1. Wie beschreiben Sie Ihren Patienten die Parkinson-Krankheit, wenn diese gerade die Diagnose erhalten haben?

Die Parkinson-Krankheit ist eine langsam fortschreitende Erkrankung des Nervensystems. Bestimmte Nervenzellen im Gehirn sterben ab, sodass ein wichtiger Botenstoff – das Dopamin – nicht mehr in ausreichender Menge produziert werden kann. Ohne Dopamin kann der Impuls, eine Bewegung auszuführen, nicht von einer Nervenzelle an eine andere weitergeleitet werden. Fehlt Dopamin, kommt es zu Muskelzittern im Ruhezustand und verlangsamten Bewegungen; auch Muskelstarre, Bewegungslosigkeit und Instabilität können auftreten. Eine ähnliche Abnahme von Dopamin produzierenden Nervenzellen tritt normalerweise mit fortschreitendem Alter auf, aber bei Parkinson beginnt dieser Prozess viel eher und läuft schneller ab.

2. Wie ist der typische Verlauf der Parkinson-Krankheit? Gibt es überhaupt einen „typischen“ Verlauf?

Die Krankheit verläuft individuell verschieden, aber es gibt Tendenzen. Sie schreitet üblicherweise langsam voran und tritt ab dem 50. Lebensjahr auf, seltener auch in jüngeren Jahren. In den ersten fünf bis zehn Jahren der Erkrankung lassen sich die Beschwerden meist sehr gut mit Tabletten behandeln. In fortgeschrittenem Stadium kann der Dopaminhaushalt aber immer mehr aus dem Gleichgewicht geraten, sodass die Beschwerden schwieriger mit Medikamenten zu kontrollieren sind. Es kommt zu Wirkungsschwankungen und der Abstand zwischen den Tabletteneinnahmen muss verkürzt werden.

3. Wie wird Parkinson heute behandelt?

Ziel der Behandlung von Parkinson ist es, die Beschwerden, die durch das Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn entstehen, so gut wie möglich in den Griff zu bekommen. Bei Diagnose und Behandlung können Medikamente die Symptome eingrenzen und so die Lebensqualität eine Zeit lang gut erhalten.

Hier gibt es verschiedene Ansätze in Tablettenform

  • Sogenannte Dopa-Präparate enthalten L-Dopa (auch Levodopa genannt), die Vorstufe des fehlenden Botenstoffs Dopamin, der im Gehirn zu Dopamin umgewandelt wird.
  • COMT-Hemmer hemmen den Abbau von L-Dopa außerhalb des Gehirns, damit genug für die Herstellung des Botenstoffes Dopamin zur Verfügung steht.
  • MAO-Hemmer B hemmen den Abbau von Dopamin; der tatsächliche Einfluss von MAO-Hemmern B auf die Erkrankung wird noch diskutiert.
  • Dopaminagonisten übernehmen die Rolle des fehlenden Dopamins bei der Signalleitung der Nervenzellen im Körper.

4. Was versteht man unter dem „Honeymoon“ in Zusammenhang mit Parkinson?

Viele Patienten sprechen zu Beginn der Erkrankung sehr gut auf die Medikamente an. Die gezielte Therapie kann am Anfang sogar zu einer völligen Beschwerdefreiheit führen. Diese erste Phase der Krankheit wird dann als „Honeymoon“ – also Flitterwochen – bezeichnet. Einige Patienten fühlen sich wie „geheilt“, die Angehörigen und Freunde zweifeln häufig an der Diagnose. Es gibt aber bis heute trotz intensiver Forschung kein Mittel zur Vermeidung und Heilung von Parkinson. Wenn der Patient die Dosis reduziert oder die Medikamente absetzt, dann sind die Beschwerden leider wieder da.

In dieser ersten Krankheitsphase ist die Medikamentenwirkung im Laufe des Tages ausgeglichen, Nebenwirkungen treten selten auf. Bei regelmäßigen ärztlichen Kontrollen soll die Dosishöhe und die Zusammensetzung der Medikamente überprüft und die Medikation eventuell angepasst werden. Auf diesem Wege kann das unvermeidliche Fortschreiten von Parkinson erst einmal gut ausgeglichen werden.

Die früh eingesetzte und für die Patienten optimale Therapie kann nach jetzigem Wissensstand sogar das Fortschreiten der Krankheit etwas abbremsen. Diese eher unproblematische Zeit kann fünf bis zehn Jahre lang, manchmal noch länger, dauern.

5. Wie äußert sich das fortgeschrittene Stadium des Parkinsons?

Mit fortschreitender Abnahme der Dopamin produzierenden Zellen im Gehirn wird es schwieriger, die Beschwerden zu kontrollieren. Es kommt zu Wirkungsschwankungen der Tabletten: Auf Phasen, in denen sich der Patient sprichwörtlich nicht von der Stelle bewegen kann – quasi „einfriert“ –, folgen unwillkürliche Überbewegungen. Wir sprechen von On-Off-Phasen, die den Alltag für die Betroffenen und ihre Angehörigen sehr erschweren.

Die Therapie muss dann häufiger angepasst werden und der Abstand zwischen den Tabletteneinnahmen wird kürzer. Das sogenannte therapeutische Fenster, das wir mit unserer Medikation treffen müssen, wird immer kleiner.

Es können auch neue und nicht motorische Symptome wie Halluzinationen, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit, Gedächtnisstörungen, Harninkontinenz, Verstopfung, Erektionsstörungen, erniedrigter Blutdruck beim raschen Aufstehen, Sehstörungen und häufiges Schwitzen hinzu kommen – gerade diese Beschwerden belasten Menschen mit Parkinson und ihre Lebensqualität.

6. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für das fortgeschrittene Stadium? Für wen sind sie geeignet?

Aufgrund der Tatsache, dass Parkinson eine fortschreitende Erkrankung ist, ist es wichtig, dass Betroffene und ihre Angehörigen sich bereits frühzeitig über mögliche Therapien für die Phase des fortgeschrittenen Parkinsons informieren. Zahlreiche Selbsthilfegruppen, Kliniken und Ärzte stellen Informationen bereit, die helfen, mit dem Arzt gemeinsam die richtige Therapieform zu finden.

Zurzeit stehen Patienten im fortgeschrittenen Stadium drei Behandlungsmethoden zur Verfügung: Die kontinuierliche Apomorphin-Infusion, die kontinuierliche L-Dopa-Infusion und die Tiefe Hirnstimulation. Wir sprechen hier von sogenannten Eskalationstherapien.

Apomorphin-Pumpe: Mittels einer Medikamentenpumpe wird der Wirkstoff Apomorphin kontinuierlich direkt unter die Haut gegeben. Apomorphin übernimmt die Stimulation der Nervenzellen und ersetzt so das fehlende Dopamin. Die Apomorphin-Pumpe ist für Patienten bis ca. 70 Jahre gut geeignet. Sie erfordert das tägliche Einstechen einer Nadel in die Haut und eine entsprechend gute Hygiene, ein chirurgischer Eingriff wird so vermieden.

Levodopa-Pumpe: Auch die Dopaminvorstufe L-Dopa kann als kontinuierliche Infusion verabreicht werden. Bei dieser Therapie wird eine Sonde durch die Bauchdecke in den Dünndarm gelegt. Dadurch kann L-Dopa gleichmäßig in den Dünndarm abgegeben werden und in den Körper gelangen. So lässt sich auch die ungleichmäßige Magenentleerung umgehen, die im fortgeschrittenen Stadium auftreten kann und Wirkungsschwankungen der Tabletten begünstigt. Die kontinuierliche L-Dopa-Infusion kann über eine Nasensonde zunächst getestet werden.

Die Tiefe Hirnstimulation ist für Patienten bis 70 Jahre geeignet, besonders wenn sie unter einem Tremor – also stetigem Muskelzittern – leiden. Auch bei Menschen mit einer durch Medikamente ausgelösten Psychose kann die Tiefe Hirnstimulation helfen. Während einer Operation werden Elektroden im Gehirn platziert, die Impulse an die Nervenzellen abgeben.

7. Wann raten Sie Ihren Patienten zu einer fortgeschrittenen Therapie? Mit welcher Begründung?

Sobald Wirkungsschwankungen unter Tabletten auftreten, sollte mit dem behandelnden Arzt über Therapiealternativen wie Medikamentenpumpen und die Tiefe Hirnstimulation nachgedacht werden. Der Wechsel zwischen Überbeweglichkeit und Unterbeweglichkeit – die On-Off-Phasen – werden mit Fortschreiten der Erkrankung immer intensiver. Bei manchen Patienten kann der Wechsel innerhalb weniger Minuten auftreten. Die Lebensqualität ist immens eingeschränkt.

Ich rate Betroffenen und Angehörigen, den Verlauf der Erkrankung genau im Blick zu haben und mit einem Neurologen über ihre Möglichkeiten zu sprechen, sobald die Wirkungsschwankungen vermehrt auftreten.


8. Werden Patienten mit fortgeschrittenem Morbus Parkinson in Deutschland Ihrer Meinung nach rechtzeitig und optimal therapiert? Wenn nein, woran liegt das?

Parkinson-Patienten im fortgeschrittenen Stadium werden in Deutschland meiner Meinung nach leider nicht rechtzeitig und auch nicht optimal therapiert. Das ist jedoch abhängig von der Region, je nachdem, ob spezialisierte Zentren und Praxen in der Nähe sind.

Zum Teil gibt es keine ausreichende Aufklärung von zuweisenden Ärzten und Patienten speziell über das fortgeschrittene Stadium. Es wird dann nicht rechtzeitig erkannt und nicht mit den verfügbaren Therapiemöglichkeiten wie Apomorphin-Pumpe, Levodopa-Pumpe oder Tiefe Hirnstimulation behandelt.

9. Was müsste Ihrer Einschätzung nach verbessert werden? Und was können Patienten selbst tun?

Wir brauchen eine bessere Verzahnung des ambulanten und des stationären Bereichs – also der neurologischen Praxen und der Kliniken. Es gibt das so genannte „Düsseldorfer Modell“, bei dem Parkinsonexperten aus der Klinik auch Nervenarztpraxen in der Region besuchen. Darüber hinaus brauchen wir meiner Meinung nach mehr Expertenvorträge über die drei Therapiemöglichkeiten im fortgeschrittenen Stadium für Hausärzte, Pflegestützpunkte, Mitarbeiter von Arbeiterwohlfahrt und Caritas als auch für niedergelassene Nervenärzte, die nicht so regelmäßig mit Parkinson in Berührung kommen. Nicht zuletzt möchte ich Patienten und Angehörigen raten, auch das Informationsangebot von Selbsthilfegruppen zu nutzen. Hier erfährt man viel über Möglichkeiten und die Erfahrungen anderer.


Dr. med. Robert Liszka
Oberarzt der Klinik für Neurologie am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern.