welt der Sinne fehlerhaft ist und ausgleichend bzw. ergänzend die Vernunft im Vordergrund stehen muss.
    Für ihn besteht die vergängliche Natur nur aus Schatten, aus Abbildern der ewigen Ideen und darüber ließen sich nur Meinungen zum Ausdruck bringen, aber kein Wissen erzielen.
    Was man dagegen wirklich erfassen könne, seien die Grundprinzipien der Welt, ohne die ein funktionierender Staat nicht existieren kann und ein gut funktionierender Staat strahlt auch auf den Einzelnen zurück.
    Und diese nämlich, die Ideen können gerade nicht mit den Sinnen, sondern nur mit der Vernunft erfasst werden. Sichere Erkenntnis ist nach Platon nur vom wahren Sein der Ideen möglich.
    Vielleicht sollte man jetzt auf den von Platon vorgegebenen Staat eingehen, wenn nicht weitere Ergänzungen oder Fragen zum Höllengleichnis kommen

  • L. Josef 30.01.2008, 19:46:23

    "Wenn ich dies richtig interpretiere, geht es Platon nur darum zu zeigen, dass die Welt der Sinne fehlerhaft ist und ausgleichend bzw. ergänzend die Vernunft im Vordergrund stehen muss." (Hans .)

    Zu diesem Resümee des Höhlengleichnisses, Hans, bist Du als bekennender Liebhaber von Zusammenfassungen gelangt. Für Deine Redlichkeit spricht dabei die Form des Bedingungssatzes, mit der Bedingung: "Wenn ich dies richtig interpretiere ..."

    Nach Deiner Interpretation setzt Platon Vernunfterkenntnis und sinnliche Wahrnehmung in ein bestimmtes Verhältnis zueinander, nämlich in ein "ausgleichendes bzw. ergänzendes". Diese Interpretation erscheint mir auf den ersten Blick zu modern für diesen antiken Text. Aber sehen wir weiter.

    Das Gleichnis unterscheidet drei Sphären des Sichtbaren:

    (1) die Höhlenwand vor den Augen der Gefesselten;
    (2) die Höhle im Rücken der Gefesselten;
    (3) die Welt außerhalb der Höhle.

    Wer alles gesehen hat, kann sagen:

    (1) was die Gefesselten an der Wand sehen, ist Widerschein;
    (2) was sonst in der Höhle zu sehen ist, ist Menschenwerk;
    (3) was außerhalb der Höhle zu sehen ist, ist das Ursprüngliche.

    Dass die drei Sphären in Ursprungsrelationen zueinander stehen, verdeutlicht das Höhlengleichnis an den "Lichtverhältnissen":

    (a) der dunkle Widerschein der Schatten entspringt dem Höhlenfeuer;
    (b) das Höhlenfeuer ist eine menschliche Nachbildung des Sonnenlichts.

    Diesen Durch-Blick hat aber, wie gesagt, nur der Um-Sichtige, dem alle Sphären zugänglich gemacht worden sind.

    Für das Ursprüngliche halten müssen hingegen die auf eine der unteren Sphären Festgelegten
    (a) den Widerschein, wenn sie Gefesselte sind, oder
    (b) das Menschenwerk, wenn sie in der übrigen Höhle "ortsfest" sind.

    Was das Gleichnis mir als seinem Leser vermittelt, sind zwei Enttäuschungen:
    (a) die Enttäuschung des Entfesselten;
    (b) die Enttäuschung des Hinausgelassen.

    Zweimal ist man in Bezug auf das Ursprüngliche irregeleitet worden. Kann da beim dritten Mal das Vertrauen noch groß sein, dass man nicht wieder enttäuscht wird und der helllichte Tag keine weitere Vorspiegelung falscher Tatsachen ist?

    In dieses besorgte Fragen mündet meine Beschreibung des Höhlenszenarios. Deutet das Gleichnis für dieses Problem eine Lösung an?

    Kann es vielleicht nur (sensuelle) Sinnestäuschungen, aber keine (ideellen) Vernunfttäuschungen geben? Oder ist auch das vernünftige Vernehmen ein Wahr-nehmen, das uns wahr-scheinlich zum Narren hält?

  • L. Josef 27.01.2008, 01:29:56

    "Es ist die Rede von „Geehrten und Machthabern“ – sind damit (geehrte und mächtige) Höhlenbewohner gemeint?" (Monika R.)

    Deine gezielte Zwischenfrage, Monika, kann ich nun doch nicht auf eine längere Bank schieben, obwohl die Nacht fortgeschritten ist und ich erst am kommenden Dienstag wieder Land sehen dürfte, um "Höhlen"-Kunde treiben zu können.

    An der Stelle mit den Geehrten und Machthabenden wird meine Erinnerung an den "Prager Frühling" wach. Damals versuchte die Sowjetunion es zuerst im "Guten", den vom realsozialistischen Kurs abweichenden KPC- und tschechoslowakischen Regierungschef Dubcek wieder zur "Vernunft" zu bringen. Er hätte alle Führungsämter behalten können, wäre er wieder auf die Generallinie eingeschwenkt. Doch er ließ sich durch diesen "sanften Druck" nicht abbringen von der Idee eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Also mussten Panzer rollen. Dubcek kam - anders als etwa 100 seiner verzweifelt Widerstand gegen die Übermacht leistenden Anhänger - mit dem Leben davon, musste aber "fortan seinen Lebensunterhalt als Waldarbeiter verdienen". Diese Wikipedia-Auskunft erscheint mir als überaus gelungene Entsprechung zu der Frage im Gleichnis, die unmittelbar auf "Geehrte und Machthabende" folgt: "Oder wird ihm das Homerische begegnen und er viel lieber wollen das Feld als Tagelöhner bestellen einem dürftigen Mann und lieber alles über sich ergehen lassen, als wieder solche Vorstellungen zu haben wie dort und so zu leben?" Das quasi tat Dubcek von 1970 bis zu jenen Tagen des Jahres 1989, als doch noch die Stunde seines Reform-Geistes mächtig schlug und sich niemand mehr im totalitären "Höhlen"-Kino festhalten und beschatten ließ.

    Deine Frage, Monika, ist damit zwar nur indirekt, aber, wie ich hoffe, doch deutlich genug beantwortet. Schließlich steht dieses Proseminar im Zeichen der Stilform Gleichnis :-)